Oper

Wenn sich eitle Theaterleute auf offener Bühne streiten

Hans Neuenfels hat an der Berliner Staatsoper „Ariadne auf Naxos“ von Richard Strauss inszeniert und auf den Skandal verzichtet. Es ist rundum sinnliches Musiktheater geworden.

Foto: Tim Brakemeier / dpa

Hans Neuenfels ist im Auftrag der Staatsoper mit einer Richard-Strauss-Oper ins Schiller-Theater zurückkehrt. Der lang gefürchtete Skandalregisseur beweist sich als ein vorurteilsfreier Leser von Libretti und Partituren, nicht alles schreit nach Provokation. Im Gegenteil. "Ariadne auf Naxos", geschrieben von Strauss und dem Textdichter Hugo von Hofmannsthal zwischen 1912 und 1916, weist einen eher unscheinbaren Skandal auf. Er liegt liegt in der Fragilität des Doppelabends, der zwischen Konversationsstück und antikem Drama changiert, verborgen. Der griechische Mythos, der beim Bildungsbürger ja immer noch eine bedingungslose intellektuelle Unterwerfung auslösen soll, wird in einem Vorspiel auf dem Theater hintergangen. Ein Komponist des 18. Jahrhunderts tritt auf, es könnte Mozart sein, und fordert, dass sein neues Trauerspiel "Ariadne", von einem reichen Wiener Herrn in Auftrag gegeben, unverstellt und ohne Hinzunahme einer kleinen Komödie gespielt werde.

Für den Komponisten – was Strauss als auch Hofmannsthal schon ziemlich selbstironisch sehen konnten – steht das antikisierende Drama für die menschliche Existenz, die Komödie dagegen stört. Doch dem reichen Herrn, der nur vermittelt über seinen Haushofmeister (von gewollt bärbeißiger Fiesheit: Neuenfels' Theatermuse Elisabeth Trissenaar) zu Wort kommt, ist das zu langweilig. Er will Komödie und Tragödie gleichzeitig gespielt wissen und hat dafür die Artistin Zerbinetta samt ihrer vier Burschen verpflichtet.

Ein Konversationsstück

Wie sehr Strauss seine Inspiration von der "eigentlichen" Tragödie um die liebeskranke und todeswillige Ariadne abzog, um sie in das kleine Konversationsstück hinter der Bühne zu stecken, das machen Neuenfels und Dirigent Ingo Metzmacher mit phänomenaler Sensibilität und einem spielfreudigen Staatsopern-Ensemble deutlich. Die Trauer der Ariadne im zweiten Teil ertrinkt in Lyrismus und Geschichtsträchtigkeit, und es braucht nur ein bisschen edlen Faltenwurf und dräuende Blechakkorde, um den genannten Hochkultur-Reflex beim Publikum auszulösen. Meisterhaft wird das vorgeschaltete komödiantische Konversationsstück hergestellt: Neuenfels lässt den Streit der eitlen Theaterleute vor weißer Wand und zunächst ohne Hintergedanken in Szene setzen.

Die geschmeidige Staatskapelle gefällt unter Metzmachers Leitung mit Wohlklang und innerer Gespanntheit. Ebenso gekonnt agieren die Solisten, allen voran Marina Prudenskaya in der Hosenrolle des Komponisten. Ihre schwere Mezzosopran-Stimme weiß sie mit blendender Schlankheit und Textverständlichkeit zu führen, ihre zornige Darstellung des verkannten Künstlers hat eine innere musikalische Bindungskraft, die sich auf Protagonisten wie den verquälten Musiklehrer (Roman Trekel) und die kokette Zerbinetta überträgt. Die wird von Brenda Rae gespielt und gesungen. Rae erfüllt, von Neuenfels geführt, nur zum Schein das billige Rollenbild der leichtfüßigen, oberflächlichen und sexuell stets motivierten Theatermaus.

Eine Tragödie – das war Strauss' und Hofmannsthals innerste Überzeugung – ist wesentlich leichter herzustellen als eine Komödie, und die Spuren des Zweifelns müssen sich zwangsläufig in eine Figur gegraben haben, deren Körper, Geist und Stimme Komödie einatmet und wieder ausstößt. Die berühmten Gesangskoloraturen zur Aufheiterung Ariadnes hat Rae souverän drauf, doch es gehört zum großen Menschenzeichner Neuenfels, die Mühsal der auf schönen Schein dressierten Künstlerin hinter diesen Vokalschleifen doch aufscheinen zu lassen.

Romantische Klischees werden entlarvt

Auch jenseits des Komponisten, dessen Todessehnsucht von Neuenfels als romantisches Klischee entlarvt und sie zugleich als große Verzweiflung über die heutige Kunst- und Lebensfeindlichkeit gutheißt, zeigt der Regisseur spielerisch die Parallelen zwischen den Figuren von Komödie und Tragödie. Als mythisches Echo auf die Allüren der Primadonna in der Komödie lässt Neuenfels seine Ariadne, wie die Primadonna in Gestalt der vorzüglichen Sopranistin Camilla Nylund, vor ihrem Selbstmord noch einmal sich selbst umarmen. Roberto Saccà als ihr verhinderter Verehrer Bacchus kann mit noch so viel Schmelz und Durchschlagkraft singen und mit männlich herbem Charme spielen, die selbstsüchtige Liebe und zugleich die Verzweiflung von Ariadne kann er nicht überwinden.

Strauss und Hofmannsthal haben für kein gemeinsames Werk länger gebraucht und sich mehr gestritten als über "Ariadne auf Naxos". Es ist, so bekannte es Strauss zumindest in hellsichtigen Momenten, ihr vielleicht bestes Werk geworden. Die komplexen Beziehungen zwischen Tragödie und Komödie, zwischen Mythos und Realität so abzubilden, dass sie als lebendiges Theater und nicht nur als Repertoire-Pflichtstück auf die Bretter kommen, ist keine leichte Aufgabe. Neuenfels und Metzmacher haben jetzt die Berliner Opernszene um ein sinnliches Stück Musiktheater reicher gemacht.

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