Blogger Airen
"Keine Tabus, keine Regeln, keine Gesetze"
Der Berliner Blogger Airen lebt inkognito, hat Morgenpost Online nun aber doch ein Interview gegeben: via E-Mail. Airen wurde bekannt, weil Helene Hegemann in ihrem Buch "Axolotl Roadkill" Sätze aus seinem Werk übernahm. Sören Kittel stellte ihm Fragen zu seinem neuen Buch, seiner Anonymität, dem Leben im Berliner Underground - und der Leere nach dem Feiern.
Von Sören Kittel
"Axolotl Roadkill" erobert die Theaterbühne. In Berlin gab es eine Puppenspiel-Version von Helene Hegemanns Bestseller. Titel: "Axel hol den Rotkohl". Um die Buchvorlage war zuvor eine Debatte über Zitieren und Abschreiben in der Literatur entbrannt.
Morgenpost Online: Warum wollen Sie unbedingt anonym bleiben?
Airen: Ich kann ehrlich gesagt gar nicht verstehen, warum Leute den Kontakt zu Medien suchen. Nicht dass die Gespräche mit Journalisten unangenehm wären - aber trotzdem habe ich immer ein wenig das Gefühl, mich damit "nackt" zu machen. Es geht ja in meinen Büchern ganz ungeschönt und zum Teil sehr intim um mein Leben. Es war mir ein Bedürfnis, darüber zu schreiben - aber ich möchte nicht mit Unbekannten darüber reden.
Morgenpost Online: Kann man als Schriftsteller, dessen Bücher von vielen diskutiert werden, überhaupt anonym leben?
Airen: Bis jetzt geht das ganz gut. Auf der Straße hat mich noch niemand erkannt. Ich bin - auch aus beruflichen Gründen - sehr froh darüber.
Morgenpost Online: Folgt Ihre Zurückgezogenheit auch aus dem Hype, der ausbrach, als herauskam, dass Helene Hegemann bei Ihnen abgeschrieben hatte?
Airen: Das Ganze brach über mich wirklich absolut aus dem Nichts herein. Dann konnte ich nur noch reagieren, musste mich plötzlich darauf einstellen, Interviews zu geben, mich zu positionieren. Zu Beginn war das sicher keine angenehme Erfahrung, vor allem, weil ich befürchten musste, durch den Medienrummel "enttarnt" zu werden.
Morgenpost Online: Haben Sie Mitleid mit Helene Hegemann?
Airen: Mittlerweile, mit etwas Abstand: definitiv. Ihre Karriere als Künstlerin ist schwer beschädigt. Für alles, was sie falsch gemacht hat, wurde sie mittlerweile doppelt und dreifach bestraft. Ich hoffe, sie wird das auf lange Sicht wegstecken.
Morgenpost Online: In Ihrem Buch nennen Sie sich selbst "Airen, den Antihelden zwischen den Welten". Ist er auch ein "Vermittler" zwischen diesen Welten?
Airen: Ich habe in beiden Welten - der Alltagswelt und dem Underground, wenn man so will - gelebt. Daher rührt auch viel Verständnis für die Bewohner dieser Welten. Ein Vermittler? Vielleicht in dem Sinne, dass ich dadurch auch normalen Menschen vermitteln kann, was da unten los ist, jeden Tag, ohne dass sie es merken.
Morgenpost Online: Aber werden Sie mit der offenen Art, über diese Welt zu schreiben, auch zum "Spielverderber"? Wenn alle vom Berliner Underground wissen, gibt es ihn nicht mehr lange...
Airen: Das ist sicher ein Punkt, der mir ein schlechtes Gewissen bereitet. Ich selbst habe mich und die Figuren um mich herum hinter Synonymen versteckt und mir herausgenommen, über alles offen zu schreiben. Die Namen der Clubs aber stehen ganz klar in den Büchern. Dass in Technoclubs Drogen genommen werden, wusste man aber auch schon vor "Strobo". Trotzdem bleibt da jetzt, vor allem aufgrund des enormen medialen Interesses, das Gefühl, vielleicht etwas zu viel preisgegeben zu haben.
Morgenpost Online: Im Gegensatz zu anderen Büchern über Berlins Partywelt erwähnen Sie Menschen, die "hängen geblieben" sind, oder einfach aus der Bahn geworfen wurden. Warum?
Airen: Vielleicht, weil diese Menschen viel interessanter sind, als die, die ständig perfekt funktionieren? Je kaputter die Menschen sind, desto unverstellter sind sie oft, und desto einfacher ist es, einen Zugang zu ihrer Lebenswelt zu bekommen. Es gibt nichts langweiligeres, als diese Business-Menschen, die sich nur hinter ihrem professionellen Gehabe verstecken. Oft ist dahinter nur die totale Leere.
Morgenpost Online: Airen grübelt im Buch darüber nach, was er noch nicht ausprobiert hat. Er findet nichts, was noch fehlt. Kommt danach der Moment der totalen Nüchternheit? Haben Sie jemals diese totale Leere gespürt?
Airen: Das Gefühl der Leere nach dem Feiern hatte ich schon seit langem. Ich habe irgendwann gemerkt, dass es so nicht weitergeht. Davon handelt ja auch "Airen Man". Dass auch irgendwie keine Steigerung mehr möglich ist. Und dann merkte ich, dass es noch ganz viele andere Sachen gibt, die ich noch nicht ausprobiert habe. Über längere Zeit habe ich das eigentlich noch nie gespürt. Mein Leben war und ist ein ständiges Oszilloskop der Gefühle. Ständig tun sich neue Möglichkeiten auf.
Morgenpost Online: Können Sie dem folgenden Satz zustimmen, den man immer wieder in der Partywelt hört: "Man ärgert sich nur über Dinge, die man nicht gemacht hat"?
Airen: Absolut! Man sollte doch wirklich versuchen, in diesem einen Leben, das wir haben, alles, die ganze Bandbreite der Erfahrung, auszuschöpfen. Keine Tabus, keine Regeln, keine Gesetze gelten zu lassen, total den Moment zu leben. Was man aber leicht übersieht: Indem man den Exzess lebt, verpasst man viele andere Sachen. Am Ende muss man sich immer entscheiden. Alles auszuprobieren kann aber auch ein total positiver Impuls sein!
Morgenpost Online: Einmal werfen Sie im Buch eine Unterhose auf die andere Seite eines Zauns, um einen Grund zu haben, den dorthin geworfenen Joint wiederzubekommen. Sucht macht aus Menschen auch in Ihrem Buch irgendwie erbärmliche Figuren, oder?
Airen: Sucht ist im Grunde total erbärmlich, weil sie die eigene Entscheidungsfreiheit einschränkt. Weil man eben die blödesten Sachen macht, nur um an seine Droge zu kommen. Je nachdem, wie weit das fortgeschritten ist, kann man das mit Humor nehmen oder tragisch finden. Raucher stellen sich ja auch im tiefsten Winter freiwillig minutenlang in die Kälte. Ich denke, Sucht ist eine Alltagserfahrung.
Morgenpost Online: Einmal schreiben Sie: "Wir wären beinahe gestorben."
Airen: Es gab schon oft Momente, in denen ich dachte: Jetzt fühlts sich langsam nicht mehr gesund an. Wie nah man dem Tod wirklich gekommen ist, weiß man nicht. Vielleicht hätte man auch noch locker das Doppelte vertragen.
Morgenpost Online: All das drückt eine große Lässigkeit dem Leben gegenüber aus. Ist das eine Haltung, die Sie ausmacht?
Airen: Lässigkeit ist auch eine Abwehrhaltung. Wenn einem die heftigsten Sachen passieren, schafft man es vielleicht nur mit dieser Haltung.
Morgenpost Online: Fehlt Ihnen das Schreiben jetzt oder schreiben Sie noch weiter Tagebuch?
Airen: Im Moment schreibe ich wenig. Ich habe nach meiner Rückkehr aus Mexiko bis für kurzem für eine Werbeagentur hier in Berlin gearbeitet und mich da ziemlich in die Arbeit gestürzt. Den wirklich guten Umgang mir Sprache muss ich noch erlernen. Das ist auch momentan mein Ziel. Denn einen Vorteil habe ich durch die ganze Affäre gewonnen: Dass meine Texte jetzt ernst genommen werden.
Morgenpost Online: Weil sie authentisch sind?
Airen: Es war ja eine bewusste Entscheidung, die ich bereits am Anfang für mein Schreiben getroffen hatte: Absolut ehrlich aus meinem Leben zu berichten. Deswegen auch die Anonymität. Ich bereue nichts.
Morgenpost Online: Wie geht es Ihnen jetzt?
Airen: Ich bin auf jeden Fall schlagartig in ein neues Leben katapultiert worden. Ganz neue Möglichkeiten haben sich aufgetan. Mit "I Am Airen Man" hat sich ein sehr spannendes Projekt entwickelt. Es fühlt sich sehr viel besser an als alles, was ich gemacht habe oder machen musste.
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