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Berlinale-Star

Warum Ulrich Tukur den Nazi John Rabe spielte

Ulrich Tukur ist in gleich drei Filmen auf der Berlinale zu sehen. Nur nicht im Wettbewerb. Mit Morgenpost Online sprach der 50-Jährige über Rollen als Nazi und Nazi-Opfer, seine Familie, Berlinale-Chef Dieter Kosslick - und über Filme, die er nur des Geldes wegen gedreht hat.

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Berlinale 2009: "John Rabe"
Foto: DDP
Das gab's noch nie: Der Freidrichstadtpalst als Premierenkino - am Samstag für "John Rabe".

Morgenpost Online: Herr Tukur, Sie sind mit drei Filmen auf der Berlinale vertreten. Sind das jetzt die Tukur-Festspiele?

Ulrich Tukur: Ich glaube, ich bin zumindest der quantitative Sieger. Ich wusste aber bis vor kurzem gar nicht, dass Costa-Gavras dabei ist, den Film habe ich selbst noch nicht gesehen und auch „Das Vaterspiel“ nicht.

Morgenpost Online: Lassen Sie uns zuerst über „John Rabe“ reden. Was hat Sie an dieser Figur interessiert, einem deutschen Nazi, der 1937 mehr als 200.000 Chinesen das Leben rettete?

Tukur: Ich kannte ihn, wie die meisten, vorher nicht. Mich fasziniert, wie widersprüchlich Geschichte oft verläuft. Nazis sind nicht immer böse, hinter jeder Ideologie stehen Menschen. Und John Rabe hat in einer Situation, in der die meisten davongelaufen wären, unglaubliche Zivilcourage bewiesen und sehr schlau, trickreich und mit Galgenhumor diese Naziversatzstücke genutzt, um Menschenleben zu retten. Aber er glaubte eben auch an Hitler.

Morgenpost Online: Es gibt ein ganz ähnliche Geschichte, die Steven Spielberg verfilmt hat: die von Oskar Schindler und seiner Liste.

Tukur: Es gibt sicher ein paar Parallelen, aber der große Unterschied: Schindler war Geschäftsmann, und die Rettung hat ihm auch selbst genutzt, ich will das gar nicht schmälern, er war trotzdem ein hoch anständiger Mensch. Aber Rabe hatte überhaupt kein ökonomisches Interesse, er hat dadurch nur verloren.

Morgenpost Online: Suchen Sie in einer solchen Rolle nach Momenten, die mit ihnen selbst zu tun haben?

Tukur: Das ist extrem wichtig. Wie wäre ich in dieser Situation? Was interessiert mich an ihm? Man kann keine Figur spielen, die man total ablehnt. Selbst einen Triebtäter muss man verstehen, auch wenn es nur der Drang und die Verzweiflung sind. Irgendeine Form von Zuneigung muss man finden.

Morgenpost Online: Ursprünglich sollte Ulrich Mühe den John Rabe spielen.

Tukur: Er war damals schon sehr krank, und der Regisseur Florian Gallenberger fragte mich irgendwann, ob ich die Rolle übernehmen wolle. Ich habe dann noch am selben Abend Uli angerufen und ihn gewissermaßen um Erlaubnis gefragt. Er meinte nur ‚Mach das, so bleibt wenigstens der Vorname.’

Morgenpost Online: In Ihrem zweiten Berlinalefilm „Das Vaterspiel“ suchen Sie als ein litauischer Jude den Mann, der Ihren Vater im Ghetto ermordet hat. Auch sonst spielen Sie sehr oft Opfer und Täter aus der Nazizeit. Was treibt Sie da an?

Tukur: Das Dritte Reich lässt uns alle nicht los, weil es so etwas Theatralisches hat. Der Blick in den eigenen Abgrund. Ein Mensch kann zu allem hin erzogen werden. Aus historischem Abstand da jemand schuldig zu sprechen, ist einfach.

Morgenpost Online: Arbeiten Sie damit auch eigene Familiengeschichte ab?

Tukur: Meine Familie ist Bürgertum, normale Mitläufer, man versuchte über die Runden zu kommen. Aber bis heute ist es schwierig, mit meinen Eltern über die Zeit zu reden, weil sie sich immer angeklagt fühlen. Dabei bin ich nur neugierig, will wissen, wie es damals war. Hat man etwas gesehen, geahnt? Bei solchen Fragen gab es immer große Streitereien. Aber meine Rollenwahl hat damit nichts zu tun. Mich interessiert generell, wie wir als Gesellschaft mit unserer Vergangenheit umgehen, wie sie uns heute noch beeinflusst.

Morgenpost Online: Kino reicht Ihnen offensichtlich nicht. Sie wechseln zwischen Leinwand, TV und Bühne, treten mit ihrer Jazzband auf und brachten einen Erzählband heraus.

Tukur: Klingt ein bisschen wahnsinnig, meinen Sie? Nein, man muss schon aufpassen, dass man nicht zu viel macht und verbrennt. Aber ich bin mit dieser Mehrgleisigkeit gut gefahren. Man macht sich nie abhängig von einzelnen Fernsehredakteuren, Intendanten oder Plattenfirmen. Das ist ein großes Glück, für das ich aber auch 25 Jahre geschuftet habe.

Morgenpost Online: Ulrich Tukur, die Firma?

Aber eine schlecht geführte! Ich habe nie eine große Strategie gehabt, keinen Lebensplan. Man muss die Chancen ergreifen, wie sie sich bieten. Das habe ich getan.

Morgenpost Online: Nehmen Sie auch Projekte nur fürs Geld an?

Tukur: Natürlich! Das wäre ja verlogen, wenn ich sagen würde, ich mach es nur für die Kunst. Man muss halt aufpassen, dass man es noch vertreten kann. Ich habe schon einige Abscheulichkeiten gemacht, die sich aber genial versendet haben.

Morgenpost Online: Was spielen Sie im Abschlussfilm „Eden à l’Ouest“ von Costa-Gavras?

Tukur: Eine ganz marginale Rolle. Einen Zauberer in einem Urlaubsressort. Mit Costa-Gavras verbindet mich eine tiefe Freundschaft, er bringt mich in jeden Film unter, in der kleinsten Rolle, wie eine Art Maskottchen. Aber ich mach das gern.

Morgenpost Online: Keine Angst, sich mit drei Filmen auf der Berlinale selbst die Schau zu stehlen?

Tukur: Nein, es ist ja keiner davon im Wettbewerb. Herr Kosslick macht seine Arbeit wirklich sehr bezaubernd und berückend, aber er lässt mich einfach nicht in den Wettbewerb! Sprechen Sie ihn bloß nicht auf „Das Leben der Anderen“ an.

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