Wettbewerb - "Mammoth"
Sentimental wattierte Globalisierungsschnulze
In "Mammoth" wird eine Geschichte gleich mehrfach erzählt. Das macht die Sache nicht besser. Der Berlinale-Wettbewerbsbeitrag von Lukas Moodysson ist die Globalisierungserklärung eines Gutmeinenden. Und ein Film, von dem man sich wünscht, er wäre dem Regisseur ausgeredet worden.
Von Hanns-Georg Rodek
Hoffentlich hat die Berlinale nicht den Fehler begangen, Ursula von der Leyen zu "Mammoth" einzuladen. Frau von der Leyen, die seit Jahren dieser Republik einzureden versucht, Väter und Mütter könnten ihre Kinder vom frühsten Alter an problemlos in Krippen stecken und dann den ganzen Tag das Bruttosozialprodukt erhöhen, wäre mit versteinerter Miene aus Lukas Moodyssons Film gekommen.
Im Wesentlichen erzählt "Mammoth" dreimal die gleiche Geschichte: Ein Kind bekommt nicht die Zuneigung. die es braucht, weil seine Eltern lieber anschaffen. Tom (Gael Garcia Bernal) reist in Computergeschäften um die Welt, Allison (Michelle Williams) rettet als Notfallärztin fremde Kinder und fällt zu Hause erschöpft ins Bett. Ihre siebenjährige Tochter wird vom Filipino-Kindermädchen betreut.
Die Filipina wiederum hat ihre kleinen Söhne bei der Großmutter gelassen, um sich in New York Geld für ein Haus daheim verdienen zu können. Und auf seinem Zwischenstop in Bangkok lernt Tom das Freudenmädchen Gloria kennen, das ein kleines Kind irgendwo zurückgelassen hat und ihm per Handy Wiegenlieder vorsingt.
Wer nach dieser geballten Ladung unglücklicher Kinder weiter glaubt, dass die Welt mehr Nannys und Krippen braucht, wäre mit Sicherheit im Von der Leyenschen Beraterteam willkommen.
Hätte sich im Moodyssonschen Beraterteam bloß auch jemand gefunden, der dem talentiertesten und radikalsten schwedischen Regisseur nach Ingmar Bergman diese Globalisierungsschnulze ausgeredet hätte. Der Film ist eine 180-Grad-Wendung für Moodysson, der mit Werken wie "Fucking Amal", "Zusammen" oder "Container" sehr klarsichtige Zeitanalysen geliefert hat. Hier neigt man seiner These zwar zu, doch sieht sie durch sentimentale Wattierung diskreditiert.
In einem Jahr, wenn die DVD auf Amazon zu haben sein wird, dürfte unter dem Warenkorb die Bemerkung stehen "Wenn Sie diesen Film mochten, dürfte Ihnen auch ,Babel' gefallen." In der Tat gehören beide Filme in die Kategorie der Globalisierungserklärer, wo gutmeinende westliche Filmregisseure ihrem Publikum klarzumachen versuchen, wie alles zusammenhängt. Gegen "Mammoth" ist "Babel" allerdings immer noch ein Musterstück klarsichtiger Analyse.
Moodyssons Erste-Welt-Figuren suhlen sich in ihren Luxusproblemen, wiederholt zeigt der Regisseur Darstellerin Michelle Williams, die einen bis zum Bersten gefüllten Kühlschrank öffnet und wieder schließt, weil sie keine Ahnung hat, wie sie mit den Lebensmitteln ein Mahl zubereiten soll. Das ist zwar eine hübsche Beobachtung, doch Moodysson findet keine Haltung zu seinen Personen, alle haben sie irgendwie Unrecht und sind doch zu verstehen. Der einzige Anflug von Konsequenz streift den Film in seinen letzten Sekunden, wenn Bernal und Williams nach dem Abgang ihrer Filipina ankündigen, ihr bisheriges Leben weiterzuführen, ohne irgendetwas zu verändern: "Dann brauchen wir eben eine neue Nanny."
Wiederholungen: 9.2. - 12 und 15 Uhr, Friedrichstadtpalast; 22.30 Uhr, Urania / 15.2. - 10 Uhr, Berlinale-Palast.
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