Hausbesuch bei Sängern

Ein Bassbariton zeigt sportlichen und künstlerischen Ehrgeiz

Seth Carico überzeugt das Publikum der Deutschen Oper Berlin mit schöner Stimme und gestähltem Körper. Mit seiner Frau Aída bewohnt er unweit des Kurfürstendamms sonnige zwei Zimmer mit Küche und Klavier.

Foto: Christian Kielmann

Ein "Barihunk" wie aus dem Bilderbuch. Der englische Begriff setzt sich aus den Wörtern "Bariton" und "Hunk" zusammen. Ein Bariton also, bei dem nicht nur die Stimme fasziniert, sondern auch das Äußere stimmt. Fast jeden Tag geht Seth Carico (32) ins Sportstudio, um seine Muskeln zu stählen. Er fühlt sich geschmeichelt, wenn man ihn zu den Barihunks zählt und wenn er im gleichnamigen Blog gefeatured wird.

Nun könnte man meinen, dass man einen eitlen Egomanen vor sich hat. Genau das Gegenteil ist der Fall. Außerordentlich herzlich ist der Empfang beim Hausbesuch. Der Sänger und seine Frau haben alkoholfreien Punsch und Buñuelos, wunderbares mexikanisches Weihnachtsgebäck zubereitet. "Wir stammen beide aus Gegenden, in denen die Leute warmherzig sind, viel lachen und Gastfreundschaft sehr wichtig finden", erklärt der Sänger. Er kommt aus den amerikanischen Südstaaten, aus Chattanooga in Tennessee. Seine Frau, die Sopranistin Aída De la Cruz, ist im mexikanischen Chihuahua geboren. Bei ihnen fühlt man sich sofort willkommen.

Abnehmen für gewichtige Rollen

Seth Carico ist ein humorvoller Mann, der sich selbst nicht allzu ernst nimmt. Eitel wirkt er sicher nicht. Sein sportlicher Ehrgeiz hat einen völlig anderen Hintergrund. Vor fünf Jahren brachte er noch 115 Kilo auf die Waage. Manche Rollen, die er heute übernimmt, hätte er als Schwergewicht nicht stemmen können. "Als Sänger muss man ständig auf die Knie gehen, das fiel mir schon schwer", sagt er. Bevor er die Oper für sich entdeckte, wollte er Schauspieler werden. Das Spiel ist für ihn noch immer außerordentlich wichtig. Er möchte alles tun können, was ein Regisseur von ihm verlangt und was für die Aufführung nötig ist.

Ein Schlüsselerlebnis war für ihn sein Debüt als Leporello in "Don Giovanni". Da sollte er ständig rennen, springen und über alle möglichen Dinge fallen. "Nach jeder Probe stand ich völlig schweißüberströmt da", erinnert er sich. Er fasste einen Entschluss, stellte seine Ernährung komplett um und nahm ein Rollenangebot an, das ihn unter Zugzwang setzte: der König in dem Musical "The King and I". Es war von vornherein klar, dass er in der Rolle viel mit freiem Oberkörper spielen würde. Bis zur Premiere im August 2011 hatte er 14 Monate Zeit, und tatsächlich wog er am Stichtag nur noch 77 Kilo. Er begann, intensiv zu trainieren und legte durch den Muskelaufbau wieder einige Kilos zu. Auch musste er neu lernen, mit seiner Stimme und seiner Atemstütze umzugehen: "Das war nicht leicht, aber das letztlich Beste, was meiner Stimme passiert ist."

Stimme ist Teil des Körpers

An die Deutsche Oper Berlin kam er im Herbst 2010 für ein Jahr als Stipendiat. In der Spielzeit danach gastierte er in Berlin und den USA. Zwischendurch arbeitete er in Philadelphia in einem Coffeeshop. Dann kam aus Berlin die Nachricht, dass eine feste Stelle im Ensemble in seinem Fach frei wurde. Seit Herbst 2012 gehört er nun zum Ensemble der Deutschen Oper, mindestens für zwei weitere Jahre. Seine Frau bereitet sich darauf vor, an verschiedenen Opernhäusern vorzusingen. Wenn zwei Sänger, die immer da sein müssen, wo sie Arbeit finden, eine Ehe führen, ist das nicht gerade einfach. "Natürlich ist man viel zu oft getrennt. Fantastisch ist aber, dass der Partner immer ganz genau weiß, wie man sich fühlt. In unserem Beruf steht man ja ständig unter hohem Druck", so Carico. "Schließlich ist die Stimme ein Teil des Körpers. Wenn damit etwas nicht stimmt, denkst du, etwas mit dir ist nicht in Ordnung."

In der äußerst schwierigen Rolle der Kassandra in "Oresteia" von Iannis Xenakis hat er viel Aufsehen erregt. Halb als Bariton, halb im Falsett sang er seinen altgriechischen Text stampfend in einer stählernen Artischocke. Da war seine ganze sportive Kraft gefragt – und zu Hause das ganze Verständnis seiner Frau. "Es war das Schwierigste, was ich in meinem ganzen Leben gemacht habe – nicht nur als Sänger", findet er. Morgens ging er zur Probe, danach schloss er sich für vier bis fünf Stunden in einen Raum ein, stampfte und sagte den Text auf. Danach lag er heulend auf dem Sofa. Mit 115 Kilos hätte er das natürlich niemals geschafft.

Begeistert vom Berliner Repertoire

Seth Carico liebt die Vielfalt der Opern, in denen er an der Deutschen Oper auftritt. Er schwärmt davon, dass er in einem Monat Britten, Wagner und Donizetti singen kann, im nächsten dann Schostakowitsch, Mozart und Puccini. Im deutschen, französischen und tschechischen Repertoire fühlt sich der Bassbariton besonders wohl. In dieser Saison hat er 53 Aufführungen in 17 verschiedenen Produktionen. Viele Rollen wie der fiese, korrupte Polizeichef in der kommenden Premiere von "Lady Macbeth von Mzensk" sind für ihn neu. Als Dulcamara im "Liebestrank" hat er seine ersten Belcanto-Erfahrungen gemacht.

Nach drei Jahren als Gärtner Antonio in Mozarts "Die Hochzeit des Figaro" gibt er nun am 16. Januar sein Berliner Debüt in der Titelrolle. Der Figaro ist die größte und längste Rolle in seinem Repertoire, und sie ist wichtig für seine Zukunft: "Wenn ich gut darin bin, kann ich sie überall singen und zwar für lange Zeit." Nur der Leporello liegt ihm genauso sehr am Herzen. Seth Carico liebt die verrückten, finsteren und komplexen Opernfiguren. "Für jeden jungen Bassbariton wäre Wotan eine Traumrolle, für mich ist es aber Alberich", erklärt er. In seiner Schulzeit spielte er in einer Gemeindeaufführung von "Romeo und Julia", und der Regisseur ließ ihm die freie Wahl der Rolle. Zur Überraschung aller Mitwirkenden suchte er sich nicht den Romeo aus, sondern Mercutio.

Was das Libretto nicht beantwortet

In Berlin singt er viele Partien, in denen er nur ein paar Sätze hat. Trotzdem denkt er sich zu jedem dieser Charaktere einen kompletten Hintergrund aus. Glaubt er an Gott? Hatte er als Kind Freunde? Carico stellt sich lauter solche Fragen, die das Opernlibretto nicht beantwortet. Selbst wenn er nur einen Brief zu überreichen hat, möchte er wissen, was für einen Lebenshintergrund dieser Mann hat und was ihn einzigartig macht. Natürlich erfährt das Publikum davon nicht viel, aber für Seth Carico macht es die Probenarbeit einfach spannender. Er braucht die intensive Auseinandersetzung mit seinen Operncharakteren. Deutsch lernte er schon in der Schule. "Ich dachte immer, ich wäre sehr gut darin – bis ich nach Berlin kam", verrät er. In seinem Elternhaus in Chattanooga stand ein Klavier, also bekam der Junge Unterricht. Er sang auch immer gern und überredete mit neun Jahren seine Eltern, in der Gemeindeaufführung des Musicals "The King and I" mitspielen zu dürfen. Als Jugendlicher nahm er sich ernsthaft vor, Schauspieler zu werden. Mit 17 Jahren wollte er einem Mädchen imponieren und lud es in die Oper ein, obwohl er selbst noch nie eine Oper gesehen hatte. Nach der Aufführung von "Pagliacci" wusste er sofort, dass sie sein Leben verändern würde. Am nächsten Tag ging er zum Schulchorleiter und fragte ihn: "Ich möchte Opernsänger werden. Was muss ich tun?"

Spirituelle Kraft im Buddhismus

Er nahm Gesangsunterricht und hatte sich schon ein kleines Repertoire erarbeitet, als er mit dem Gesangsstudium an der Middle Tennessee State University begann. Es ist eine kleine Universität, die Seth Carico ideal fand, weil sie ihm viel Praxiserfahrung ermöglichte. Er war dort der einzige Student in seinem Stimmfach, also durfte er in neun Opernproduktionen mitspielen. Später wechselte er an die University of Michigan. In dieser Zeit hat Carico zum Buddhismus gefunden, wie es auch die Tattoos vom "Rad der Lehre" an seinen Armen zum Ausdruck bringen.

Einer seiner Gesangslehrer empfahl ihm, nach dem Studium eine Zeit lang nach Deutschland zu gehen. Heute ist er froh, dass er dem Rat folgte. Als Ensemblemitglied der Deutschen Oper Berlin hat er zwar viel zu tun, aber es bleibt immer noch Zeit für Gastspiele in den USA. Besonders freut er sich auf das Debüt mit dem Sinfonieorchester seiner Heimatstadt Chattanooga. "Ich habe als Zuhörer so viel erlebt mit diesem Orchester, zum Beispiel meine erste Aufführung von Mahlers ,Auferstehungssinfonie' und die besagte 'Pagliacci'-Vorstellung. Ich kann es kaum glauben, dass ich bald selbst vor dem Chattanooga Symphony stehe."

Berlin bietet ein richtiges Zuhause

Danach kehrt er allerdings auch gern wieder nach Berlin zurück. Im Opernensemble fühlt er sich bestens aufgehoben: "Meine erfahreneren Kollegen behandeln mich wie einen kleinen Bruder. Sie geben mir immer zur rechten Zeit die besten Ratschläge." Als Ort zum Leben findet er Berlin optimal: "Ich habe das Gefühl, dass hier jeder jeden respektiert. Ich habe erlebt, dass sich ein Mann im Geschäftsanzug mit einem Punk unterhielt, und zwar über Fußball. Wir fühlen uns hier einfach gut aufgehoben."

In einer Seitenstraße vom Kurfürstendamm bewohnt er mit seiner Frau und ihrer Katze eine sonnige Zwei-Zimmer-Wohnung mit Klavier. Die Nachbarn stören sich nicht an den Gesangsübungen der beiden Sänger. In acht Minuten ist Seth Carico zum Opernhaus geradelt. Fünf Jahre lang hat das Paar in ständig wechselnden Wohnungen zur Untermiete gewohnt. "Auch wenn der Vertrag irgendwann auslaufen sollte, wollen wir hier wohnen bleiben", sagt der Sänger. "Wir genießen es, hier endlich ein richtiges Zuhause zu haben."

Foto: Christian Kielmann

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