Wettbewerb - "In the Electric Mist"
Ziemlich unwahrscheinlich - und trotzdem gut
Der Polizist Dave Robicheaux muss eine Reihe äußerst brutaler Frauenmorde aufklären. Diese wiederum sind auf mysteriöse Weise mit dem Mord an einem Schwarzen in den Sechzigerjahren verbunden. Die Fäden scheinen bei dem Mafiaboss Balboni zusammenzulaufen, mit dem Robicheaux als Junge sogar einmal befreundet war.
Von Matthias Heine
Einer der größten Hits der legendären Sechzigerjahre-Gruppe The Band hieß "The Night they Drove Old Dixie Down". Es ist eine traurig-romantische Hymne auf den aussichtslosen Kampf der Südstaaten im amerikanischen Bürgerkrieg und eine Klage über den Untergang ihrer jenseits aller Sklaverei dennoch von Ehre und Schönheit geprägten Zivilisation. Gesungen hat das damals der The-Band-Schlagzeuger Levon Helm. Deshalb war es ein wirklich schöner Besetzungscoup des französischen Regisseurs Bertrand Tavernier (Goldener Bär 1995 für "Der Lockvogel"), ausgerechnet jenen Levon Helm im Wettbewerbsfilm "In the Electric Mist" einen Südstaatengeneral spielen zu lassen, der Tommy Lee Jones in seinen Visionen erscheint.
Vielleicht rühren diese Halluzinationen her von dem LSD, dass jemand Jones auf einer dekadenten Filmparty in seine Cola gemischt hat. Vielleicht ist der General aber auch wahrhaftig die Stimme des kollektiven Südstaatenunterbewusstseins, die die Hauptfigur des Films an die romantischen Werte des alten "Dixie" (so der volkstümliche Name der Konföderierten Staaten) erinnern will. Jones spielt den Polizisten Dave Robicheaux, der eine Reihe äußerst brutaler Frauenmorde aufklären muss, die wiederum auf mysteriöse Weise mit dem Mord an einem Schwarzen in den Sechzigerjahren verbunden sind. Die Fäden scheinen bei dem Mafiaboss und Filmproduzenten "Babyfeet" Balboni zusammenzulaufen, mit dem Robicheaux als Junge sogar einmal befreundet war. Erschwert werden die Untersuchungen durch das unberechenbare Prominenten-Benehmen zweier den Drogen und dem Alkohol zugetaner Filmstars (Kelly McDonald, Peter Sarsgaard), die im ländlichen Louisiana einen Bürgerkriegsfilm drehen. Den mittlerweile ganz faszinierend zerfurchten Tommy Lee Jones sieht man immer gerne, wenn er einen philosophischen Sheriff spielt (wie zuletzt schon in "No Country for Old Men"). Bürgerkriegsuniformen sind jedes Mal wieder eine Augenweide. Und die Landschaft und Zivilisation Louisianas mit seiner Cajun-Mischung aus französischen und schwarzen Einflüssen, schaffen immer eine besonders interessante Filmatmosphäre – von der tollen Musik gar nicht zu reden. Wenn dann auch noch John Goodman und Jones zwei umwerfende wuchtige Darstellungen abliefern, vergisst man gerne, dass das auf einem Roman von James Lee Burke basierende Drehbuch von abgrundtiefen Unwahrscheinlichkeiten strotzt, in denen ein weniger erfahrener Wanderer als der krimi-erfahrene Tavernier (er wurde international bekannt mit der Simenon-Verfilmung "Der Uhrmacher von St. Paul") wahrscheinlich untergegangen wäre wie in den Alligatorensümpfen von Louisiana
Wiederholungen: 8.2. - 19.30 Uhr Friedrichstadtpalast, 22.30 Uhr Urania
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