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04.02.09

59. Internationale Filmfestspiele

Das herrliche Gefühl namens Berlinale ist wieder da

Ab heute wird Berlin wieder zum Laufsteg der Filmwelt. Am Potsdamer Platz geht es los. Die Berlinale-Fahnen wehen schon, die Projektoren surren ab 19.30 Uhr. Zuvor laufen die Stars über den Roten Teppich. Berlin und der Festival-Rummel tun einander gut.

Auch der Dichter Friedrich Hölderlin wusste über das Wesen der Berlinale Bescheid. "Sprachlos und kalt, im Winde / klirren die Fahnen", notierte er am Ende des Gedichts "Hälfte des Lebens". Man kann die große Wahrheit dieser Zeile jetzt wieder sehen. Die Stadt hängt voller roter Fahnen für die Berlinale, und man kann zwar viel Gutes über das Filmfestival sagen, nicht jedoch, stets mit gutem Wetter zu prunken. Es klirrt im kalten Berlin, der Wind weht die Kunde vom großen Kino durch die Straßen.

Ein herrliches Gefühl.

Heute Abend startet die 59. Ausgabe der Berlinale mit Tom Tykwers Film "The International". Der Zuschnitt ist ideal und enorm aussagekräftig. Gedreht zum großen Teil in Babelsberg, finanziert in Amerika, mit internationalen Stars und einer weitgehend deutschen Crew, angeführt vom Regisseur, der im Kreuzberger Kino Moviemento als Vorführer angefangen und mit seinem wichtigsten Film – "Lola rennt" – das neue Berlin-Gefühl in der ganzen Welt verbreitet hat. So eine Punktlandung gelingt anderen Festivals auch nicht jedes Jahr. Und es geht in "The International" um Banken-Kriminalität, die ähem, irgendwie ziemlich aktuell erscheint. Berlin hat ja viel unangenehme Erfahrung mit Banken-Skandalen, der Tykwer’sche im Kino wird der erste sein, den wir voller Freude zur Kenntnis nehmen.

Ein herrliches Gefühl.

Längst hat sich die Stadt an die Berlinale gewöhnt und fiebert doch. Erst das Fieber: Das Reibungshitze wächst verlässlich Anfang Februar. Es ist viel darüber berichtet worden, dass die Berlinale sich ausbreitet wie ein Ameisenbau. Immer neue Orte werden gefunden, jetzt kommt noch der Friedrichstadtpalast dazu. Berlin setzt völlig zu Recht auf die möglichst große Inszenierung, am umfassenden Event-Charakter darf nicht gerüttelt werden, es genügt nicht, am Potsdamer Platz wie eine Trutzburg des Kinos zu präsentieren. Alle müssen ins Boot, die Filmbranche, die Kulturschaffenden, die Politik, Restaurants und Clubs, Zuschauer, Partygänger, Zaungäste. Events sind heute zwingend gesellschaftsübergreifend oder gar keine.

Obendrein muss der Halt in der Stadt sichtbar sein. Die Vorfreude. Die Lust. Die Begeisterung. Also her mit der Veränderung des Stadtraums, mit Fahnen, Plakaten, Leuchtreklamen, mit jeder menge Tamtam an vielen Ecken. Nur so wird der Ausnahme-Charakter geschaffen, der wiederum die anreisewilligen Stars und alle Berliner überzeugt, dass die Berlinale eine besonders begehrenswerte Dame ist. Es ist deshalb kein unbedingt zukunftsweisendes Signal, dass Klaus Wowereit bei der Eröffnung der Berlinale fehlt, weil er lieber zu Kurt Becks 60. Geburtstag ins beschauliche Städtchen Mainz fährt. Gerade auf seine Fähigkeiten im Städte-Marketing hält der Bürgermeister sonst große Stücke.

Das Festival hat den Hang zum Großen

Der Blick auf die Berlinale hat sich stark verändert. Im Nachhinein und vom hohen Niveau von heute aus gesehen, wirken die frühen Jahre des Festivals wie ein kulturelles Care-Paket: Wir bringen ins düstere und ausgehungerte Berlin ein wenig Glanz und Gloria. Und: wir zeigen dem Osten mal, welche Stars wirklich zählen. Später definierte sich das Festival als politische Plattform des Kinos zwischen Ost und West. Viel davon spürt man auch jetzt noch.

Die Berlinale ist als Show-Ereignis deutlich gewachsen. Das neue Berlin hat dem Festival sehr gut getan, und umgekehrt hat die Berlinale auf die Stadt abgefärbt, die sich in den letzten Jahren als greller, attraktiver, weltweit angehimmelter Anziehungspunkt entpuppt hat. Kein Zweifel, dass die Stars die gute Botschaft weiter getragen haben, dass durch die Berlinale gesät und gehegt wurde, und natürlich hat die Filmbranche und der Standort (Babelsberg!) davon profitiert. Es ist, als nutze Berlin die Berlinale-Scheinwerfer einfach das ganze Jahr über. Das Festival hat den Hang zum Großen, der immer eine Portion Provinzialität mit einschließt, wie ein preußischer Gardeoffizier vorexerziert.

Wenn man heute die großen Shows in Berlin ansieht, die Medien-Öffentlichkeiten, die Glamour-Gesellschaft der Schönen und Reichen sowie die Strampeleien der Schönoperierten und Eintags-Prominenten, dann erkennt man die Lehren des Filmfestivals. Das Licht strahlt auf alle gleich, ob es nun Kate Winslet ist oder unbekannte Schauspieler aus entlegenen Ländern.

Wer klagt, hat nichts verstanden

Wir wollen aber, siehe oben, die Gewöhnung nicht vergessen. Die Berlinale ist zweifelsohne die größte Kulturveranstaltung des Jahres, wird aber mehr und mehr eingerahmt von Filmpremieren, die ähnlichen Glamour versprechen. Manche Stars, die nach Berlin kommen, sind größer als die, die bei der Berlinale auftreten. Heute Brad Pitt, morgen Tom Cruise, übermorgen Scarlett Johansson. Und dann drehen sie auch noch hier, gehen abends essen und in die Kneipen. Quentin Tarantino in einer Kreuzberger Bar? Kein Problem. In München, Hamburg, Köln, Mainz kommt das nicht vor, Punkt. Es gibt Leute, die klagen darüber, dass die Straßen gesperrt werden, weil dauernd Filme gedreht werden. Sie haben nichts verstanden.

Routiniert sagt der Berliner über den Rummel: Kennen wir schon. Die Filme haben sich verändert, etliche Werke, die für Glanz sorgen, passen einfach nicht in einen Wettbewerb. Andere Filme, die sehr wohl in Berlin laufen sollen, ja müssen, werden schon früher in Deutschland oder in anderen europäischen Ländern gestartet und sind deshalb verloren. So kam es, dass "Milk" mit Sean Penn über einen schwulen Bürgerrechtler in San Francisco, nur unter dem mühsam gefundenen Titel "Celebration Präsentation" im Panorama läuft. Da wächst eine bedrohliche Situation heran.

Und dennoch. Berlin muss sich nicht sorgen. Die so verursachte Aufregung erdet die Berlinale ein wenig. Im Winde klirren die Fahnen. Das Festival wird nicht kleiner, es ist die Metropole, die größer wird.

Ein herrliches Gefühl.

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