Berlinale-Blog
Blogbuster
Heike Dietrich ist Redakteurin bei Morgenpost Online. Doch in die Berlinale stürzt sie sich ohne Akkreditierung, Presseausweis oder andere Privilegien. Wie das ist, lesen Sie hier.
Freitag, 18.25 Uhr, Newsroom:
Die Eheleute Kutcher-Moore sind wieder abgereist. Frau Moore twittert, dass sie wohl wieder nach Berlin kommen muss, weil sie keine Zeit hatte, sich die Stadt anzusehen. Hm. Kein Wunder, wenn man treibt.
So. Wer ist heute da, auf dem roten Teppich? Heike Makatsch. Der Film: Hmmmnaja. Sagen welche, die ihn gesehen haben. Wir haben die Kritik bereits hier, dürfen sie aber vor der ersten Publikumsvorstellung nicht veröffentlichen. Sonst könnten wir Ihnen schon mitteilen, dass "Hilde" ein wenig [--------] ist und auch [--------], dass wir [--------] besonders stark finden, dass aber das Problem vor allem darin besteht, dass [--------] leider eben nicht [--------] ist. So.
War eigentlich mal jemand im Berlinale-Kindergarten in der Gemäldegalerie? Dort dürfen akkreditierte Besucher (lies: Leute, die keine Eintrittskarten kaufen müssen) ihre Rangen abgeben, für maximal vier Stunden, was zwei Filmlängen entspricht, darauf weist die Berlinale explizit hin. Kommt natürlich auf den Film an. Gut, dass sie nicht Andy Warhols "Sleep" zeigen.
@Heike: Gute Besserung. Gibt ja schöne DVDs. Empfehlen möchten wir diese hier . Timothy Dalton als schmieriger Supermarkt-Chef mit Ballett-Vergangenheit. Zum Kreischen.
Donnerstag, 18.25 Uhr, Newsroom:
Au Backe: Heike Dietrich ist krank. Kann nicht zur Berlinale gehen - was ihr nicht angenehm ist: Ein Berlinale-Fan ist ein Berlinale-Fan, und bei Fans ist es wie mit dem Rauchen. Das Aufhören ist leicht, das Nicht-wieder-anfangen verdammt schwer.
Ja, sicher, sie könnte auch von zu Hause aus bloggen. Aber das haben wir verboten, weil: nach der Berlinale geht das Leben ja weiter. Wir möchten andererseits das Blog nicht auch krank schreiben. Und darum machen wir vom Newsroom aus weiter. Da sind wir auch ziemlich nah dran an der Berlinale, weil alle, die auf der Berlinale sind, hier an den Tisch kommen ("Der Balken"). Der Balken steht im Newsroom im 14. Stock des Verlagshauses Axel-Springer-Straße/Ecke Rudi-Dutschke-Straße und ist ein Tisch mit sehr vielen Sitzplätzen. Der Fotochef hat die neuen Aufnahmen von Renée Zellweger, die Society-Kollegin hat Willem Dafoe am Flughafen Tegel gefilmt (ist online, sie benutzt ein Nokia N95 und überspielt die Filme direkt per Handy-Netz). Und das Interview mit Steve Martin ist auch da.
Der Spätdienst wartet nun auf weitere Auftritte von Frau Zellweger. Wir ziehen derweil schon mal den Hut vor ihren Schuhen: Respekt. Dass man darauf laufen kann.
Mittwoch, 20.45 Uhr, zu Hause am Computer:
Würden Sie mit 39,8 Grad Fieber ins Kino gehen? Man könnte eine kleine Umfrage starten, so in der Art: Kreuzen Sie an:
- Ja, ich würde auch dann gehen, wenn ich im Sterben läge.
- Nein, das geht nicht.
Ich habe lange mit mir gerungen, ob es mit einer ausreichenden Menge Medikamente nicht doch irgendwie geht. Doch dann kam mir ein ganz anderer Umstand bei der Entscheidung zur Hilfe. Die Freundin hat sich in den Terminen geirrt und so finden beide Vorstellungen, für die wir Tickets haben, erst morgen statt. Sehr gut! Ob ich dann allerdings wieder auf den Beinen bin, ist wohl fraglich.
Gerade habe ich Vanilleeis in meinem Eisfach gefunden und dazu noch Sauerkirschen aus dem Glas. Das gibt es jetzt. Herrlich, diese Kühle. Wie früher, zu Hause, nachdem die Polypen entfernt worden waren. Im Fernsehen laufen "Desperate Housewives". Das ist zwar kein echter Ersatz für einen netten Berlinale-Abend. Aber besser als nichts.
Mittwoch, 11. Feburar, 15.59 Uhr, zu Hause am Computer:
Die Berlinale macht mich krank. Fast 38 Fieber, daher zurzeit noch unter der Bettdecke. Mal sehen, ob ich die geplanten Filme heute überhaupt sehen kann.
Also vergnüge ich mich anderweitig. Zum Beispiel mit Ashton Kutcher. In Bed with Ashton Kutcher, haha. Sorry, Demi. Aber Ihr wolltet es so. Die beiden haben einen Account bei Twitter, den sie offensichtlich recht regelmäßig mit Fotos, Videos und kurzen Texten befüttern: www.twitter.com/aplusk . Heute Abend ist die Premiere von Demi Moores neuem Film "Happy Tears". Bei Twitter ist in erster Linie das Brandenburger Tor zu sehen. Bei Tag, bei Nacht, von fern, von nah. Dazu ein paar selbstgeschossene Bilder von Kutcher. Also nichts wirklich Privates. Aber irgendwie trotzdem nett, der Mini-Blog der beiden. Ich habe mal versucht, andere Berlinale-Protagonisten zu finden: Kate Winslet und Keanu Reeves gibt es zwar, beide Accounts sind allerdings verwaist und werden nur höchst selten genutzt. Julia Jentsch, Heike Makatsch oder David Kross gibt es offenbar gar nicht. Auch unter Willem Dafoe, Birgit Minichmayr und Michelle Pfeiffer - Fehlanzeige. Moore und Kutcher scheinen mit ihrem Account doch weit vorn zu liegen.
Dienstag, 10. Februar, 23.05 Uhr, Friedrichstadtpalast:
Wow! Was für ein Abschluss eines eher verkorksten Berlinale-Tages. Die Vorführung von "It Might Get Loud" erwies sich tatsächlich als Gala-Abend mit Star-Beteiligung. Zur Premiere der Dokumention von Davies Guggenheim über die drei Rock-Gitarristen Jimi Page (Led Zeppelin), Jack White (The White Stripes) und The Edge (U2) war doch tatsächlich einer der berühmten Protagonisten gekommen: The Edge stand plötzlich mit Mütze und Drei-Tage-Bart leibhaftig auf der Bühne des Berliner Revuetheaters.
Unglaublich, was diese Musik auslösen kann. Historische oder Aufnahmen von Live-Auftritten machen Gänsehaut. Wahrscheinlich hatte hier jeder Zuschauer seine spezielle Lieblingsband. Für mich ist das unter diesen dreien altersbedingt U2. Irgendwie sind sie immer da gewesen: "Drowning Man" war das erste Lied, das mir mit 12 Jahren ein Freund am Strand auf seinem Walkman vorspielte.
Immer wieder zeigt die Berlinale Dokumentationen über berühmte Musiker. Unvergessen auch die Vorführung der Biografie von George Michael im Kino "International" vor einigen Jahren. Man muss gar kein Fan sein, um mitgerissen zu werden. Es gibt Bands, die über Jahrzehnte so präsent waren, dass man zwangsläufig eine Reihe von Stücken kennt. Und damit Erinnerungen verbindet. Großartig - doch leider hatte ich keine Kamera dabei.
Dienstag, 10. Februar, 17.13 Uhr, Coffeeshop am Potsdamer Platz:
Es muss auch solche Tage geben. Tage, an denen nichts so läuft wie erhofft. Die Erkältung war der Anfang, dann der Streifen im International und jetzt das. "La Journée de la Jupe" wollten wir sehen, um 17 Uhr im Cubix. Leider habe ich die Kinos verwechselt. Ich glaubte das Theater im Sony-Center, tatsächlich aber liegt es am Alexanderplatz. Darauf wurden wir hingewiesen, als ich an der Tageskasse eine weitere Eintrittskarte kaufen wollte. Meine erste nämlich hatte ich im "International" verloren. Über das breite Grinsen meiner Begleitung wollen wir schweigen.
Und nun? Das übliche: Kaffee, Kuchen und O-Saft im Coffeeshop.
Kosten: Coffeeshop, etwa 10 Euro; Parkgebühren: 1 Euro.
Dienstag, 10. Februar 2009, 11.40 Uhr, zu Hause am Computer:
Ich habe mich getäuscht. Neben Mutter- und Kinosprache gibt es noch eine andere gemeinsame Kommunikationsform: Husten. Gestern Nachmittag war ich noch völlig gesund. Gestern Abend ging es los. Während wir "Pippa" ansahen, quasi ununterbrochener Husten. Diese Kinosäle sind einfach großartige Brutkästen für Viren und Bakterien aller Art.
Ich stelle mir vor, wie sich über den Köpfen der Zuschauer amerikanische, deutsche, chinesische und italienische Grippeviren versammeln, einen Kreis bilden und anfangen zu tanzen. Mal in diese Höhle kriechen, mal in jene. Was mich angeht, so glaube ich, dass ich von einem besonders temperamentvollen Virus ausgewählt wurde. Irgend etwas Feuriges. Brasilianisch vielleicht. Oder argentinisch.
Ich will mich diesem interkulturellen Dialog auf keinen Fall versagen. Nachdem ich das nächste Mal inhaliert habe, werde ich meine Teilnehmer in drei weitere Kinosäle bringen. Bei "Absulute Evil" im International, bei "La Journée de la jupe" im Cubix und später dann bei "It Might Get Loud" im Friedrichstadtpalast werden sie sich austoben.
Montag, 9. Februar, 22.20 Uhr, Berlinale Palast:
Am Ende des 5. Festivaltags machen sich Ermüdungserscheinungen bemerkbar. Vor der Premiere zu "The Private Lives of Pippa Lee" ist die Vorfreude und Aufregung längst nicht mehr so groß wie am ersten Tag. Die Wohnung ist chaotisch, der Kühlschrank fast leer. Und auch hier im Foyer und direkt am roten Teppich scheint es nicht so voll zu sein wie in den vergangenen Tagen. Vor uns an einem Stehtisch steht Volker Schlöndorff. Angeregt unterhält er sich mit zwei Frauen bei einem Glas Rotwein.
Mittlerweile fällt auf, dass wir zu den besten Kunden im Parkhaus am Potsdamer Platz gehören, immer in Abteilung H. Die Gebühren summieren sich langsam in unverschämte Beträge, wäre für einen Rabatt, will doch nicht das Parkhaus kaufen.
Montag, 9. Februar, 19.44 Uhr, Potsdamer Platz:
Die Berlinale sei in diesem Jahr mehr wie eine Krake. Ihr Kopf liege am Potsdamer Platz, ihre Arme aber strecke sie in alle Richtungen in die Stadt hinein aus, hat Berlinale-Chef Dieter Kosslick vor Beginn der Filmfestspiele gesagt. Das mag wohl stimmen.
Doch der Kopf ist doch immer noch der zentrale Punkt in einem Körper. Und auch der Potsdamer Platz ist weiterhin das Zentrum der Berlinale. Und das ist großartig. Nirgends sonst in der Stadt ist das Festival-Fieber so hoch wie hier. Die Straßen rund um den Marlene-Dietrich-Platz sind von morgens bis abends voller Menschen. Leute, die um Karten anstehen. Fotografen auf der Suche nach guten Motiven. Filmemacher zwischen zwei Terminen. Schauspieler, auf dem Weg zur nächsten Premiere. Autogrammjäger, die auf die Signaturen ihrer Idole hoffen. Passanten, die sich einfach treiben lassen. Zwischen Sony-Center und Berlinale-Palast drängt sich der Autoverkehr, der, wie gerade jetzt, zu manchen Zeiten so dicht ist wie in Manhattan. Hier kommen die Berlinale-Besucher aus aller Welt zusammen. Sie sprechen Japanisch und Russisch, Dänisch und Französisch, allen gemeinsam ist Englisch. Und vor allem die Sprache Kino mit ihren unterschiedlichen Dialekten. Stunden kann man hier verbringen, am Fenster eines der Coffeeshops und sie beobachten und belauschen. Selten ist Berlin so sehr Großstadt.
Hoffen wir, dass der Kopf auch in den kommenden Jahren bestehen bleibt. Und die Arme sich trotzdem in der Stadt bewegen können.
Kosten: Milchkaffee, 3,60 Euro; Parkgebühren: 6 Euro.
Montag, 9. Februar 2009, 14.03 Uhr, Friedrichstadtpalast:
Beinah hätte mir Joachim Król seinen Schal geschenkt. Also, jetzt nicht so direkt geschenkt. Aber der Schauspieler hatte ihn schon vergessen. Und ich habe seine Begleitung darauf aufmerksam gemacht. Sonst wäre es meiner gewesen. Schöner Schal, ordentlich. Grau, dick, halblang, Rippenmuster. Damit hätte man schon etwas anfangen können.
Hier hinten also sitzen sie, die Prominenten und halbwegs Prominenten. Hier kann man sie sehen. In der letzten bzw. vorletzten Reihe eines Kinos. Sehen sich mittags um 12 Uhr Wettbewerbsfilme wie "Mammoth" an. Joachim Król legte seine Jacke auf meine Jacke, beide lagen auf dem Boden neben uns. "Die können wir nachher schon wieder auseinander sortieren", hat er gesagt. Klar! Beinah fühlte ich mich geehrt. Die Jacke von Joachim Król, dem Darsteller aus "Zugvögel", "Der bewegte Mann", "Donna Leon", "Lola rennt", "Rossini", auf meiner Jacke. Toll. Das ist Berlinale.
Nein, ich habe ihn nicht um ein Autogramm gebeten. Wir haben auch kein Foto gemacht, um zu dokumentieren, wie er bei den traurigsten Szenen des Films geschaut hat. Król war schließlich privat da. Auch sonst werden wir nichts preisgeben, was wir gesehen haben. Erst draußen auf der Straße, vor dem Kino, haben wir ihn beim Telefonieren geknipst. Aber das ist ja auch nicht mehr privat.
Benzin: Tank voll
Montag, 09. Februar, 2.40 Uhr, am Computer zu Hause:
Ursprünglich sollte dieser Blog vom 4. Rang des Berlinale-Palastes kommen. Gegen 23.33 Uhr in etwa. Das war der Zeitpunkt, zu dem immer mehr Menschen vorzeitig die Premiere von "Rage" verließen und wir schon fast davon überzeugt war, dass wir uns anschließen würden. Keine Ahnung, wie die Stimmung unten im Parkett war. Der Applaus schien auch dort eher verhalten ob dieses doch sehr reduzierten internetkritischen Kammerspiels. Direkt unter dem Dach jedenfalls war die Meinung mindestens zweigeteilt. Wenn nicht mit einer Tendenz zu "Was soll das denn?".
Zweieinhalb Stunden, und das ist nicht übertrieben, hatten wir für den Streifen von Regisseurin Sally Potter angestanden. Als wir um kurz nach 20 Uhr waren, standen die Wartenden bereits bis auf die Straße vor dem Theater, in dem sonst die Blue Man Group auftritt. Nach und nach gaben immer mehr von ihnen auf. Aber nicht wir. Stattdessen nette Unterhaltungen: Zum Beispiel mit einer früheren Kongresskoordinatorin von Schering, die mit ihrer 16-jährigen Tochter schon am Nachmittag vor der Kasse zu "Cherrybomb" gestanden hatte. Mit der Tochter, die wiederum gerade den deutschen Schauspieler Daniel Brühl am Potsdamer Platz gesehen hatte, ihn aber nicht um ein Autogramm gebeten hatte, weil das uncool gewesen wäre und außerdem war der ja auch privat unterwegs. Mit einem leitenden Mitarbeiter der Verbraucherzentrale Hessen, Abteilung, sagen wir, Klimaschutz, zugleich ehemaliger Greenpeace-Kämpfer, mit einer Schwäche für koreanische Filme. Mit einer Studentin aus Warschau, die lässig nebenbei ihre Hausaufgaben erledigte. Mit einem Berlinale-Profi-Zuschauer, der vor Beginn der Festspiele für zehn Tage Lebensmittel einkauft und über Filme in Mandarin mit kantonesischem Untertitel stöhnte. Und dann nach eineinhalb Stunden Wartezeit erst einmal für alle Bier und Wasser besorgte.
Schließlich waren wir auf Platz 8 und 9 vorgerückt, die anderen noch immer direkt hinter uns. Wir waren inzwischen zu einer Gruppe geworden; einzelne hatten Telefonnummern ausgetauscht. Und alle waren wir hunderprozentig sicher, dass wir noch Tickets bekämen. Und dass sich die Mühe lohnen würde.
Tja. Und dann das. Am Ende immerhin fesselte Potters Werk doch so sehr, dass wir den Schluss abwarteten und uns dem spärlichen Applaus anschlossen. Gute Idee, aber viel zu lang ausgewalzt, lautete unser Fazit. Mit anderen Worten: eher langweilig. Aber nette Leute kennengelernt.
Kosten: Parkgebühren: 7 Euro; Hamburger und Cola: ca. 5 Euro.
8. Februar, 16.21 Uhr, im Kino Babylon:
"Cherrybomb" - ein großartiger Film! So leidenschaftlich und durchgeknallt. Toller Soundtrack! In dieser Generationen-Reihe laufen die vielleicht besten Filme. Jetzt stehen Rupert Grint und das Team auf der Bühne und bezaubern alle. Der erste echte Starrummel dieser Berlinale. Ungebremste Begeisterung und glänzende Augen.
8. Februar, 14.53 Uhr, Babylon:
Stehplätze, die letzten! Hurra! Nach viel Drängelei. Geschafft! Der Film hat gerade begonnen.
Kosten: 3 Euro
Sonntag, 8. Februar 13.53, Babylon:
OH MEIN GOTT. Der kleine Vorraum des Kinos am Rosa-Luxemburg-Platz platzt aus allen Nähten. Auf der Straße davor hat die Polizei rote Hütchen aufgebaut, um die Wartenden am roten Teppich vor dem Autoverkehr zu schützen. Kamerateams, Polizisten, Mädchen mit Taschen, auf den der Rotschopf Rupert Grint zu sehen ist. Auf den warten hier alle, sein Film Cherrybomb hat Premiere. Es wird gedrängt und geschupst, gerade verbreitet jemand das Gerücht, dass Rupert unterwegs ist. Er gehörte zu den Harry-Potter-Hauptdarstellern und ist als solcher unvergessen von den vielen Mädchen, die hier stehen. Die Schlange vor der Kasse ist eigentlich mehr ein Knäuel von Leuten. Noch hat sie geschlossen. Offenbar wollen manche für heute Abend Karten kaufen. Gute Idee bei dem Chaos hier.
Sonntag, 8. Februar 2009, 10.50, zu Hause am Computer:
"Wahnsinn", schreibt die Freundin. "In diesem Jahr ist alles anders! Habe alle bekommen!", verkündet sie per SMS, nachdem sie Karten für die Vorstellungen von "Dorfpunks" und "Notorious" per Internet gebucht hat. Wieder ein Treffer :-)
Nach "Der Vorleser" waren wir gestern Nacht wie erschlagen. Was für ein beeindruckender Film. Auch, weil er sich jede einfache Moral nach dem Motto versagt. Drei tolle Filme, alle völlig unterschiedlich, an einem Tag.
Das lassen wir heute erst einmal auf sich beruhen. Zurzeit steht kein spezieller Film auf unserem Programm. Wir versuchen, in die Vorstellung von "Cherrybomb" mit Rupert Grint zu gelangen. Wird wahrscheinlich schwierig. Doch wenn es nicht klappt, haben wir wenigstens Spaß am Roten Teppich mit dem Teenie-Star.
7. Februar, 22.08 Uhr, Urania:
Wir sitzen! Langsam füllt sich die Urania. Wider Erwarten haben wir Karten für "Der Vorleser" in der Vorstellung ab 22.30 Uhr bekommen. Es seien kurzfristig noch Tickets gekommen, sagte die Frau an der Kasse. Ob die Lage in diesem Jahr doch etwas entspannter ist? Abgesehen von den Online-Buchungen hat das meiste bislang noch geklappt. Vielleicht ist das Kartenkontingent in diesem Jahr durch den Friedrichstadtpalast viel größer als sonst. Wie auch immer: Der normale Zuschauer hat gute Chancen.
Gerade setzt dramatische orchestrale Filmmusik ein. Panflöte, Trompeten, Pauken. Zur Einstimmung.
Kosten: Parkgebühren (heute Nachmittag), 6 Euro; Ticket 8 Euro.
7. Februar, 18.24 Uhr, Potsdamer Platz:
Manches ist wirklich absurd. Gerade gab es wieder einen Menschenauflauf am Seiteneingang des Hyatt. Eine Pressekonferenz war zu Ende und die Tür öffnete sich. Ein dicker Mann, der nicht ein einziges Mal lächelte, kam heraus und gab Autogramme. Die Menge wurde immer dichter, viele reckten ihre Fotohandys in die Luft. Doch hinter mir fragten zwei Frauen, wer das denn eigentlich ist. Niemand gab eine Antwort. Nur eine Frau in der Nähe schien die Antwort zu kennen. Erst auf nochmalige Nachfrage, sagte sie: "John Goodman." Peinlich, nicht erkannt. Und trotzdem mitgegafft.
Außerdem: "Unmade Beds" gesehen. Sehr sehenswert.
Kosten: Kaffee und Cheesecake, 6,90
7. Februar 2009, 12.03 Uhr, vor dem Friedrichstadtpalast:
Heute ist Sonntag, oder? Aber wie spät eigentlich? Gerade ist die Kino-Vorstellung zu Ende, also ist es doch normalerweise so gegen 22 Uhr, 22.30 Uhr. Aber warum ist es dann so hell? Diesig, aber taghell? Erst der zweite Filme-Tag und schon geht das Zeitgefühl verloren. Kaum aufgestanden, schon geht das Licht im Kinosaal aus und die Leinwand fängt an zu flimmern. Fehlt nur noch, dass jemand Bier holt.
Stattdessen nehmen die Leute aber lieber einen Kaffee im Kino, ein bisschen Grundlage muss sein. "Lille Soldat" ist harter Tobak - vor allem zum Tagesbeginn. Die junge Soldatin ist schwer traumatisiert von ihrem Einsatz im Krisengebiet, ihr Vater ist nicht wirklich ein Vater, wenn dann höchstens so etwas wie ein Kumpel oder Geschäftspartner; manchmal sogar wirkt sein Verhältnis zu seiner Tochter merkwürdig sexuell. Ein Vollidiot. Zuhälter mit manchmal charmanter Fassade. Und seine Tochter versucht, weiter die Welt zu retten und schickt die nigerianische Prostituierte, die für den Vater arbeitet und zugleich seine Lebensgefährtin ist, nach Hause zurück. Mit genug Geld zwar und dem eigenen Pass - aber doch eigentlich gegen deren Willen. Und mit unsicherer Prognose, ob die junge Afrikanerin nicht doch in London bleibt, und sich dann selbst Frauen kauft und weitervermittelt. Für die Heldentat bekommt "die kleine Soldatin" dann eine ordentlich Trachtprügel von dem sogenannten Vater.
Puh!
Einmal kräftig schütteln. Jetzt Kaffee. Im Coffeeshop an der Oranienburger Straße. Rechts neben uns sitzen zwei Franzosen, er zeigt ihr auf einem Stadtplan die Sehenswürdigkeiten der Stadt samt Berlinale-Zentrum am Potsdamer Platz. Links neben uns scheint eine vielleicht 60-jährige Frau einen Mitte-Jungen Anfang 30 zu interviewen, der sich währenddessen auf dem Sofa lümmelt und von dem großen Glück fabuliert, dass er mit dem Mann drehen darf: "Ich meine, der hätte ja auch eine Spielshow machen können." Ja, genau. Gibt es eigentlich noch Leben abseits des Kinos? Hoffentlich.
7. Februar, 8.43 Uhr, zu Hause:
Es ist ganz schön diesig draußen, schon bemerkt? Normalerweise geht man bei diesem Wetter wieder ins Bett, schläft aus und irgendwann gibts dann Brötchen. Heute nicht. Heute gibts zum Frühstück Kino: Lille Soldat, als Wiederholung im Friedrichstadtpalast. Die Geschichte einer Soldatin, die nach einem Auslandseinsatz von ihrem Vater das Angebot bekommt, Fahrerin einer Prostituierten zu werden. Der dänische Wettbewerbsbeitrag. Gestern, als wir noch darüber sprachen, wie das Guggenheim in "The International" zersiebt wird und wieviel der Film mit der Finanzkrise zu tun hat, kam wieder die alte Frage auf, warum laufen manche Filme eigentlich im Wettbewerb aber außerhalb der Konkurrez? Sind sie zu gut, zu schlecht, zu alt, hat sich ihr Regisseur unbeliebt gemacht? Wenn es jemand weiß, er möge es sagen.
Ansonsten auf dem Plan: Neue Karten kaufen (online versuchen), um 16.30 Uhr Unmade Beds gucken, heute Abend vielleicht den Vorleser nachholen oder auf Restkarten für die Storm-Premiere hoffen.
6. Februar, 19.29 Uhr:
"The International" - super Film, leider ohne das erhoffte Happy End. Nun ist es jedenfalls zu spät, um doch noch an Karten für "Den Vorleser" im Berlinale-Palast zu kommen. Heute kein Kino mehr.
Kosten: Karte, 8 Euro
Benzin: Tank auf Reserve
6. Februar, 16.28 Uhr, Urania:
Rund 60 Leute vor uns an der Tageskasse. Es geht um "The International". Der Typ fünf Positionen hinter uns winkt eine Frau heran, die gerade das Foyer betritt. Sie sieht ihn, lacht und zeigt ihm den Vogel. "Hier stehst Du an", denkt sie wohl. "Bescheuert." Stimmt - irgendwie schon.
Kosten: Parkgebühren 2,50 Euro; Nudeln, selbst gekocht: 0 Euro
6. Februar 2009, 10.07 Uhr
Geschafft! Alle Vorstellungen bekommen! Die Dramaturgie dieses Kartenvorverkaufs ist nicht zu unterschätzen: Um kurz vor zehn informiert ein netter Berlinale-Mitarbeiter noch einmal darüber, was tatsächlich noch im Verkauf ist. "Und dann wünsche ich Euch, äh Ihnen, allen viel Erfolg." Macht doch nichts, wir sind doch eine Familie. Dabei hatte es heute morgen sogar schon Verschwörungstheorien gegeben, wonach die Berlinale-Leute haufenweise Karten für "Der Vorleser" gebunkert hätten. So'n Quatsch, die doch nicht. Es gibt etwas Neues: Bildschirme auf denen angezeigt wird, was bereits ausverkauft ist. Den Blick darauf geheftet, rücken wir vor. Eine Freundin ruft an, deren Freundin will auch mit in Pippa, im Hintergrund schreit ihr Baby, es wird hektisch. "Ja, ok, ja, ja, ja, ich bin gleich dran, ja, tschühüß!"
Kosten: Frühstück Coffeeshop, 4,50 Euro + Karten 33 Euro
6. Februar 2009, 7.35 Uhr, Potsdamer Platz Arkaden:
Vor der Vorverkaufskasse lagern wieder Leute in Schlafsäcken. Fernsehteams dazwischen mit Mikros, mit denen sie sich von oben an die Schlafenden herantasten. Wir hocken auf dem schon schmutzigen roten Teppich und schmieden Pläne: Premiere für "Alle Anderen" am Montag, 16 Uhr, und um 22.30 Uhr die Premiere von "The Private Lives of Pippa Lee". Dazwischen, wenn's klappt, versuchen wir direkt an der Urania, Tickets für ""Rage" zu bekommen, dessen Premiere ja superschnell ausverkauft war. Außerdem wollen wir Karten für "Dorfpunks" (wenn es sie schon gibt), Dienstag, 14 Uhr, und "It might get loud", ebenfalls Dienstag, 21 Uhr. Verliere überblick: Mal sehen, was klappt.
Kosten: Zeitschrift mit besser sortiertem Berlinale-Programm, 2.90 Euro
5. Februar 2009, 19.04 Uhr, vor dem Berlinale-Palast:
Als wir ankommen, wird gerade Herbert Grönemeyer jubelnd begrüßt. Hunderte von Menschen stehen im Dunkeln vor dem glitzernden Berlinale-Palast. Die erste Premiere der diesjährigen Festspiele steht an, Tom Tykwers "The International". Die Fläche ist großzügig abgesperrt. Auf beiden Straßenseiten warten die Leute, drängen an die Geländer, machen sich so lang sie können. Doch viel höher kommt man auch auf Zehenspitzen nicht. Joachim Kròl geht über die Leinwand, die wir sehen können, Senta Berlin, Christiane Paul, Jürgen Vogel, Bernd Eichinger, Esther Schweins, wie üblich Anna Loos und ihr Ehemann Jan-Josef Liefers, und ... "wie heißt der noch mal? Herbert.. Herbert?", fragt eine Frau ihre beiden Freundinnen. "Knaup", sagt eine der beiden. "Wir sind ein gutes Team."
Tom Tykwer gibt Interviews. Nicht, dass wir irgendetwas direkt sehen könnten. Wir sehen Rücken, Kameras und die hochschwangere Fernsehmoderatorin eines polnischen Senders, die sich auf die Übertragung vorbereitet. Gut, dass die Leinwand da ist. Die ganze deutsche Filmgarde. Der höchste von allen: Armin Mueller-Stahl. Der Grandseigneur schleicht bedächtig über den roten Teppich. Neben ihm der Shooting-Star David Kross, gerade 18, Partner von Kate Winslet in der "Der Vorleser" und Protagonist in der Berlin-Studie "Knallhart". Wieder Schreie. Clive Owens ist da. Lächelt in die Kamera, wendet sich nach rechts und links. Das zeigt uns die Leinwand. "Und - ist der jetzt so toll?", sagt eine der Freundinnen.
19.44 Uhr. Die geladenen Gäste verschwinden im Theater. Der Film beginnt. Draußen löst sich die Menge auf.
Kosten: 2 Euro Parkgebühren
5. Februar, 10.43 Uhr, Seiteneingang des Hotel Grand Hyatt am Potsdamer Platz:
Die Promi-Jäger haben sich aufgebaut. Die erste Pressekonferenz mit der Jury-Vorsitzender Tilda Swinton und mit Regisseur Tom Tykwer für "The International" hat begonnen, und sie hoffen, anschließend ein Autogramm zu erhalten. Doch das dauert noch.
Es ist 10.50 Uhr. Man fachsimpelt. "Und Demi Moore bringt Ashton Kutcher mit. Das ist bestätigt", sagt die gepflegte Anfang-30-Jährige. Sie wendet sich sich noch weiter ihrem Gesprächspartner zu und sagt verschwörerisch, so als könnten es die anderen nicht hören: "Und die wohnen im Regent."
Drei Sicherheitsleute treten von einem Bein aufs andere. Es dauert, es ist sonnig, aber kalt. Ein Fan mit minimal englischem Akzent erzählt von irgendeinem Festival in London, auf dem er diesen und jenen Promi gekriegt habe. Die 30-Jährige sagt, sie habe im Sommer letztlich ja doch ihr Foto mit Schauspielerin Mischa Barton bekommen, weil eine Illustrierte einen Artikel gedruckt hat, der mit einem Foto von Barton und ihr bebildert wurde. "Da warst Du drauf, als Du Dir gerade ein Autogramm geben lässt", sagt sie und zeigt auf einen Dritten neben ihr, "und ich, wie ich gerade versuche, Mischa zu fotografieren".
Um 11.30 Uhr. Der O-Saft aus dem Coffeeshop ist leer, es wird kühl an den Beinen. Auf der Leinwand am Eingang zum Berlinale-Palast war Tilda Swinton gerade noch zu sehen. Liveübertragung der Pressekonferenz. Jetzt ist sie weg und die Journalisten vor ihr stehen auf und greifen zu ihren Jacken. Das ist das Zeichen für die Wartenden vor dem Seiteneingang, dass jetzt bald etwas passiert. Fotografen, Fernsehteams, immer mehr Autogrammjäger, dicht gedrängt, das ist wärmer.
Endlich geht die Tür auf und Tilda Swinton im eleganten, sehr langen, sehr weiten Wollmantel, einer Mütze tief im Gesicht und in hohen Schuhen kommt in einer Gruppe heraus. "Tilda, Tilda" rufen die, die sich seit einer Stunde da herumdrücken. Swinton gibt lachend Autogramme, dann wird sie von einer Frau erlöst, die sie wegzieht. Im Dauerlauf, so wie es eben geht auf diesen Absätzen, rennen sie davon. Die Fernsehteams und Fotografen nehmen die Verfolgung auf. Tilda auf der Flucht. Irgendwo in Richtung Sony-Center taucht sie unter.
Benzinstand: ein Viertel
Kosten: Orangensaft, 2,50 Uhr, Parkgebühren 2,50 Uhr
5. Februar, 10.04 Uhr, zu Hause vor dem Computer:
Die 10-Uhr-Nachrichten von Radio eins haben noch nicht einmal begonnen, da ist der Server der Berlinale schon an seiner Leistungsgrenze. "Rage", Premiere, Sonntag, 22.30 Uhr, angewählt. Die Uhr arbeitet, zu lange, das ist schon im Ansatz zu spüren. Verzögerung. Dann: Zurzeit keine Reservierung möglich. Das Ticketsymbol auf der Übersichtsseite ist plötzlich durchgestrichen.
Schnell zu "Cherrybomb", das Teenie-Drama in der Generation-Reihe, den Kollegen hervorgehoben haben, weil einer der Harry-Potter-Hauptdarsteller, Rupert Grint, mitspielt. Die Uhr, die Verzögerung, dann, ha, die Maske zum Eingeben der Ticketanzahl: 2! Weitere Karten? Ja, gern. "Gigante", So. 16.30 Uhr. Die Uhr, die Verzögerung - keine Reservierung möglich. Schnell zurück zur Cherrybomb-Reservierung. Weg!
Auf die Übersichtsseite. Alle Kartensymbole sind durchgestrichen. Es ist 10.03 Uhr. Das war gar nichts.
Kosten: -
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