"Lille Soldat"
Ein Film, der zu viel auf einmal will
Die dänische Regisseurin Annette K. Olesen ist mit ihrem vierten Film bei der Berlinale dabei: "Lille Soldat", einem Drama über das Nachkriegstrauma einer Soldatin - und die dramatischen Zustände, die sie zu Hause erlebt. Denn dort handelt ihre Vater mit Frauen. Ein schön amibvalenter Film.
Von Matthias Heine
Lotte (Trine Dyrholm) ist heimgekehrt aus dem Krieg. Und wie immer in solchen Filmen wird sie auch im dänischen Wettbewerbsbeitrag "Lille Soldat" mit dem, was sie bei ihrem Auslandeinsatz, erlebt hat nicht fertig. Man fragt sich – ähnlich wie beim TV-Drama "Willkommen zu Hause" –, wieso eigentlich die Millionen Soldaten, die im 2. Weltkrieg längere Zeit viel Schlimmeres erlebt hatten, nicht ähnlich viel rumgeflennt und gesoffen haben. Wahrscheinlich waren sie einfach froh, mit dem Leben davon gekommen zu sein. Also greift Lotte zu, als ihr Vater ihr einen Job als Fahrerin anbietet.
Und damit beginnen erst die Schwierigkeiten in diesem Film von Annette K. Olesen, deren "Kleine Missverständnisse", "In deinen Händen" und "1:1" alle schon auf der Berlinale liefen. Denn bald versteht der Zuschauer, dass Lottes Probleme vielleicht mehr mit ihrem Papa zu tun haben, als mit einem Kriegstrauma. Der penetrant fröhliche Alte, der sich um Lotte nach dem allzu frühen Tod der Mutter lange nicht gekümmert hat, hält sich nicht nur eine afrikanische Geliebte namens Lily (Lorna Brown) zu Hause, sondern betreibt mit Lily und ihren Kolleginnen auch ein Bordell.
Manchmal verkauft er Mädchen an Zuhälter in Schweden. Lottes Job besteht darin, Lily vor gefährlichen Kunden zu schützen. Es kommt, wie es kommen muss: Lotte und Lily, die sich zuerst nicht leiden können, freunden sich an – erst recht, als Lotte tatsächlich einen geistesgestörten Freier ausschaltet. Doch als sie erfährt, dass Lily eine kleine Tochter in Nigeria hat, will sie sie "retten".
Natürlich hat ihr Engagement auch damit zu tun, dass sie sich mit dem kleinen Mädchen identifiziert, das seine Mutter seit Jahren nicht gesehen hat. Dummerweise will sich Lily aber gar nicht retten lassen, und Lottes Vater wird durch ihr unbesonnenes Handeln einmal hart durchzugreifen wie ein echter Gangster, der er eigentlich gar nicht ist (er betreibt eine Spedition, die aber leider nichts mehr einbringt).
Der Film nach einem Drehbuch von Kim Fupz Aakeson krankt genau wie "In deinen Händen" daran, dass er zuviel auf einmal sein will: Ein Gangsterfilm, ein Kriegsheimkehrerdrama, ein Hurenmelodram und ein Einwandererrührstück. Doch solche grundsätzlichen Einwände verblassen angesichts der lebensechten Widersprüchlichkeit, die das Drehbuch den Figuren gönnt, und der schönen Ambivalenz, mit der Tryne Dyrholm, Lorna Brown und Finn Nielsen als Vater alle rollenimmanenten Klischees umschiffen.
Letzterer sieht übrigens ein bisschen aus wie Peter Sodann – nur dass der PDS-Heldenopa wahrscheinlich nie im Leben eine so interessant zwiespältige Figur spielen würde. Und falls sich irgendwer fragt, woher ihm das alles bekannt vorkommt: In einem anderen Land, in einer anderen Zeit gab es schon einmal einen Film, in dem ein Ex-Soldat mit einem Fahrerjob, der ursprünglich einmal die Welt retten wollte, am Ende bloß eine Hure rettet – "Taxi Driver".
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