Schaubühne
Brecht kommt mit einer Prise Musical daher
Friederike Heller inszeniert an der Berliner Schaubühne "Der gute Mensch von Sezuan" von Bertolt Brecht. Doch da die Brecht-Erbengemeinschaft festgelegt hat, dass nur die Kompositionen von Paul Dessau gespielt werden dürfen, lässt Heller die Band "Kante" die Musik interpretieren.
Von Aurelie Winker
In der Probebühne der Schaubühne in Reinickendorf werden die Requisiten für "Der gute Mensch von Sezuan" verladen: Voll gehängte Kleiderstangen, ein Rollstuhl, Tische, ein Klavier und sehr viele Instrumentenkästen. "Musik steht eigentlich im Zentrum des Abends", sagt Friederike Heller, "der Abend ist fast eine Art Musical." Eine große musikalische Auswahl hatte die 36-Jährige allerdings nicht, denn die Brecht-Erbengemeinschaft hat festgelegt, dass nur die Kompositionen von Paul Dessau gespielt werden dürfen, oder gar keine. Spielraum blieb also nur bei der Interpretation. Dafür hat Friederike Heller die Band Kante gewonnen, die in kleiner Besetzung mit auf der Bühne stehen wird – Atonalität meets Indie-Rock.
Es ist eine doppelte Premiere für Friederike Heller: Sie inszeniert zum ersten Mal ein Stück von Bertolt Brecht und es ist die erste Arbeit in ihrer Heimatstadt Berlin. Doch die Regisseurin strahlt eine angenehme Gelassenheit aus. "Berlin ist ein Haifischbecken, ich erwarte mir hier keine Golddusche."
Friederike Heller wollte mal Profimusikerin werden
Musik spielt nicht nur in dieser Inszenierung eine wichtige Rolle, sondern auch für Friederike Heller selbst. Sie hat Klavier und Saxofon gespielt, gesungen und sogar eine Karriere als Profimusikerin in Erwägung gezogen – womit sie in die Fußstapfen ihres Vaters getreten wäre. Sie entschied sich schließlich aber doch, einen eigenen Weg einzuschlagen. "Die Arbeit im Theater ist kommunikativer, ich bin gerne mit Menschen zusammen." Ihr Vorbild im Umgang mit Kollegen ist ihr früherer Regielehrer, der künftige Staatsopern-Intendant Jürgen Flimm. "Ich bewundere seine Gabe als Kommunikator, er ist ja eine Art Pate der Theaterszene." Nach dem Abschluss in Schauspielregie an der Hochschule Hamburg arbeitete Friederike Heller als freie Regisseurin und wurde 2005 von der Zeitschrift "Theater heute" zur Nachwuchsregisseurin des Jahres gewählt – für ihre Inszenierung von Peter Handkes "Untertagblues".
Danach öffneten sich ihr die Türen vieler großer Häuser wie Stuttgart, Frankfurt und Wien, wo sie mit ihrer Familie eine Zeit lang lebte. Inzwischen hat sie mit ihrem Mann, dem Regisseur Patrick Wengenroth, zwei Kinder und sie brauchen das soziale Netzwerk in ihrer Heimatstadt Berlin. Seit dieser Spielzeit ist sie an der Schaubühne als Regisseurin und auch als Dramaturgin engagiert, was eine neue Herausforderung ist, ihrem Arbeitsstil aber sehr entgegen kommt. Friederike Heller arbeitet auch als Regisseurin sehr "Dramaturgie-lastig" und inszeniert gerne große Romanadaptionen wie Thomas Manns "Zauberberg" am Schauspiel Frankfurt oder jüngst Goethes "Wilhelm Meister" am Staatsschauspiel Dresden.
Im Geiste der 68er von der Mutter erzogen
Auch in Hamburg wagte Friederike Heller vor kurzem etwas Neues mit "Dann heul doch!", einer szenischen Installation zum Postfeminismus. "Ich wollte ein Bewusstsein schaffen, in wessen Erbe der Feminismus steht, und dass man das Errungene nicht wieder aufgeben darf." Sie selbst und ihre Schwester wurden von der Mutter im Geist der 68er erzogen. Intensiv reflektierte sie ihre feministische Positionierung allerdings erst, als es um die Arbeitsteilung bei der Erziehung der Kinder ging. "Emanzipation ist total anstrengend, denn wenn ich an der Wertschöpfung der Gesellschaft teilhaben möchte und Familie habe, bleibt wenig Zeit für Schlaf und die schönen Dinge des Lebens."
"Der gute Mensch von Sezuan" weist für Friederike Heller auch Elemente einer Emanzipationsgeschichte auf. Im Zentrum steht die ehemalige Prostituierte Shen Te, die im wahrsten Sinne zu gut für diese Welt ist, und daher in die Rolle ihres skrupellosen Vetters Shui Ta schlüpft, um ihre Interessen durchzusetzen. "Mich interessiert diese Frau, die sich autonomes Handeln herausnimmt und auch unangenehm wird. Schnell ist man bei der Frage, ob ein solches Verhalten per se unweiblich ist. Aber die Verknüpfung im Stück ist fies." "Der gute Mensch von Sezuan" sei außerdem eines von Brechts undogmatischeren Stücken. "Brecht versucht eine Paradoxie herauszuarbeiten und bei aller Märchenhaftigkeit hat das Stück einen sehr brutalen Kern: die Unmöglichkeit des moralischen Handelns."
Schaubühne am Lehniner Platz, Wilmersdorf. Tel.: (03) 890023. Premiere: 21. April
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