O2 World
Whitney Houston in Berlin - Reality Show live
Whitney Houston gibt nicht auf, auch nicht in Berlin. In der O2 World gab die Diva mit der mitterweile äußerst unzuverlässigen Stimme ein Konzert - bei dem wieder vieles schief ging. Erst sang sie nur Lied-Fragmente, dann musste sie einen Song abbrechen. Auch der Höhepunkt des Abends misslang.
Von Tim Ackermann
Whitney Houston, auf dem Höhepunkt ihrer Karriere als Königin des Pops gefeiert, starb im Alter von 48 Jahren.
Sie hustet bedenklich. "Oh Gott, lass uns das hier abbrechen", sagt Whitney Houston. Die letzten Takte des Gospelsongs klingen ohne ihre Stimme aus. Das ist der Moment, in dem das Konzert stirbt. Laute Buhrufe von den Rängen. Ende eines öffentlich ausgetragenen Schaukampfes. Whitney gegen die hohen Töne.
Ein paar Minuten zuvor hatte sie noch im dem Gospelsong, im langen weißen Abendkleid, auf der Bühne der O2 World in Berlin stehend, Gott ihre Liebe gestanden. Zuvor hatte sie dem Publikum bereits ihre Zuneigung zu Denzel Washington, Aretha Franklin, R. Kelley und Annie Lennox gebeichtet. Bestimmt fünf Minuten verschwatzte die Diva, um den Berlinern im Detail darzulegen, welch ein wundervoller Mensch doch Michael Jackson war: "Ich nannte ihn Michael, er nannte mich Whitney." All diese kleinen und größeren Reminiszensen, die sie während ihres Konzerts einstreut, sollen eines zeigen: Sie gehört dazu. Whitney Houston war mal ein Star und sie ist immer noch berühmt. Nur das, wofür sie berühmt ist, das lässt sie heute im Stich.
Houstons Spitzname ist "The Voice". Die Stimme. Mit Balladen wie "I will always love you" nahm sie die Zuschauer mit in schwindelerregende Höhen. Doch an diesem Konzertabend merkt man schon nach den ersten Sekunden, dass es nie wieder so sein wird wie früher. Ihre Stimme klingt heiser, rauchig, etwas scheppernd bei den langen Noten und im Abgang meint man ab und an ein leises Krächzen zu vernehmen. Was ihr an Finesse fehlt, versucht sie durch Lautstärke und Kampfesgeist wettzumachen. Schon jetzt ist klar: Der Auftritt wird eine Zitterpartie. Es geht ums heil Durchkommen und wenn sie es schafft, alle Töne richtig zu treffen, geht das Publikum dankbar nach Hause.
Sie beginnt rockig. Lässt die Arme schwingen, stapft über die Bühne. Klatscht den Takt mit den Händen "Are you with me? Are you with me?", ruft sie. Das klingt ein bisschen nach Aerobic-Kurs. Die ersten Sitzreihen erheben sich folgsam. Whitney hat um die Hüften zugelegt. Sie trägt Leggins und eine kurzes, schwarzes Lederkleid. Sie rockt, sie röhrt, sie wackelt von einem Bein aufs andere. Wie Tina Turner, nur ohne Sex. Nach zwei Liedern ist sie außer Atem und schnappt beim Singen merklich nach Luft.
Whitneys Keuchen, mit 100 Dezibel in die Konzerthalle übertragen. Irgendwie ist man ihr so auch nah, praktisch mitten drin in ihren Atemwegen. Sie versucht mit einer längeren Plauderei Zeit zu gewinnen: "Ihr habt ja auch das Interview mit Oprah gesehen." Oje. Sagt sie jetzt gleich was über Drogen? Der Gebrauch illegaler Substanzen zusammen mit ihrem Ex-Ehemann Bobby Brown soll für ihre kaputte Stimme verantwortlich sein. Doch sie gibt sich tapfer: "Ich fühle mich gut!", ruft sie ins Publikum. Das ist Reality-TV übertragen aufs große Bühnenformat. Als trete Whitney Houston in einer Casting Show für ihre eigene Rolle an. Die erste Ballade, "I look to you", klingt ganz okay. Sie ist der Titelsong des neuen Albums und der veränderte Tonlage angepasst.
Minutenlang schaut sie das Publikum nicht an
Die Schau ist nicht wahnsinnig originell, die Band hält sich im Hintergrund, der Abend ist voll und ganz auf sie zugeschnitten. Es geht um ihre Höhen und Tiefen, ihre Liebe, ihr Durchhalten, ihren Kampf. Man leidet mit ihr und man leidet mit jeder schräg gesungenen Note. Immer wieder braucht sie Pausen. Nach einer halben Stunde verschwindet Whitney Houston für zehn Minuten hinter der Bühne, um sich umzuziehen. Man fragt sich schon bang, ob es das war mit dem Konzert. Dann tritt sie wieder auf, hat das weiße Abendkleid an und für einen Moment freudigen Herzklopfens erliegt man der Illusion und sieht wieder die alte junge, elegante, klassische Whitney vor sich. Doch dann singt sie "Saving All my Love for You" und trifft die hohen Töne nicht. Sie singt das Lied nur als Fragment.
Wenig später folgt der fatale Gospelsong. Er ist zu lang und geht am Geschmack der Fans vorbei, die wegen der alten Hits gekommen sind. Houston preist den Herrn, wimmert, röhrt und schreit. Nicht wenige Zuschauer verlassen zu diesem Zeitpunkt bereits enttäuscht die Halle. Sie beginnt, einem richtig leid zu tun, das hat sie nicht verdient.
Dann kommt die Stelle, an der sie das Lied abbricht. Es ist der Moment, in dem die Stimmung im Saal von Mitgefühl zu Verärgerung kippt. Erste Buhrufe ertönen. Die Diva wirkt etwas aus dem Tritt, verplaudert sich noch mit einer Frau in der ersten Reihe, die ihr eine selbstgenähte Handtasche schenkt. In einem kleine Club in Harlem würde so etwas charmant wirken. In einer großen Mehrzweckhalle fühlen sich die Menschen auf den hinteren Tribünenrängen im Stich gelassen. Die Buhrufe werden lauter.
Sie antwortet mit "I will always love you". Es ist die große Houston-Ballade. Das Lied, auf das der Abend zugesteuert ist, auf dessen Darbietung alle mit Spannung gewartet haben. Doch auch von diesem Hit, ihrem größten, singt sie nur einzelne Passagen. An die höchsten Tonlagen traut sie sich nicht mehr heran. Immer wieder macht sie Pausen, einmal steht sie minutenlang mit dem Rücken zum Publikum und man weiß nicht, was mit ihr los ist.
Schnell schiebt sie die Hits "I wanna dance with somebody" und "How will I know" hinterher. Neon-Farbspritzer auf der Großbildleinwand wecken warme Erinnerungen an 80er-Jahre-Pop-Trash und das Publikum in den vorderen Reihen erhebt sich noch einmal zum fröhlichen Tanzen aus den Polstersitzen. Doch es tröstet nicht über das Gefühl hinweg, dass Whitney Houston nur mehr ein Schatten ihrer eigenen Legende ist. Die geplante Zugabe singt die Diva vor halbleeren Rängen.
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