14.04.10

Neue Nationalgalerie

Breakdance-Bässe machen Bach zu Pop

Mit fliegenden Füßen und brausendem Applaus hat das Crossover-Projekt "Flying Bach" Premiere in Berlin gefeiert. In der Neuen Nationalgalerie prallt in der Inszenierung von Christoph Hagel Breakdance auf die klassischen Töne von Johann Sebastian Bach. Und auch die Zuschauer sind am Ende außer Atem.

Von Volker Tarnow
Quelle: reuters
13.04.10 0:0-1 min.
Die vierfachen Breakdance-Weltmeister "Flying Steps" bringen gemeinam mit dem Opernregisseur Christoph Hagel Bachs "Wohltemperiertes Klavier" auf die Bühne der Neuen Nationalgalerie. Eine ungewöhnliche Kombination.

Die Neue Nationalgalerie steht Kopf, und das nicht nur aus der Perspektive eines Tänzers, der gerade neo-barocke Luftschrauben dreht. Auch für die Besucher hat dieser Abend etwas Umstürzlerisches – verkehrte Welt. Bach und Breakdance, das klingt wie Himmel und Erde, für manch einen vielleicht wie Himmel und Hölle. Aber es funktioniert schockierenderweise. Die von Christoph Hagel ersonnene und von Vartan Bassil höchst professionell choreografierte Kombination beschert Berlin eine Show der Extraklasse.

Bassil gewann mit seinen "Flying Steps" schon viermal die Weltmeisterschaft im Breakdance. Wer sie auf Bach fliegen sieht, versteht warum. Die aus sechs Herren und einer Dame gebildete Truppe bietet wahrlich artistische Künste zu Boden und in der Luft oder, um im Jargon zu bleiben, zwischen Airtwist und Footwork. Das ganze Repertoire des Breakdance wird in Vollendung abgespult, vom Popping und Locking bis Freezing und Powermove. Die Vielfalt der Stile (oder 'Schritte') kann sich gut und gern mit dem klassischen Ballett messen. Sie werden in der Neuen Nationalgalerie in immer neuen Variationen vorgeführt. Verblüffend virtuosen Einzelleistungen wie die perfekt synchronisierten Ensembles, noch verblüffender, wie sehr das alles mit Johann Sebastian Bachs Musik harmoniert.

Den Tänzern gelingt eine adäquate Umsetzung von Bachs Vierstimmigkeit, sie orientieren sich sogar exakt an jeder einzelnen 16tel-Note, mit gebotener Berücksichtigung des Kontrapunkts, versteht sich. Das "Wohltemperierte Klavier" wird live am Cembalo und Piano vorgetragen, neben Sabina Chukurova lässt sich der Dirigent Christoph Hagel hören, der Erfinder des ganzen. Er hat sich in den letzten Monaten derart intensiv mit den "Flying Steps" abgegeben, dass sein Spiel, gleich im C-Dur-Präludium des Wohltemperierten Klaviers, eine leicht jazzige Rhythmisierung verrät. Ausgezeichnete Beat-Versionen Bachs aus dem Lautsprecher ergänzen die 12 Präludien und Fugen, und sogar die kurz eingeblendete Filmsequenz, gewöhnlich ein Tummelfeld von Dilettanten, fügt sich nahtlos zu Musik und Tanz. Die dramaturgische Rahmenhandlung erzählt, wie Jugendliche vom Herumlungern auf der Straße zum Hip-Hop kommen, eine Geschichte der Kultivierung also, in der die unvermeidliche Lovestory natürlich nicht fehlen darf.

Die Zuschauer folgen diesem Gesamtkunstwerk fasziniert, streckenweise ergriffen. Ältere Zuschauer sitzen wie beim Rockkonzert vorn auf dem Boden, jüngere ganz brav auf den hinteren Stuhlreihen. Die Neue Nationalgalerie wird innen und auf einer Außenrampe bespielt. Das nächtliche Berlin liefert mit Philharmonie, Matthäikirche und Sony-Center das wirkungsvollste Bühnenbild.

Doch ist "Flying Bach" mehr als nur laut glitzernd und irgendwie sexy. Die Sache besitzt sozio-kulturelle Bedeutung: Hier werden unüberwindlich scheinende Grenzen überschritten, übertanzt, beiseite geschoben. Wenigstens vorübergehend. Ob sie wirklich dauerhaft ist, diese Liaison zwischen Anbetern Bachs und Hip-Hop-Fans, das ist genauso ungewiss wie der Erfolg des ähnlich motivierten Education-Projekts der Berliner Philharmoniker. Aber solche Experimente sind jede Mühe wert. Und die Mühe ist groß, die Leichtigkeit nur gespielt; die "Flying Steps" vollbringen athletische Höchstleistungen. Auch die Zuschauer sind am Ende außer Atem – sie haben 70 Minuten die Luft angehalten angesichts der vorgeführten Leistungen. Wer bezweifelt, dass es sich bei Breakdance um ernst zu nehmende, große Tanzkunst handelt, wird gründlich bekehrt. Einen schöneren Aufreger hat Berlin derzeit nicht zu bieten. "Flying Bach" ist absolut hip. Und außerdem noch hop.

"Flying Bach" findet bis zum 1. Mai in der Neuen Nationalgalerie, Potsdamer Platz, um 20.30 Uhr statt. Karten: 26 und 33 Euro. Tel.: 0180-54470 oder im Internet unter www.ticketonline.com

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