Lange Nacht
Auf Tour zur langen Nacht der Opern und Theater
Die 2. Lange Nacht der Opern und Theater lässt am Sonnabend wieder die Busse zwischen den Berliner Häusern kreisen. Zigtausende Besucher werden auch diesmal erwartet, um die Kulturhäppchen zu genießen. Wir haben für Sie schon einmal zehn kleine Portionen zubereitet, damit Sie wissen, wo Sie teilnehmen sollten - und wo Sie besser weggucken.
Von Volker Blech
Die Oper des Komponisten Giuseppe Verdi hatte unter der Leitung von Daniel Barenboim an der Staatsoper Unter den Linden Premiere.
Die Ängste
Sie sind Triebkraft aller Event-Veranstaltungen. In Bezug auf Oper und Theater wird gern von Schwellenängsten gesprochen. Wer aber einmal die Schwelle überschritten hat, der soll sogar Lust aufs Theater empfinden. So ungefähr drückt es Organisatorin Kirsten Hehmeyer vom HAU aus. Aber vor der Lust stehen halt immer die Ängste. Dazu gehört die Angst der Veranstalter, irgendwann nicht mehr genug Publikum zu haben oder die des Publikums, immer nur teure Karten kaufen zu müssen und am Ende gar nichts zu verstehen. Andere haben Angst, dass sie den Bus verpassen, wieder andere, dass ihr Theater schmutzig wird. Zur ersten langen Nacht kamen immerhin 22 000 Besucher, diesmal werden es mehr sein. Da sind viele lustvolle Ängste unterwegs. Zweifellos: ein Hingucker.
Architektur-Gucker
Das war die Überraschung im letzten Jahr. Von wegen Musik - in der Staatsoper Unter den Linden gab es Gedrängel, weil viele einfach mal einen Blick in den kulturpolitisch umkämpften Saal von Richard Paulick werfen wollten. Gut, längst wurde entschieden, dass trotz der Sanierung des Haupthauses das Fünfzigerjahre-Stück im Inneren originalgetreu erhalten bleibt. Dennoch wird es bauliche Veränderungen geben, wozu die Erhöhung der Decke und damit verbunden die Einrichtung eines vierten (Zier-)Ranges gehören. Das Original ist sozusagen in dieser Nacht zum letzten Mal in seinem alten morbiden Charme zu sehen. Zweifellos: ein Hingucker.
Die Einsteiger
Wo man singt da lass dich ruhig nieder. Immer mehr Häuser entdecken die lange Nacht für sich. Im Auftaktjahr waren es 50, diesmal sind es schon 68. Jetzt scheuen auch die Privaten den Einsatz nicht. Zumal die Varieté- und Musical-Anbieter wollen diese bunte Nacht für sich nutzen. Aber auch kulturell abgelegene Kleinstbetriebe wie das von Günter Rüdiger geleitete Zimmertheater Steglitz, das erst Ende Januar aus dem Theater "Der Märchenbrunnen" hervorgegangen ist, haben die Chance ergriffen, über die Bezirksgrenze hinaus auf sich aufmerksam zu können. Hier steckt noch der Idealismus von Neueinsteigern drin. Ein Hingucker.
Häppchen-Kultur
Ja, die gibt es. Auf den Bühnen und schmatzend in den Foyers. Zuviel verdirbt den Magen. Deshalb vorher überlegen, was man verdauen kann. Ansonsten: ein Weggucker.
Marketing-Strategen Die Werbeprofis frohlocken: Eine halbe Nacht lang läuft und fährt einem das Publikum willig hinterher. Die Marketing-Schlauen im Theater des Westens, wo im Oktober das Queen-Musical "We Will Rock You"- Premiere hat und jetzt Ausschnitte gezeigt werden, präsentieren in reservierten Logen gleich zwei Hauptdarsteller für Fotoshootings und Interviews. Das Ergebnis werden wir wohl erst lange nach der langen Nacht sehen. The show must go on.
Der Spielverderber
Nicht alle Theater machen das Spiel mit. Zum Beispiel verweigert sich das Berliner Ensemble. Hausherr Claus Peymann will keine Event-Häppchen und verweist auf seine ausverkaufte Vorstellung von "Shakespeares Sonnette" in der Regie von Robert Wilson und mit Musik von Rufus Wainwright. Das ist ein Publikumsrenner, allerdings nur mit einem Zwischenstopp an der Kasse. Peymann möchte keineswegs auf seine Abendeinnahmen von rund 15.000 Euro verzichten. Peymann stellt vielmehr die Frage, auf wie viel Geld etwa die Opernhäuser verzichten würden? Es ist auch eine Nacht der Verluste. Nun gut, am Ende muss immer einer die Zeche zahlen, im Normalfall der Steuerzahler. Besser: ein Weggucker.
Die Teppich-Frage
Theater sind nicht auf solche Wellen der ungeduldigen Laufkundschaft vorbereitet. Armin Petras, Intendant des kleinen feinen Maxim Gorki Theaters, musste im letzten Jahr eine Spezialfirma mit der Reinigung des roten Teppichs beauftragen. 5000 Besucher strömten in das Haus und trampelten wartend auf jenem Teppich herum. Leere Büchsen und breit getretene Schokoriegel blieben zurück. Diesmal wird der Einlass in den Saal, wo Ausschnitte aus dem Stück "Opening Night" gezeigt werden, teppich-schonender organisiert. Und draußen vor der Tür wird ein Film über eine Woche Gorki-Betrieb gezeigt. Der Teppich: ein Weggucker.
Die Zerrissenen
Was machen eigentlich noble Berliner Kultur-Marken, die über kein eigenes Haus verfügen - zum Beispiel das Staatsballett Berlin? Das zerreißt sich buchstäblich und präsentiert sich zeitversetzt auf vier verschiedenen Bühnen der Stadt. Die Spitzentänzer zeigen Ausschnitte aus aktuellen Produktionen im Theater an der Parkaue, im Theater am Kurfürstendamm, in der Komischen Oper und im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Ein Hingucker.
Der Wackelkandidat
Totgesagte leben länger, heißt es trotzig aus dem Admiralspalast. Trotz finanzieller Probleme lädt Mark Scheibe als Gastgeber zu einem bunten Programm mit Gästen aus Theater, Comedy und Musik.
Zu guter Letzt
Die meisten Besucher werden die hauptstädtische Opern- und Theatermeile in Mitte ansteuern. Berlins Kultur zentralisiert sich. Aber was wird mit dem Kudamm? Stararchitekt David Chipperfield hat mit seinem Entwurf für die Kudamm-Bühnen deutlich gemacht, dass West-Berlin für ihn ein kulturelles Auslaufmodell ist und er das Theater in die Seitenstraße verbannen will. Ein übermütiges Projekt. Dieser Tage wird hinter den Kulissen heftig verhandelt wie es weiter geht. Der Ausgang ist ungewiss. Deshalb ist ein nostalgischer Blick in die guten alten Kudamm-Bühnen geradezu zu empfehlen. Ein Hingucker.
Die Lange Nacht der Theater und Opern findet am 10. April statt. 68 Bühnen geben Einblicke in rund 200 Produktionen und Programme. Die Darbeitungen in Oper, Musical, Theater und Variété erfolgen zwischen 19 und 1 Uhr im Einstundentakt. Angestrebt sind jeweils 30-minütige Programme. Kulturstaatssekretär André Schmitz eröffnet den Abend um 18 Uhr auf dem Platz des 18. März am Brandenburger Tor. Hier ist auch der zentrale Startpunkt für die Shuttle-Busse, die die Besucher auf mehreren Routen durch die Stadt fahren. Das Kombiticket für alle Theater, die Shuttle-Busse sowie den öffentlichen Nahverkehr im Bereich ABC kostet 15 Euro, ermäßigt 10, Kinder 5. Tel: 030/479 974 74.
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