Deutsche Oper

So eine emanzipierte Salome hat man selten gesehen

"Salome" war im Jahr 1905 ein echter Skandal. Regisseur Guth inszeniert Strauss' Musikdrama in Berlin als Parabel eines Missbrauchs.

"Ich bin Salome, die Tochter der Herodias, Prinzessin von Judäa", singt die Sopranistin Catherine Naglestad im schlichten weißen Tuchkleid und vollführt dazu vor dem Propheten Jochanaan einen vollendet braven Knicks. Wenn Regisseur Claus Guth angekündigt hatte, für seine Neuinszenierung von Richard Strauss' schwüler Nahost-Oper an der Deutschen Oper auf gängige Klischees zu verzichten, so ist diese Geste fürs Erste Beweis genug: keine arrogant-stolze Schönheit, die über den Leichen ihrer Sklaven wandelt und sich lasziv vor ihrem König räkelt, keine brutalen, ungeschlachten Römer und listigen Ägypter nirgends, und auch kein Mond, der die grausige Handlung von Oscar Wildes Einakter suggestiv und wollüstig begleitet.

Eines der ersten Details, die auf der kaum erleuchteten Bühne mit nur schattenhaft wahrnehmbaren, im Raum verteilten starren Figuren ins Auge springen, sind die Bühnensofas im Gelb und Ocker des Deutsche-Oper-Layouts. Werk und Aufführungsort können im dramaturgisch gewollten Interieur der 1950er-Jahre eins werden: Die große Aufführungstradition des Stückes an der Bismarckstraße gipfelte vor 25 Jahren in einer formidablen Tonaufnahme mit Giuseppe Sinopoli am Pult.

An die damalige musikalische Glanzleistung reicht das jetzige Orchester der Deutschen Oper unter der Leitung von Alain Altinoglu durchaus heran. Aus dem Dunkel der Bühne schälen sich gleich zu Beginn höchst wortverständlich die Stimmen der Palastwachen, weil Strauss' unablässig flirrende Partitur aus dem Orchestergraben mit größtmöglicher Zurückhaltung, Akkuratesse und Präzision dargeboten wird. Altinoglu schafft es, die überbordene, mondäne Klangschönheit des Stückes über zwei Stunden weitgehend abzudämpfen, ohne dass die Klangfarben auch nur im Geringsten leiden. Neben der intelligent gestaltenden, wenn auch stimmlich angeschlagenen Naglestad, dem vokal schlanken Michael Volle als Jochanaan und dem agilen, wortverständlichen Burkhard Ulrich als Herodes bewegt sich das vielköpfige Ensemble des Hauses an diesem Abend auf höchstem Niveau. Eine bemerkens- und bedenkenswerte Aufführung – und ungeachtet der Buhs für das Regieteam nicht nur in musikalischer Hinsicht.

"Salome" brachte Strauss den Durchbruch

Dass die Uraufführung von Strauss' Musikdrama "Salome" nach Wildes Text im Jahr 1905 zugleich der internationale Durchbruch des Komponisten und ein handfester Skandal war, mag angesichts des abgeschlagenen und danach geküssten Kopfes des Propheten Jochanaan nicht verwundern – dass die Handlung bis heute in solchen Klischees wie quasselnden Juden und Mond vor lila Himmel auf der Opernbühne dargestellt wird, verwundert dagegen schon. Regisseur Guth setzt ein mutiges Konzept dagegen: Nicht wegen irgendwelcher dazu erfundener Bizarrheiten, sondern wegen der Konsequenz, mit der er seine intelligente, kaum sinnlich opernhafte oder gar optisch opulente Lesart der männermordenden Femme fatale durchdekliniert. Vielleicht auch deshalb mutig, weil am Ende vom Fatalen, vom angeblich so Rätselhaft-Bedrohlichen dieses Frauencharakters nicht viel übrig bleibt.

Claus Guth braucht – wie schon in früheren Inszenierungen – gespannte, aufmerksame und geduldige Zuschauer, denn er versteckt seine Pointen zunächst sorgsam. Dass der Regisseur sich nicht mit Salomes Charakter als einem Rätsel begnügen wird, verrät auf der sparsam-schattenhaft ausgeleuchteten Bühne zunächst nur der gedeckte Esstisch in der Mitte. Er deutet einzig auf das häusliche Drama hin, das im Folgenden in beklemmenden psychologischen Familienaufstellungen nachgespielt wird. Salome bewegt sich inmitten starrer Schatten, die erst im Lauf der ersten Viertelstunde als Puppen einer Schneiderwerkstatt kenntlich werden. Der riesige Kleiderhaufen zur Rechten fügt sich der Logik dieses Bildes, und doch ist die Assoziation an die zusammengekehrten Kleider an der Rampe von Auschwitz kein Zufall. Es wird in dieser "Salome" nicht um Erotik, Obsession und sexuelle Perversion gehen, sondern um Schuld und Verdrängen. Und es ist einer der sensiblen Punkte und doch der Stärken von Guths Arbeit, dass er den Zuschauer dies zunächst lediglich ahnen lässt und ihm – gemessen an der letztlichen Konkretheit seiner Regie-Idee – ein sehr ungeordnetes Puzzle von Bedeutsamkeiten hinwirft.

Verdecken und Verschweigen als typisches Verhalten

Licht kommt in die Sache erst, nachdem der gefangene Prophet Jochanaan, von der neugierigen Salome an die Oberfläche geholt und wie besessen bedrängt, asketisch in seine Zisterne zurückgestiegen ist – nicht ohne das weiße Tuch des familären Esstisches so effektvoll wie rätselhaft in Flammen aufgehen zu lassen. Erst danach sieht man das Logo der Großschneiderei an der holzgetäfelten Hinterwand, die Vitrinen mit teuren Krawatten werden geöffnet. Aus Herodes Antipas, dem machtbesessenen Tetrarchen von Galiläa, der seinen Bruder ermordete und dessen Frau heiratete, macht Guth einen patenten Profiteur des Wirtschaftswunders, der mit seiner Familie indes nicht minder rücksichtslos umgeht als das antike Original.

Das alles könnte lediglich ein witzig-klamottiger Neuanstrich der Rahmenhandlung sein, würden Schneiderei und Fünfziger-Jahre nicht auf Guths Grundidee hindeuten: das Verdecken und Verschweigen als typisches Verhalten nach Kindesmissbrauch. Das gedankliche Kunststück des Regisseurs ist es, uns die grausame Mörderin Salome als Opfer einer solchen Geschichte vorzuführen – einer Geschichte, die den eigentlichen Mord an Jochanaan – in der Aufführungstradition meist möglichst drastisch und blutig vorgeführt – als Nebensache und nur symbolisch an einer Kleiderpuppe ausgeführt erscheinen lässt. Guths Umdeutung der Handlung ist radikal, kann und will zwar nicht alle historischen Details des Wilde-Textes ummünzen, führt aber doch immer wieder zu jenen entscheidenden Stellen in Text und Musik, welche die Deformation und Verzweiflung von Salome und ihrem monströsen Stiefvater Herodes – mit Jochanaan als Alter Ego und schlechtes Gewissen – schlüssig und traurig zeigen. Eine menschlichere, bemitleidenswertere und am Ende in ihrer Emanzipation doch willensstärkere Salome als diese sah man selten.

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