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04.02.09

Festival

So deutsch ist die Berlinale

Es sieht aus wie ein kleiner Widerspruch: Noch nie wurden auf einer Berlinale so viele deutschsprachige Filme gezeigt wie bei den jetzt beginnenden 59. Filmfestspielen. Doch dies ist kein Zeichen von Provinzialität. Sondern vielmehr dafür, dass Deutschland in der Kinowelt ein Stück vom Rand in Richtung Zentrum gerückt ist.

berlinale 2009

"Alle Anderen" von Maren Ade mit Birgit Minichmayr und Lars Eidinger ist einer der Wettbewerbsfilme der Berlinale 2009. Die weiteren Kandidaten sind ...

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Vorige Woche stand Berlinale-Chef Dieter Kosslick dem Bundestagsausschuss für Kultur Rede und Antwort. Ein Abgeordneter wollte wissen, wie sich seine Festspiele im Vergleich zu Cannes und Venedig einordnen. Eine verständliche Frage - der Bund schießt ein Drittel des 18-Millionen-Berlinale-Budgets zu -, aber auch eine verfängliche, denn die Rivalen lauschen mit Argusohren auf jeden Vergleich.

Kosslick entschloss sich, tiefzustapeln: "Wir sind nicht das glamouröseste Festival, und von den drei großen internationalen belegen wir einen sehr guten Platz 3." Die Einschätzung des Glamour-Faktors zeugt von Realismus. In Venedig brausen die Stars auf Motorbooten durch die Kanäle, in Cannes stöckeln sie die große Freitreppe am Meer hinauf, "aber wenn ich mich in Berlin vom Festivalpalast wegdrehe, sehe ich McDonald's" (so Kosslick im Bundestag).

Die Berlinale liegt im Aufgalopp-Parcours zu den Oscars, und wenn ihre Filme Nominierungen (13 in diesem Jahr) mitbringen, ist dies Segen und Fluch zugleich: Die Stars müssen in Amerika für sich trommeln, und während der Berlinale findet in Los Angeles das Vor-Oscar-Dinner statt, wo für die Nominierten Anwesenheit praktisch Pflicht ist.

Außerdem droht immer dieser weiße Belag auf dem roten Teppich namens Schnee. Insofern liegt Kosslick mit der Selbsteinschätzung des "guten Dritten" in Sachen Glamour richtig, obwohl es ihm in besseren Jahren gelingt, Venedig zu übertrumpfen, und in ausgezeichneten, Cannes das Wasser zu reichen. 2009 könnte ein besseres Jahr werden - treffen nicht nur die angekündigten Filme ein, sondern auch die dazugehörigen Stars.

Für seine roten Teppiche, entscheidend für die Wahrnehmung der Berlinale im Fernsehen, hat sich Kosslick gut eingedeckt. Zur Eröffnung laufen morgen Clive Owen, Naomi Watts und Armin Mueller-Stahl für Tom Tykwers "The International" durch das Blitzlichtspalier, tags darauf sind Kate Winslet, Ralph Fiennes und Bruno Ganz für Stephen Daldrys "Der Vorleser" angekündigt.

An den folgenden Abenden könnten Gael Garcia Bernal, Woody Harrelson, Michelle Pfeiffer, Demi Moore, Renee Zellweger, Steve Martin und Jean Reno den Potsdamer Platz beehren. Dieser anglo-amerikanische Aufmarsch verdeckt das wahre Charakteristikum der 59. Festspiele: Sie sind so deutsch wie seit dem Beginn der Ära Kosslick nicht mehr, der sie 2002/03 zum Schaufenster für das kleine deutsche Filmwunder machte, das damals aufblühte.

Wäre die Berlinale vor zehn Jahren derart "deutschlastig" gewesen wie heuer, man hätte sie der Provinzialität geziehen. Inzwischen ist Deutschland von der Peripherie der Kinoweltkarte ein gutes Stück Richtung Zentrum gerückt. Vor einem Jahrzehnt war Deutschland wichtig, weil es treu und brav Hollywood-Ware verzehrte, nach Japan und Großbritannien dessen drittgrößter Auslandsmarkt.

Hierzulande wird immer noch viel (zu viel) Hollywood geguckt, aber vom passiven Abnehmer ist dieses Land zum aktiven Lieferanten geworden. Deutschland liefert Stoffe ("Der Vorleser" beruht auf Bernhard Schlinks Roman) und Regisseure (Tom Tykwer drückte "The International" seinen Stempel auf) und Infrastruktur (beide wurden in Babelsberg bzw. Nordrhein-Westfalen gedreht) und Finanzierung (Kulturminister Neumanns DFF-Fonds zieht Produktionen aus aller Welt) und Coolness (die Komplimente ausländischer Stars an Berlin sind oft mehr als die Höflichkeit des Gastes).

Deutschland liefert Schauspieler, zu sehen auf der Berlinale. Die Schlüsselrolle neben Kate Winslet im "Vorleser" hat der 18-jährige Schleswig-Holsteiner David Kross inne, Ulrich Tukur spielt in Costa-Gavras' Schlussfilm "Eden à l'Ouest" und Daniel Brühl wie selbstverständlich neben Julie Delpy in deren Schauerstück "Die Gräfin".

Es ließe sich einwenden, dass der Wettbewerb nur einen einzigen "echten" deutschen Film enthält, Maren Ades "Alle anderen", aber das hieße, die vielen Koproduktionen zu ignorieren und die Nachwuchsreihe "Deutsche Perspektiven" zu übersehen; 90 deutsche Produktionen stehen im Berlinale-Heft.

Vor allem hätte man die Rechnung ohne die neue Reihe "Berlinale Special Gala" gemacht (schon wieder eine neue!), die einen Cannes-Trend aufgreift: Wie bekomme ich einen schlagzeilenträchtigen Film ins Festival, obwohl er nicht wettbewerbstauglich ist?

Cannes zelebriert das mit Werken wie "Star Wars", die als "Specials" gezeigt werden und für einen Tag das Festival dominieren, obwohl sie nicht bereit sind, sich seinen Qualitätskriterien zu stellen. In Berlin steigen gleich drei "Spezial-Galas", wo sich "Events" des deutschen Kinofrühlings präsentieren: "John Rabe" erzählt die wahre Geschichte eines Deutschen, der 200.000 Chinesen rettete, "Effi Briest" erlaubt Fontanes unglücklicher Heldin einen Schluss mit Hoffnung, und "Hilde" strickt an einer deutschen Legende. Ulrich Tukur als Rabe, Julia Jentsch als Effi und Heike Makatsch als Knef können sich geballter Medienaufmerksamkeit sicher sein, was Kosslick freuen dürfte - doch torpediert er damit nicht den eigenen Wettbewerb?

Er hat viel ausprobiert, um die Berlinale fürs digitale Zeitalter fit zu machen, und vieles funktioniert, wie die Filmmarktausweitung oder der Talent-Campus oder das Kulinarische Kino. Er hat die Eventisierung mit immer neuen Randveranstaltungen vorangetrieben, die bisher brav am Rand verharrten, mit den Galas jedoch ins Zentrum drängen. Und er hat Recht daran getan, die Festspiele als Forum der gesellschaftlich-politischen Diskussion zu positionieren.

So kann er treffsicher die filmischen Debattenbeiträge zur großen Verunsicherung präsentieren: "The International" zur Bankenkrise, "The Shock Doctrine" über den diskreditierten Neoliberalismus, "Rachel" zum israelisch-palästinensischen Dauerkonflikt, sowie "Food Inc.", einen ernüchternden Blick hinter die Kulissen der globalen Nahrungsmittelindustrie. Wer nicht bloß auf den Glamour-Faktor starrt, kann der Berlinale einen guten zweiten Platz attestieren.

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