Fernsehen
Verfilmung von "Masserberg" stach ins Auge
Anna Fischer war der Lichtblick in der durchwachsenen ARD-Verfilmung von "Masserberg", eines Romans von Else Buschheuer. Doch Regisseur Martin Enlen schaffte es nicht, die beiden Geschichten von einer sich anbahnender Erblindung und dem Widerstand des Liebespaars gegen das DDR-Unrechtssystem gefällig miteinander zu verzahnen.
Von Peter Zander
Dieser Film sticht ins Auge. Buchstäblich. Schon in der sechsten Minute wird die Patientin einer Augenklinik am Behandlungsstuhl festgeschnallt, die Krankenschwester zieht die Cortisonspritze auf, und der Arzt zielt auf ihren Augapfel. Erst in der allerletzten Sekunde wird weggeschnitten. Da aber werden die meisten Zuschauer schon peinvoll weggeguckt haben - wenn nicht gleich ungeschaltet.
Mit "Masserberg" wagt die ARD viel, auch später noch. Es gibt ein paar explizite Sexszenen, wie sie das überwiegend ältere Publikum zur Hauptsendezeit nicht gewohnt ist. Vielleicht glaubte man, der Vorlage diese Deutlichkeit schuldig zu sein. "Masserberg" basiert auf dem gleichnamigen Roman von Else Buschheuer, der Ex-Wetterfee von ProSieben (die sich selbst eher "Wetter-Kröte" nannte). Mit Romanen wie "Ruf! Mich! An!" und zahlreichen Auftritten in Talkshows erlangte die einen Status, den man etwas altbacken mit dem Begriff Skandalnudel umreißen könnte.
Mit ihrem zweiten Buch hat Buschheuer (die inzwischen selbst Talkshows moderiert) 2001 allerdings gezeigt, dass sie auch anders kann: "Masserberg" war ein ernster, geschlossener Roman über eine Augenklinik im gleichnamigen Ort in Thüringen, der im Jahr 1984 spielte, als an Mauerfall und Wende noch nicht zu denken war. Die Autorin wusste, wovon sie schrieb, sie war selbst Patientin dort. Trotzdem legt ausgerechnet sie, die als erste Deutsche ein Online-Tagebuch führte und Privatestes veräußerte, Wert darauf, dass "Masserberg" kein autobiographischer Stoff ist: "Die Krankheit stimmt, das Land stimmt, der Rest ist weitgehend fiktiv."
Die Klinik dient nur als Parabel, als Mikrokosmos, in dem der Unterdrückerstaat DDR sich im Kleinen noch einmal in seiner ganzen Schikane und Willkür zeigt. Der Blick auf die Welt ist nicht nur durch die Mauer, sondern durch Augenentzündungen und -trübungen zusätzlich verstellt (was Kameramann Philipp H. Timme immer wieder in klaustrophobischen Bildern festhält). Eine Patientin ist die 19-jährige Mel (Anna Fischer), die zu erblinden droht und mit unsinnigen Therapien gequält wird. Sie trotzt ihrem Schicksal und der Obrigkeit (nicht nur in der Klinik) mit viel Schminke, aufreizender Kleidung und rotzfrechen Kommentaren. Punk-Attitüde als Auflehnung gegen das andere deutsche System. Die Ärzteschaft indes vergisst den Eid, den sie einst geschworen hat, und wägt genau ab, wem sie aufwendige Behandlungen zukommen lässt. Aufbegehrenden, nonkonformen Teenagern sicher nicht.
Die Fronten sind anfangs verhärtet und unverrückbar in dieser Verfilmung von Martin Enlen (Regie) und Jürgen Werner (Drehbuch). Bis ein neuer, junger Arzt in die Klinik kommt, in dem das Mädchen eine verwandte Seele erkennt. Dr. Sanchez (Pasquale Aleardi) ist Kubaner, der zum Studium in die DDR kam, sich aber im Arbeiter- und Bauernstaat ebenso wenig wohl fühlt wie in seiner Ehe mit einer überzeugten Genossin. Ausgerechnet mit der peinvollen Spritze beginnt eine Annäherung an die Rebellin, die immer intensiver wird.
Ein Ausbruchsversuch von beiden Seiten, über dem freilich ein Schatten liegt. Denn nicht nur das Mädchen wirft ein Auge auf den Arzt, auch die Stasi hat ihn permanent im Blick. Der Preis für seine Aufenthaltsgenehmigung, das wird allmählich klar, musste sich der Arzt erkaufen, in dem er Freunde und Kollegen verriet. Er leidet an seinem schlechten Gewissen und will nicht länger Spitzeldienste leisten. Ausgerechnet auf das Mädchen soll er nun angesetzt werden.
Der Alltag in der DDR erweist sich als immer reicheres Stoffreservoir für Kino- und Fernsehproduktionen. Schien es anfangs so, als könne oder wolle man die DDR nur am Endpunkt in ihrem Scheitern zeigen und eine halbe Nation auf ihre Stasi-Problematik reduzieren, wird der Blick allmählich differenzierter. "Boxhagener Platz" etwa zeigte kürzlich im Kino, dass eine Herangehensweise auch intimer, privater sein kann und die große Historie auch an kleinen Alltagsgeschichten festgemacht werden kann. Die ARD produziert mit der Serie "Weißensee" gerade die erste große Familiensaga über die DDR, und deren Produzentin Regina Ziegler prophezeit, dass das erst der Anfang sei und es noch viele Geschichten zu erzählen gebe.
Auch "Masserberg" geht in diese Richtung. Gedreht wurde übrigens am Originalschauplatz. Die Ärzte von einst verweigerten sich allerdings einer beratenden Mitarbeit - auch ein Zeichen für den Stand der Vergangenheitsbewältigung
Das hat dem Film allerdings keineswegs geschadet. Hier gibt es keine Ostalgie, aber auch keine Polemik. Im Mittelpunkt stehen einfach zwei Menschen, die an ihrem Umfeld zu ersticken drohen. Das Ganze wird ohne mahnenden Gestus und ohne überlegenes Wissen um die spätere Historie erzählt und kommt weitestgehend ohne Klischees aus. Ein Film, der deshalb auch im metaphorischen Sinne ins Auge sticht.
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