Wettbewerb - "Sturm"
Das Berlinale-Duell der Deutschen
Zwei Großfilme zweier deutscher Regisseure über zwei Fälle von Zivilcourage - das sind "John Rabe" von Oscar-Preisträger Florian Gallenberger und "Sturm" von Hans-Christian Schmid. Der Zufall will’s oder doch die Programmplanung, dass die beiden Filme am Samstag gleichzeitig zu sehen waren.
Von Peter Zander
Der eine muss sich schon recht bald entscheiden. Er kämpft sich mit seiner Frau durch eine Menschenmasse an den Hafen, wo das letzte Schiff ausläuft. Doch dann lässt er seine Frau an Deck und bleibt auf der Reling stehen, die langsam zurückgerollt wird. Nein, John Rabe läuft nicht davon. Die andere muss sich relativ spät entscheiden. Sie hat eine Kronzeugin aufgetan, hat sie lange überredet, auszusagen. Und dann hat das Gericht einen faulen Kompromiss ausgehandelt und will diesen Punkt gar nicht verhandeln. Da steht die Anklägerin nun, mitten im Prozess, und muss sich ebenfalls entscheiden: Fügt sie sich oder lehnt sie sich auf?
Zwei Großfilme zweier deutscher Regisseure über zwei Fälle von Zivilcourage – das sind "John Rabe" von Oscar-Preisträger Florian Gallenberger und "Sturm" von Hans-Christian Schmid. Der Zufall will’s oder doch die Programmplanung, dass die beiden Filme gestern gleichzeitig zu sehen waren.
Natürlich, das ist immer so auf einem Festival. Wenn man knapp 400 Filme in elf Tagen zeigt, ist es kaum möglich, auch nur ein Zehntel zu schaffen. In diesem Fall aber ist das Dilemma hausgemacht. Filme mit der Marke "Berlinale Special" hat es in der Vergangenheit immer wieder ; das waren Beiträge, die es nicht in den Wettbewerb geschafft haben, aber dennoch hervorgehoben wurden. In diesem Jahr hat Festivalleiter Dieter Kosslick aus dieser Sparte indes eine ganze Sektion gemacht - und ihr auch noch die neue Spielstätte, den Friedrichstadtpalast, für die Gala-Vorstellung geschenkt: ein Kino, noch geräumiger als der Berlinale-Palast, das aber seinen Roten Teppich weit entfernt vom Potsdamer Platz ausrollt.
Da muss denn auch das Publikum eine Entscheidung treffen. Für deutsche Großproduktionen wie "Effi Briest" und die Knef-Biographie "Hilde" oder für Wettbewerbsbeiträge wie "The Messenger" und Andrej Wajdas "Taratak", die zur gleichen Zeit laufen. Durch die neue Sektion bekommt die Berlinale noch mehr Glanz, stiehlt allerdings dem Wettbewerb, dem eigentlichen Juwel eines jeden Festivals, enorm die Schau. Nirgends wurde dies klarer als gestern Abend mit dem Duell "John Rabe" kontra "Sturm".
Letzterer ist ein klassischer Politfilm von Hans-Christian Schmid, der alle drei Jahre einen Film im Wettbewerb präsentieren darf ("Lichter" 2003, "Requiem" 2006). "Sturm" spielt am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag. Im Prozess gegen einen ehemaligen jugoslawischen Befehlshaber, der für ethnische Säuberungen verantwortlich ist, fällt der Anklägerin Hannah Maynard (Kerry Fox) gleich zu Beginn ein Kronzeuge aus, der sich erst in Widersprüche verstrickt und dann im Hotelzimmer erhängt. Weil sie den Fall nicht verloren geben will, reist die streitbare Frau selbst nach Sarajevo, wo sie die Schwester des Toten (Anamaria Marinca) kennen lernt – die doch viel grausigere Details zu berichten weiß.
Doch allmählich kommt die Juristin dahinter, dass nicht nur alte Seilschaften vor Ort ihre Ermittlungen behindern, sondern auch die Hohe Politik der UN. Schmid, ein Anhänger der Berliner Schule, versucht sich hier, wie Kollege Tykwer beim Eröffnungsfilm, am Genrefilm und nutzt, in Anlehnung an New Hollywood, aktuelle Bezüge für einen eindringlichen Thriller. In deren Mittelpunkt: zwei unglaublich starke Frauen, die sich gegenseitig einen Darsteller-Bären wegzuspielen scheinen (und ihn womöglich gemeinsam bekommen könnten).
Aber die beiden bekommen es eben nicht nur mit bosnischen Söldnern und dem bürokratischem Apparat der UN zu tun, sondern auch – mit John Rabe. Der ist so etwas wie der "Schindler Chinas". Ein Siemens-Werkleiter in Nanking Ende der Dreißiger Jahre, der am Abend seiner Abreise als chinesischer Nationalheld gefeiert wird – und sich dann erst als solcher erweisen wird. Denn als die Japaner China überfallen und in Nanking unglaubliche Gräuel verüben, beschließt Rabe, zu bleiben und nicht nur seinen Angestellten, sondern bald auch Flüchtlingen aus ganz China zu helfen.
In einer Schlüsselszene des Films, bei einem Bombardement der Japaner, lässt er die bis dato ungenutzte Hakenkreuzfahne aufspannen und schart Chinesen darunter: Den Achsenmacht-Verbündeten verschonen die Aggressoren. Über 200.000 Chinesen hat Rabe in einer von ihm mit eingerichteten Sicherheitszone das Leben gerettet. Eine Tatsache, die die Nazis lange verschwiegen haben, bis vor zwölf Jahren Rabes Tagebücher wieder entdeckt wurden. In der Titelrolle: Ulrich Tukur als Mitläufer, der langsam über sich selbst hinauswächst und dabei auch die Nebenrollen (darunter Steve Buscemi, Dagmar Manzel und Daniel Brühl) zu erdrücken droht.
"John Rabe" ist großes Ausstattungskino mit stilsicher inszenierten Massenszenen, der ähnlich wie Gallenbergers Indien-Film "Schatten der Zeit" auch vor Gefühlskitsch nicht zurückscheut. Also so ziemlich das Gegenteil, das Anti-Modell zu dem realismusnahen, nicht auf Effekte zielenden Kino, wie es einem Schmid vorschwebt. Es spricht für das deutsche Kino, dass es solch unterschiedliche und gleichermaßen starke Ansätze bieten kann. Nur schade, wenn man sie nicht auch beide sehen kann.
"Sturm" / Wiederholungen: 8.2. - 12 Uhr, Friedrichstadtpalast; 17.30 Uhr, Urania; 15.2. - 22 Uhr, Berlinale-Palast
"John Rabe" Wiederholung: 8.2. - 18 Uhr, Cubix
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