Konzert in Berlin
Jean-Michel Jarre klingt erstaunlich frisch
34 Jahre nach seinem Durchbruch mit dem Album "Oxygen" füllt Jean-Michel Jarre immer noch Hallen mit rund 10.000 Plätzen. So wie jetzt in Berlin die Max-Schmeling-Halle. Bei dem Franzosen stimmt die Liturgie. Der Hohepriester der elektronischen Musik spielt in einem Maschinenpark von rund 30 Geräten.
Einsam stehen die Insignien seiner Macht im Rampenlicht: Alte Synthesizer mit Namen wir "Arp 2500" oder "CS-80", unbezahlbare Museumsstücke der Siebziger. Nur Jean-Michel Jarre scheint zu fehlen, man schaut sich erstaunt um zu Beginn dieses Konzerts. Doch: Da kommt er, auf überraschendem Weg, von ganz hinten mitten durch sein Publikum.
Katholiken kennen das vom Einzug des Pfarrers. Die Liturgie stimmt und passt. Der Hohepriester der elektronischen Musik ist seit einer Woche auf Welttournee, am Freitagabend spielte er in Berlin in der Max-Schmeling-Halle. Bei dem einleitenden Marsch durch die Massen stießen Bodyguards immer wieder Fans beiseite, die ihr Idol einfach berühren wollten. Einer hängte sich ihm kurz an den Hals, mit der gleichen Geste, mit der eine Frau zu Weihnachten den Papst stürzte. Jarre ist standfester.
Er verkaufte insgesamt etwa 80 Millionen Tonträger
34 Jahre nach seinem Durchbruch mit dem Album "Oxygen" füllt der Franzose immer noch Hallen mit rund 10.000 Plätzen. Zu seiner größten Zeit, Ende der Siebziger, begann wie durch Zufall seine Gigantomanie. Am Nationalfeiertag 1979 spielte er Open-Air auf der Place de la Concorde. Eine Million kamen, darunter Mick Jagger, der danach sagte: "So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht gesehen". Das war als Lob gemeint. Nur Jarres damalige Frau Charlotte Rampling kam nicht zu ihm durch, den Andrang hatte niemand erwartet. Jarre machte so weiter – in Paris schaffte er später 2,5 Millionen, in Moskau sogar 3,5. Das ist Weltrekord. Er war als erster West-Musiker in China, schon 1981. Er verkaufte insgesamt etwa 80 Millionen Tonträger.
Obwohl der Mann aus Lyon heute nur der Hausverwalter seines einstigen Ruhms ist und die alten Nummern immer wieder spielt, schafft er es, dabei erstaunlich frisch auszusehen und zu klingen. Jarre spielt in einem Maschinenpark von rund 30 Geräten, dessen Erwerb jedes Musikmuseum sofort weltberühmt machen würde. Seine Bühne, seine Kathedrale, leuchtet mal rot, mal blau, eine gefühlt 35 Meter breite Videowand zeigt die üblich buntgescheckte Videokunst, aber einmal auch 3D-Fahrten durch die Bedienelemente klassischer Synthesizer wie des Minimoog. Hier hat einer seine Obsession massentauglich gemacht. In alten Videoclips stand Jarre in der Wüste und drehte wild an den Reglern seiner Geräte.
Im Prinzip tut er das noch immer. Die weiche, von analogen Geräten erzeugte, flächige und oft erschlagend volltönende Elektro-Musik hatte eigentlich viele Pioniere. Doch Jarre hat irgendwie alle ausgestochen. Vielleicht hat er einfach als einziger konstant durchgehalten. Kläglich gescheitert ist unterdessen Mike Oldfield, der seinen Hit Tubular Bells bis heute in immer neuen Variationen aufzulegen versucht. Der Grieche Vangelis, nicht nur für Henry Maskes Abschiedsmusik, sondern auch für den durchaus Soundtrack zu Blade Runner berühmt, macht zwar weiter aber niemand kennt ihn mehr. Brian Eno verzettelte sich. Ryuichi Sakamoto wurde ein Avantgarde-Künstler. Nur Jarre blieb immer.
Er macht drei Witze und verschwindet sofort wieder
Weil er sich um die Musik sorgt – schon 1983 ließ er sein Album "Musik for Supermarktes" auf ein einziges Exemplar pressen, versteigern und forderte zum Raubkopieren der einzigen Radiosendung auf – hat er nun auch ein Soundsystem bauen lassen. Sein "Aerosystem" ist eine kleine aufrechte klingende Röhre für's Wohnzimmer, auf die man seinen iPod stecken soll. Die Jugend soll endlich wieder guten Klang hören, nicht nur Handy-Lautsprecher. Nach der Show empfängt Jarre ein Dutzend Journalisten und Marketingleute, um es vorzustellen. Da steht ein Mann in Converse Chucks, enger Hose, schwarzem Hemd und struppiger Mähne ohne ein graues Haar. Er ist 61 und sieht aus wie 41. Er macht drei Witze und verschwindet sofort wieder, obwohl doch noch Interviews angekündigt waren. Das Konzept hinter dieser Abendplanung dürfte lauten: Dem Charmeur wird's schon keiner übel nehmen.
Drinnen beim Konzert, als seine Nummer "Magnetic Fields" mit einem diesmal reichlich technoiden Beat begann, ließ er die Zuhörer im Takt klatschen, auf eins und drei, wie der Alleinunterhalter einer Kreuzfahrt. Jüngere Frauen – von denen aber wenige anwesend waren – verzogen wegen der schwierigen Assoziation das Gesicht. Doch genau diese Verbindung ist das Geheimnis Jarres: Er ist der Paulo Coelho der elektronischen Musik. Leicht erotisiert, viel zu bombastisch für den Inhalt, reichlich religös-esoterisch. Halb cool und halb Mamas Liebling. Dazu auch noch ein ewig junger Schönling. Es mag etwas kitschig wirken. Aber unterm Strich unterscheidet ihn nicht viel von Robbie Williams – nur der weltweite, unglaubliche und anhaltende Erfolg, natürlich.
















