Ausstellung

David Bowie - Geheimnisse einer Kunstfigur im Gropius-Bau

Foto: Duffy © Duffy Archive & The David Bowie Archive / © Duffy Archive & The David Bowie Archive

Im Gropius-Bau wird die „David Bowie“-Schau vorbereitet. Sie soll auch an seine Zeit in Berlin erinnern und zeigt Live-Auftritte, die wilden Original-Kostüme seiner Shows, Songtexte und Fotografien.

Seine Pop-Eminenz beliebte zu scherzen: "Beim nächsten Mal", versprach Bowie, "spielen wir ein wenig länger." Das war im November 2003 nach fast dreistündigem Konzert in der Max-Schmeling-Halle. Ein nächstes Mal aber gab es nicht. Dafür erwartet Berlin elf Jahre später nun ein zwölfwöchiges Bowie-Gastspiel, das sich in Sound, Bild und Informationsfülle an jedem seiner Konzerte messen lassen kann. Die Retrospektive vom 20. Mai bis 10. August im Martin-Gropius-Bau trägt den schlichten Titel "David Bowie".

Die Ausstellung zeigt auf deckenhohen Projektionswänden Live-Auftritte Bowies, die wilden Original-Kostüme seiner Shows, Songtexte, die er im Studio eilig auf Karo-Papier schrieb und nie ausgestellte Fotografien. Das Londoner Victoria & Albert Museum machte die Schau zur Sensation. Vor Eröffnung im März 2013 waren bereits 67.000 Tickets reserviert, in fünfeinhalb ausverkauften Monaten kamen 312.000 Besucher. Mindestens bis März 2016 ist die Schau jetzt auf Tour durch drei Kontinente.

Heute lebt er in New York

Warum aber will alle Welt in die Ausstellung eines Künstlers, dessen besten Werke mehrere Jahrzehnte zurückliegen, der statt auf Konzertreise zu gehen mit Supermodel-Gattin und Tochter gemütlich im New Yorker Millionen-Appartement lebt und jeden Medienkontakt verweigert? Wahrscheinlich, weil Bowie sich wie kein Rockidol vor ihm jeder klaren Definition entzogen hat.

Unablässig legte er Spuren über seine Person und seine Einflüsse aus: ein bisschen bisexuell, aber verheiratet, ein bisschen Buddhist, aber nie unterwegs ohne Mercedes, todessehnsüchtig im Kokainrausch, aber kurz darauf wieder heiter in Feierlaune, die Pils-Flasche hoch erhoben. Vieles war so widersprüchlich und verwirrend, dass ihn keiner recht durchschauen konnte.

Von seinem Durchbruch 1972 an bemühte sich Bowie zudem, auch seinen Veröffentlichungen eine mysteriöse Vielschichtigkeit zu geben. Jedes Album, jede Tour, jedes Cover warf die Frage auf: Was will uns der Künstler jetzt bloß wieder damit sagen? Während etwa die Beatles als vollständig erforscht gelten, gibt es bei Bowie noch viel zu entdecken.

Rollenwechsel waren kein gerissenes Marketing

Und die Ausstellung im Gropius-Bau liefert genug neues Material. Erstmals hat sich der Brite dazu in Kartons und Regale schauen lassen. Sein "David Bowie Archive" in den USA umfasst 75.000 Objekte. Die Kuratoren des Victoria & Albert Museums, Victoria Broackes und Geoffrey Marsh wählten 300 Stücke und entwarfen eine Schau, die den Besucher mit dem Eindruck zurücklässt, Mensch und Kunstfigur Bowie nun doch ein wenig besser zu begreifen.

Auf 1000 Quadratmetern des Martin-Gropius-Baus sind etwa seine Film-Skizzen für einen finsteren Untergangs-Schocker zu sehen. Ein alter "Vogue"-Artikel zeigt ein Model mit jener Damen-Frisur, die Bowie später als Bühnenfigur Ziggy Stardust trug. Auf blassen Fotografien von 1968 ist er ein zerbrechlicher Pantomime. Für ein vier Jahre jüngeres Bild hatte er sich als Mod gestylt. Auf einem anderen hüllt er sich er dagegen in die Kluft der ewigen Mod-Rivalen, der Rocker. Was muss in ihm während jener Swinging Sixties nur vor sich gegangen sein?

Deutlich wird, dass die Rollenwechsel in Bowies Rockkarriere zunächst nicht gerissenes Self-Marketing waren. Der Mann mit den zwei unterschiedlichen Augenfarben befand sich vielmehr von frühen Jahren an auf der verzweifelten Suche nach einer passenden Identität. Als Bowie aber seine Manie der ständigen Erneuerung ab der Ziggy-Stardust-Phase 1972 zum zentralen Element seiner Kunst machte, wurde er zum Massenidol. "Ch-ch-ch-changes" als Alleinstellungsmerkmal.

Bisher unveröffentlichter Briefwechsel mit Marlene Dietrich

Fast wäre die Berliner Etappe von "David Bowie" nicht zustande gekommen. Fünf Stationen, etwa Chicago und Paris, waren schon im vergangenen Herbst bestätigt. Das Risiko einer so aufwendigen Ausstellung aber wollte in Berlin lange niemand übernehmen, obwohl die Londoner Ausstellungsmacher fanden, ein Stop in Berlin habe Priorität. Auch, weil Bowie Mitte der 70er-Jahre in einer Altbauwohnung in Schöneberg lebte. In den West-Berliner Hansa-Studios wurde das Album "Low" vollendet und die LP "Heroes" aufgenommen. Mit Iggy Pop, der mit ihm nach Berlin gekommen war und im selben Haus eine Nachbarwohnung bezog, nahm Bowie die Alben "The Idiot" und "Lust for Life" auf.

Die Schau bekommt im Gropius-Bau einen erweiterten Berlin-Bereich. Weil Bowie mehrere Jahre in der geteilten Stadt lebte und arbeitete, haben die Veranstalter eine zusätzliche Kuratorin verpflichtet. Christine Heidemann forscht seit Anfang 2014 nach Zeugnissen seines Aufenthalts in Berlin. So zeigt sie auf zusätzlichen 25 Quadratmetern etwa Funde aus der Stasi-Behörde: Spitzel-Berichte über das Bowie-Konzert 1987 am Reichstag und die darauf folgenden Ausschreitungen auf Ost-Seite.

Andernorts entdeckte sie den bislang unveröffentlichten Briefwechsel zwischen dem Marlene-Dietrich-Fan Bowie und der unerkannt in Paris lebenden Diva. In seinen Berliner Jahren hatte er auch den Film "Schöner Gigolo, armer Gigolo", ein eher unbekanntes Werk, gedreht – das war Marlene Dietrichs letzter Film.

Große Plakatkampagne zum Start geplant

Während noch Paket-Sendungen aus der voran gegangenen Ausstellungs-Etappe Sao Paolo im Gropius-Bau eintreffen, sucht Christine Heidemann dieser Tage in den Berliner Räumen nach dem geeigneten Aufstellplatz für zwei Leihgaben des Dahlemer Brücke-Museums: Bilder des auch in Berlin einst künstlerisch aktiven Expressionisten Erich Heckel, die Bowie beim Rundgang dort zu zwei Plattencovern inspiriert hatten.

In den kommenden Tagen erwartet Berlin eine große Plakat-Kampagne. Bowies Posterfoto des Victoria & Albert Museums, ursprünglich von 1973, wurde für die Berliner Schau bis auf den markanten Blitz auf seinem Gesicht in Schwarzweiß gefärbt. Passend zum Cover des Albums "Heroes". Seines Berliner Meisterwerkes.

Martin Gropius Bau "David Bowie" vom 20.5. bis 10.8. Katalog, 320 Seiten, 300 Abbildungen, 49,95 Euro