Standortsuche
Berliner Suhrkamp-Haus mit Pestiziden verseucht
Der Suhrkamp-Verlag ist wieder auf der Suche nach einem geeigneten Stammhaus in Berlin. Eigentlich war vorgesehen, dass das legendäre Nicolai-Haus an der Brüderstraße 13 bezogen wird. Aber das Gebäude in Mitte ist nicht nur reich an Traditionen, sondern auch an Pestiziden.
Von Volker Blech
Der aus Frankfurt am Main zugezogene Renommierverlag Suhrkamp wollte das legendäre Nicolai-Haus an der Brüderstraße 13 beziehen. Doch zu DDR-Zeiten war man dort leichtfertig großzügig mit Schädlingsbekämpfungsmitteln umgegangen. Suhrkamp könnte jetzt buchstäblich zu einem Spätopfer werden – die Pestizide beherrschen heute noch das historische Gebäude vom Dach bis in den Keller, erzählt ein Beteiligter.
Aber es gäbe noch weitere Probleme bei dem nach dem Verleger und Schriftsteller Friedrich Nicolai benannten Haus unweit der Leipziger Straße. Die Lage ist beileibe nicht so ideal, wie alle zu Beginn dachten. Es gibt Nachbarschaftsprobleme, heißt es, und es gibt auch Bedenken, ob das einstige Wohnhaus und spätere Stadtmuseum wirklich in ein funktionales Bürogebäude umgebaut werden könne. Derzeit prüft ein Architekt die anfallenden Kosten, die natürlich wie immer höher ausfallen als gedacht – aber am Ende muss sich das Ganze rechnen. Vorsorglich hat man bereits andere Objekte ins Visier genommen.
Suhrkamps Pressesprecherin Tanja Postpischil bestätigt offiziell, dass der Verlag nach wie vor mit dem Berliner Senat in Verhandlungen stehe und auf der Suche sei. "Das Nicolai-Haus ist schon sehr sanierungsbedürftig. Deshalb schauen wir uns auch andere Immobilien an. Uns wird verschiedenes angeboten." Eigentlich wollte der Verlag nur zwei bis drei Jahre in der früheren Finanzbehörde an der Pappelallee bleiben. "Dort sind wir nur Mieter", sagt Frau Postpischil: "Und natürlich wollen wir perspektivisch ein eigenes Verlagshaus haben."
Dieser Tage wurde etwa das Palais am Festungsgraben besichtigt, welches sich in zentraler Lage zwischen Maxim Gorki Theater und Deutschem Historischen Museum befindet. Das Palais hinter der Neuen Wache, das Mitte des 18. Jahrhunderts als Palais Donner entstand, ist ebenfalls ein traditionsreiches Haus. Nach Ende des Krieges amüsierten sich hier die russischen Offiziere grenzenlos, später wurde es zum braven "Haus der sowjetischen Kultur" umfunktioniert. Heute kann man dort unter anderem in die Tadschikische Teestube, deren Einrichtung einst Erich Honecker vom großen Bruder geschenkt worden war, gehen. Das Palais liegt quasi gegenüber dem Bertelsmann-Buchkonzern. Großkonzern und Traditionsverlag – es hätte ein bezaubernder Kontrapunkt werden können. Aber das Palais sei bereits wieder verworfen worden, heißt es, weil es für Suhrkamp letztlich zu groß sei.
Pressesprecherin Tanja Postpischil wollte am Mittwoch keinen der möglichen Ausweich-Standorte bestätigen noch dementieren. Es sei auch überhaupt noch nichts spruch- und unterschriftsreif, sagt sie: "Wir haben schließlich ein großes Zeitfenster für Entscheidungen."
Andere hoffen darauf, dass die Entscheidung auf ein Gebäude falle, in dem bereits vor dem Umzug des Verlags nach Berlin die Suhrkamp-Dépendance untergebracht war. Das liegt in einer Seitenstraße des Kurfürstendamms, in der Fasanenstraße, in unmittelbarer Nähe zum Literaturhaus sowie zum Auktionshaus Villa Grisebach. Für eine Mannschaft vom Range Suhrkamps wäre das "Industriegebiet der Intelligenz", wie in der Zeit zwischen den Kriegen die Gegend um den Kurfürstendamm genannt wurde, ein denkbarer Standort. Hier lag in Reichweite das Romanische Café, hier wohnten sie alle nahebei: Bertolt Brecht und Erich Kästner, Robert Musil und Joseph Roth.
Es gibt ihn noch, den gediegenen, bürgerlichen West-Berliner Standort. Das weiß auch die Verlegerin Ulla Berkéwicz, die nicht von ungefähr ihr privates Domizil noch weiter westlich an der Rehwiese, dort, wo gern Berlins Edelbohème residiert, einrichtet.
Ungeachtet dessen soll der künftige Stammsitz des Suhrkamp-Verlags in der neuen gesellschaftspolitischen Mitte angesiedelt sein. Zweifellos leben viele der angesagten oder aufstrebenden Autoren heute in Mitte, im Prenzlauer Berg oder in Pankow. "Wir sind orientiert auf Mitte und Prenzlauer Berg", sagt Frau Postpischil: "Unsere Mitarbeiter, die von Frankfurt nach Berlin gekommen sind, haben sich auch bei der Wahl ihrer Wohnsitze darauf eingestellt." Kürzlich erst hat man einen temporären Edition-Suhrkamp-Laden in der Linienstraße eröffnet.
Nach wie vor sei das Nicolai-Haus die erste Wahl, heißt es. Und zugleich eine Kostenfrage. Es wird weiter verhandelt.
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