Konzert in Berlin Nena ist im Kreuzberger SO36 zum Greifen nah

Foto: Redferns via Getty Images/Getty Images

In Kreuzberg begann die Karriere von Nena. Am Mittwochabend kehrt sie zurück zu ihren Wurzeln - und macht im ausverkauften SO36 ordentlich Druck mit ihrer Mixtur aus Rock, Pop, Funk und New Wave.

Der Termin in der O2 World war schon gebucht. Bereits Ende Februar wollten Nena und ihre Band dort das neue Album "Oldschool" live in Berlin vorstellen. Aber sie haben es sich kurzfristig anders überlegt. Eine Clubtour sollte es sein. Konzerte ganz nah am Publikum, ohne viel Show-Aufwand, in Läden, in denen Nena am Anfang ihrer steilen Karriere in den 80er-Jahren aufgetreten ist. Der O2-Termin wird nun erst am 6. November stattfinden. Am Mittwochabend steht die ewige Prinzessin der Neuen Deutschen Welle mit ihren Musikern im ausverkauften SO36 in Kreuzberg auf der Bühne. Und wird euphorisch gefeiert.

Es ist das erste von 15 Konzerten auf dieser "Oldschool Club Tour". Nach dem angenehm kurzen Vorprogramm des Elektro-Pop-Trios Adameva, dessen Sängerin Nenas Tochter Larissa ist, kommt Unruhe in die dicht gedrängte Menge.

Nena und ihre Musiker zwängen sich mitten im langen Saal des SO36 von ganz hinten durchs Publikum Richtung Bühne. Ein Star zum Anfassen. Eine Poplegende ganz nah. Sie genießt den Fankontakt sichtlich, greift sich im Rampenlicht eine E-Gitarre und eröffnet den Abend mit "Noch einmal" vom 1983 erschienenen Debütalbum "Nena". Von Anfang an singt alles mit.

Hier in diesem Teil von Kreuzberg hat alles begonnen. Gleich um die Ecke vom SO36 war die Fabrik des Fotografen und Managers Jim Rakete, ein Kreativlabor der Berliner Rockszene der Achtziger, in dem Gabriele Susanne Kerner aus Hagen strandete und mit Hits wie "Nur geträumt" oder "99 Luftballons" zum NDW-Star Nena wurde. Sie will es nochmal wissen. Man spürt, wie sie jeden Moment auf der Bühne auskostet. Sie ist ständig in Bewegung. Die Sängerin in schwarzer Lederjacke, die in diesem Monat ihren 55. Geburtstag feiert, ist von einer geradezu unheimlichen Jugendlichkeit.

Die typische Nena-Leichtigkeit

Alter ist für sie einfach kein Thema, obwohl sie gern auf mal ironische, mal trotzige Weise damit kokettiert. Sie spielt mehr neue als alte Lieder und die Songs vom Album "Oldschool", das sie zusammen mit Rapper Samy Deluxe aufgenommen hat, können sich zumeist hören lassen. Wie "Lieder von früher", das gleich als zweites Stück des Abends folgt. Ein poppiger Rocksong mit eingängiger Melodie und dieser typischen Nena-Leichtigkeit. Ihre Stimme ist von gewohnter Frische. Eine Fünf-Mann-Band stärkt ihr versiert den Rücken und gleich vier Chorsänger sorgen für Refrains und Rap-Einlagen. Drei ihrer Kinder gehören dazu: Sohn Simeon an den Keyboards, die Zwillinge Larissa und Sakias im Chor. "Das machen die freiwillig", sagt sie später bei der Bandvorstellung.

Sie machen ordentlich Druck und heizen die Atmosphäre mächtig auf mit einer treibenden Mixtur aus Rock, Pop und Funk, aus New-Wave- und Punk-Anklängen und wummernden Dancegrooves. Gleißend weiße Scheinwerfer blenden immer wieder ins Publikum. Nena hat zwar schon mehrere Comebacks hinter sich, aber 2015 scheint ihr Jahr zu werden. Viele der neuen Songs überzeugen. Aber klar, auch alte gehören dazu, wie "Ecstasy" das sie 1979 noch mit ihrer Hagener Band The Stripes aufgenommen hat, oder "Nur geträumt", ihr erster Hit von 1982 in einer energiesprühenden Liveversion, bei der aber auch keiner mehr stillstehen kann im wogenden Gewühl.

Keine Scheu vor Schlagerhaftigkeit

Nena genießt jeden Moment, ist von überdrehter Rastlosigkeit getrieben, verpatzt mit einem Lächeln auch mal kurz eine Strophe der neuen Ballade "Ein Wort", hat auch keine Scheu vor Schlagerhaftigkeit, wenn es dem Song dient, ist ganz die souveräne Entertainerin, so, wie sie es gelernt hat. "Oldschool" eben, aber dafür mit beiden Beinen im Heute. Sie braucht das Rampenlicht. Sie braucht ihr Publikum. Fehlt nur noch, dass sie sich zum Stagediven von der Bühne stürzt. Aber so weit geht die Liebe dann doch nicht.

Den Titelsong des neuen Albums gibt es zum Auftakt des langen Zugabenblocks. "Mein erstes Album ist seit 34 Jahren draußen, es ist so alt man kann's nicht einmal mehr im Laden kaufen" singt sie da über wummernde Elektrogrooves und Sohn Sakias rapt dazu. Und sie singt auch die bewegende Ballade "Bruder", in der es um ihren ersten Sohn geht, der behindert zur Welt kam und 1989 im Alter von nur elf Monaten starb. Klassiker wie "Wunder geschehen" und "Irgendwie, irgendwo, irgendwann" gibt's ebenso als Dreingabe. Nahezu zwei Stunden wird hier Handarbeit alter Schule zelebriert. Nena ist zurück. Und wie.

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