Oper
Anja Silja - eine umstrittene Sopranistin wird 70
An der Berliner Sopranistin Anja Silja haben sich seit eh und je die Geister geschieden – und nicht nur im Bayreuther Hause Wagner. Am Ende aber sang sie sich, schon in weit vorgeschrittenem Alter, in den unangefochtenen Triumph hinein. Heute feiert die Berlinerin ihren 70. Geburtstag.
Von Klaus Geitel
Immer hat Anja Silja zu überraschen verstanden. An der Berliner Sopranistin haben sich seit eh und je die Geister geschieden. Am Ende aber sang sie sich, schon in weit vorgeschrittenem Alter, in den unangefochtenen Triumph hinein. Sie sang in der Staatsoper Unter den Linden Schönbergs halsbrecherisches Monodram "Erwartung" und führte es bei all seiner Kompliziertheit zum Siege.
Die Silja kam auf die Welt, es war auf den Tag genau heute vor 70 Jahren, um die Welt zu erobern. Ihr Ehrgeiz war unwiderstehlich, ihre Leidensfähigkeit aber auch. Nie ist ihr im Laufe ihrer Karriere etwas in den Schoss gefallen, das sie sich nicht mit Kopf und Herz und Kehle erarbeitet hatte. Leider stand dabei die Kehle nicht immer an erster Stelle.
Sie setzte für ihre Interpretationen eben nicht einzig die Kehle nur ein. Nein, sie bot sich ihren Rollen mit Haut und Haar geradezu zum Fraße. Sie brachte selbst das abgebrühteste Opernpublikum um den verdienten Schlaf. Das Überraschendste: Anja Silja begann ihren unaufhaltsamen Aufstieg schon in jungen Jahren. Sie war gerade mal Zwanzig, als sie in Braunschweig in Rossinis "Barbier" debütierte: ein Koloratursopran, der keine Höhe zu fürchten hatte. Sie sang Straussens Zerbinetta in der "Ariadne auf Naxos".
Sehr schnell sang sie sich in die Toplage einer "Königin der Nacht" hinauf, die sie bereits 1959 beim angesehenen Festival von Aix-en-Provence hochjubeln ließ. Dass sie sich ausgerechnet mit dieser Partie den Weg nach Bayreuth aufsprengte, gleicht einem Wunder. Schließlich sollte sie dort nicht das Waldvögelein im "Siegfried" übernehmen, sondern die Senta in "Der fliegende Holländer".
Und tatsächlich: der flog auf sie. Sein Name war Wieland Wagner. Der nannte Anjas Stimme in ihrer Durchschlagskraft "eine Kindertrompete". Nirgendwo hätte man die Unwiderstehlichkeit ihrer damaligen künstlerischen Leistungen besser charakterisieren können. Es war unmöglich, im Pro und Contra um Anja Silja, von ihrer Lebensleistung nicht gefesselt zu sein.
Nur im Hause Wagner empörte man sich mit der Zeit gegen sie, wenn auch nicht gerade aus künstlerischen Gründen. Wieland Wagners Gattin ging gegen die herausfordernde Konkurrentin auf die Barrikaden. Der Wagner-Clan hatte Silja zur Erzfeindin des Hauses auf dem Grünen Hügel erklärt.
Glücklicherweise hatten die konkurrierenden Opernhäuser weltweit einen unverstellteren Blick auf die Sängerin. Nach und nach eroberte sich Anja Silja Londons Covent Garden, Paris, Chicago und endlich die New Yorker Metropolitan. Das brachte natürlich Ruhelosigkeit in ihr Leben. Immerhin aber hielt sie zehn Jahre lang, von 1974-84, der Hamburgischen Staatsoper die Treue und baute dort furchtlos und unternehmungslustig ihr immenses Repertoire weiter aus. Kaum eine andere als sie hat derart viele zuhöchst gegensätzliche und herausfordernde Rollen gesungen.
Es ist ein Westentaschenwitz des Musiklebens über die Jahrhunderte hin, dass einst Wieland Wagner seiner vergötterten Anja die vorgeblichen Memoiren der Schröder-Devrient zum Geschenk machte: eine Fälschung rein pornographischen Charakters. Ein angemesseneres Geburtstaggeschenk für Anja Silja dürften heute der Respekt und die Bewunderung sein, die sich inzwischen zu ihren Füßen aufgehäuft haben.
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