Premiere "L'étoile"
Mit Sir Simon zum Abschied ins Hotel
Mit einer letzten Premiere vor dem Umzug ins Schiller-Theater hat sich das Staatsoper-Ensemble von seinem Stammhaus Unter den Linden verabschiedet. Auf dem Programm: die Oper "L'étoile" von Emmanuel Chabrier. Ausnahmsweise am Dirigentenpult: Sir Simon Rattle. Das Publikum jubelte.
Von Klaus Geitel
Ein dahingelächelter Abschied: die gefeierte letzte Premiere vor dem Umzug der Staatsoper Unter den Linden ins Schiller-Theater. Auf dem Programm: "L'étoile" von Emmanuel Chabrier, ein dreiaktiges Operchen zum Schmunzeln, musikalisch geistreich, unternehmungslustig, versonnen, in jeder Beziehung doppel- und sogar tripelbödig. Ein Genuss ohne Reue, von Sir Simon Rattle, ausnahmsweise am Pult der Staatskapelle Berlin, seiner Frau, der großartigen Mezzosopranistin Magdalena Kozená liebevoll zu Füssen gelegt. Er beschert Berlin mit vereinten Kräften das immer wieder gern gehörte musikalische Familienglück. Die Rattles entführen ins Hotel "L'etoile".
Chabrier, 1841 geboren, fand die lebhaftesten Bewunderer seiner Kunst unter Kollegen. Das ist selten. Selbst der ungemütlich meckerfreudige Debussy fand an ihm wenig auszusetzen. Ravel gestand sogar offen von keinem anderen Musiker mehr gelernt zu haben als von ihm. Francis Poulenc hat sogar ein ganzes Buch zum Ruhme Chabriers geschrieben. Nur das Publikum hat ihn niemals aus vollem Herzen mitgelobt. Wahrscheinlich war ihm Chabrier ganz einfach musikalisch zu erfinderisch: ein komponierender Fabulierer, alles andere als anpassungsfreudig, dafür aber mit Herz und Verstand. Kurzum: ein Komponist zum Mitdenken. Solchen höchst verdächtigen Leuten geht man bis heute gern aus dem Wege.
Ein aufmüpfiges Vorspiel
Nicht so Sir Simon Rattle. Er hat sich von jeher spürsinnig auf die Seite der künstlerisch Angezweifelten geschlagen und ihre Kunst leuchtend und einleuchtend durchzusetzen verstanden. Gleich mit den aufmüpfigen ersten Takten des Vorspiels weist er nachdrücklich den Weg zu Chabrier.
Als Zwischenspiel nach dem ersten der drei kurzen Akte (das Stück spielt pausenlos gerade mal knapp zwei Stunden) fügt er außerdem in einer Orchesterfassung das "Souvenir de Munich" ein, das Chabrier für Klavier zu vier Händen geschrieben hat: ein witziges musikalisches Notenblatt, liebevoll und gleichzeitig ironisch abgespickt von Wagners "Tristan und Isolde".
Eine "musikalische Missetat von zweifelhaftem Geschmack" hat es Alfred Cortôt schlichtweg genannt. Heutzutage kichert man beim Anhören der angekreideten Entgleisung eher amüsiert vor sich hin. Sir Simon weiß schon genau, was er tut. Er gibt musikalisch dem Affen Zucker, ohne sich darüber selber zum Affen zu machen. Er sät ringsum feinstes Vergnügen. Von einer "Operette" mag man bei diesem "Etoile" gar nicht sprechen. Rattle weiß seinen Chabrier, wie es sich gehört, rundum zu adeln – und die Staatskapelle stimmt ihm dabei nachdrücklich zu.
Auch sonst gibt sich "L'étoile" angekichert. König Ouf der Erste, von Jean-Paul Fouchécourt witzig hingewieselt, liebt es, seinem Volk um den Bart zu gehen. Jedes Jahr zu seinem Geburtstag lässt er einen x-beliebigen Delinquenten öffentlich hinrichten. Das macht erfahrungsgemäß aller Welt Spaß. Nur muss man zunächst ein solches Schlachtopfer suchen und finden. Ein eher mühseliges Geschäft.
Zum Glück stößt Uff diesmal auf Lazuli, der sich den Künstlernamen Magdalena Kozená zugelegt hat. Sie wird in der Folge auch noch als eleganter Gentleman, dann als schmucker Hotelpage auftreten, und immer erneut zu entzücken verstehen. Sie ist mit Leib und Seele und der wunderbar ausdrucksreichen, eindringlichen Stimme bei der tolldreisten Sache. Die Hosenrolle sitzt überdies ihrem schmalen, wendigen Körper wie angegossen. Nun verliebt sich dieser Lazuli von der Straße, wie das in Komödien halt so spielt, ausgerechnet in die junge schöne Prinzessin, die man für Ouf den Großen als künftige Königin ausgesucht hat. Das kann natürlich nicht gut gehen, und damit das auch prompt geschieht, werden ein paar Stolpersteine in der Handlung benötigt. Der letzte ist reichlich nass.
Flucht unter Kanonenbeschuss
Das Boot, mit dem die unstandesgemäß Liebenden fliehen wollen, wird beschossen. Es macht einen Riesenbumm – und die arme Prinzessin darf sich vorschnell als Witwe fühlen. Ihr Lazuli ist, mir nichts, dir nichts, unauffindbar im Wasser verschwunden. Doch natürlich taucht die unersetzliche Magdalena Kozená alsbald wieder auf. Schließlich kann sie die Bühne ja den Kolleginnen nicht allein überlassen.
Denn die sind innerlich wie äußerlich, vor allem aber künstlerisch durchaus nicht von schlechten Eltern. Zumindest sind sie herzhaft komödientauglich: die unternehmungslustige Stella Doufexis, der man lieber nicht im Fahrstuhl begegnen sollte, so schön sie auch singt. Mitunter reißt sie allerdings damit offenbar sogar den Männern die Kleider vom Leibe. Juanita Lascaro, der liebesverhexten Prinzessin, fällt die anheimelnd lyrische Partie zu, und sie singt sie mit innigem Glanz.
Als Regisseur hat Sir Simon seinen Freund Dale Duesing mitgebracht, dessen Inszenierung auf ihre brave Art keiner einzigen Note im Wege steht. Denn auf die kommt es schließlich vor allem an. Das weisen auch Giovanni Furlanetto und Douglas Nasrawi singend nach. Boris Kudlicka hat die elegante Hotelhalle gebaut, in deren Fahrstuhl sich die Inszenierung, ohne je stecken zu bleiben, wie von allein mühelos in den umjubelten Erfolg transportiert.
Staatsoper, Unter den Linden 7, Mitte. Nächste Aufführungen: 19., 23., 27., 30.5. Tel:20354555
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