"Echo"
Rihanna beweist, dass es keine Jacksons mehr gibt
Um zu retten, was vielleicht zu retten ist, hat sich der "Echo", eine häufig übertriebene, großspurige Preisverleihung, über Nacht in eine familiäre Angelegenheit verwandelt. Während ein näselnder Hamburger abräumte, blieb ein Superstar nach seinem Auftritt unbeachtet auf der Bühne stehen.
Von Michael Pilz
Unter anderem beklagt die Plattenindustrie das Fehlen weltweit akzeptierter Stars. Der letzte Star könnte der Rote Teppich sein. Beim "Echo" war der Rote Teppich lila. Ganz egal, wer ihn beschritt, der Bürgermeister oder Robbie Williams, ein Verteidiger von Hertha BSC oder Rihanna, Depeche Mode oder der irritierte Autor einer Tageszeitung: An den Gattern hob ein Kreischen an, als sägte jemand dünne Bretter zu. Ein pflichtschuldiges Lärmen, keine Hysterie wie in den Goldenen Zeitaltern. Die Sängerin Kesha ritt auf einem Pferd hinein, und die verfrorenen Mädchen riefen: "Oh wie süß, ein Pferd!" Die Jugend hat noch immer ein Sensorium für das Wesentliche und die Feinheiten der Popkultur.
Der "Echo", Deutschlands Grammy, wurde 19, und man darf ihn künftig ohne Gänsefüßchen schreiben. Am Donnerstag wurde der Preis wieder verdienten Musikanten überreicht. Der Echo kehrte aus dem Tempel der O2 World in die Messehallen von Berlin zurück. Dorthin, wo aus geschäftlichen Erwägungen die Popkomm zuletzt ausgefallen war. In ein bescheidenes Gebäude mit verschraubten Plastikstühlen. Man möchte zuammenrücken: Potentielle Preis- und offizielle Würdenträger, Musiker und zahlende, begeisterungsfähige Gäste auf den Stehplätzen. Bevor die ARD die Gala übertrug, hielt Dieter Gorny eine flammende Rede gegen die Musikpiraterie. Als Vorstandsvorsitzender des Industrieverbandes warb er nicht nur für seine bedrohte Branche. Gorny trat auch als entschiedener Lobbyist einer Kultur auf, "die wir nicht verlieren wollen".
Um zu retten, was vielleicht zu retten ist, verwandelte sich eine häufig übertriebene, großspurige Preisverleihung über Nacht in eine familiäre Angelegenheit, für die sich niemand schämen musste. Internationale Preisträger dankten den Deutschen nicht gelangweilt von den Videoschirmen. Diesmal kamen sie persönlich, holten ihre Echos ab und freuten sich. Zwar wusste man bereits am Lila Teppich, dass sich Depeche Mode drei Stunden später mit dem Echo schmücken durften. Trotzdem wurde das Kuvert geheimnisvoll geöffnet. Es war überhaupt ein Abend, an dem niemand etwas allzu ernst nahm. Nicht einmal der deutsche Pop sich selbst. Es wurde aber auch nur selten albern.
Anfangs hielt der eine oder andere noch die Luft an, als die göttliche Sade erst anlässlich der Branchenfeier ihr Comeback beging und anschließend nach ihren Waschgewohnheiten befragt wurde. Sade erklärte: "Ich verstehe ihre Frage nicht." "Haben Sie keinen Knopf im Ohr?" fragte Matthias Opdenhövel. So respektfrei moderierte er den Abend weg, wie üblich, wenn er Nachwuchssänger auf die Bühne schiebt und "Unsere Stars für Oslo". Man kann über Anstand streiten, aber nicht darüber, dass die Stars den Menschen, die ihnen dann gern zu nahe treten, immer näher rücken. Robbie Williams musste sich von Opdenhövels Assistentin, von Sabine Heinrich, unablässig küssen lassen. Seinen Echo nahm er in Empfang vom ehemaligen Torwart Oliver Kahn, der Robbie Williams Augenhöhe attestierte und ihn zum Titanen neben sich erhob. Und Robbie Williams sagte: "Ick bin ein Berliner."
Peter Fox, der Echo-Held vom Vorjahr, stand verlegen neben seiner Laudatorin Nora Tschirner und erfuhr, er habe Harmonie in deutsche Haushalte gebracht. Die Kastelruther Spatzen trugen ihren Echo Nummer 13 heim. Till Brönner blies Trompete zu Gesängen von Cassandra Steen, Adel Tawil und Gentleman. Als Peter Maffay für sein Lebenswerk geehrt wurde, spielte er "Sonne in der Nacht" und "Du" und "Über Sieben Brücken": So durchmaß er die gesamte deutsche Popmusik. Xavier Naidoo sang: "Wenn wir füreinander einstehn, können böse Geister heimgehn."
Jan Delay sang "Hoffnung". Zuvor hatte Udo Lindenberg ihn ausgezeichnet, weil der Soulsänger aus Hamburg ebenfalls als Missionar der Muttersprache näselnd unterwegs sei. Nach dem Vortrag nahm Delay den Preis der Kritiker entgegen von Klaus Wowereit. Solange sich die Käufer, Kritiker, Politiker und Plattenfirmen einig sind und es in der Familie bleibt, besteht noch Hoffnung. Früher dekorierte sich die deutsche Plattenindustrie selber für die großmütige Standortarbeit. Heute dankt sie demütig den Musikern, die keine Stars mehr sind, aber auch keine Industrie mehr bräuchten. Manche fordern eine Flatrate für Musik, Kunst und Kultur. Und Marius Müller-Westernhagen mahnte: "Kunst ist etwas Heiliges, dem wir die Ehre haben, dienen zu dürfen."
Wie auch immer: Als Rihanna, die Berühmteste der diesjährigen Echo-Feier, ihren Auftritt absolviert hatte, einen Roboterreigen, blieb sie unbeachtet auf der Bühne stehen, während sich die Moderatoren mit Besuchern unterhielten. Es gibt keine Michael Jacksons mehr. Aus Gram darüber sang ein Kinderchor noch einmal "Heal The World", während der Popkönig über die Videowände huschte. Tänzer aller Altersgruppen traten auf mit weißen Hemden, schwarzen Hüten und dem Moonwalk. Michael Jackson hätte zwar den Echo "Künstler International Rock/Pop" bekommen müssen, weil sein Album "This Is It" sich bei der zuständigen Plattenfirma deutlicher zu Buche schlug als das Comeback von Robbie Williams. Für den Echo müssen Stars nicht zwingend anwesend, aber am Leben sein. Gewissermaßen unter uns. So sind die deutschen Regeln.
Robbie Williams
Lady Gaga
Xavier Naidoo
Cassandra Steen
Silbermond
Depeche Mode
Andrea Berg
Kastelruther Spatzen
Jan Delay
Rammstein
Green Day
Peter Fox für "Stadtaffe"
The Baseballs
Lady Gaga
Lady Gaga für "Poker Face"
Helene Fischer für "Zaubermond Live"
Silbermond
Sido für "Hey Du"
Andreas Herbig, Peter "Jem" Seifert, Florian Fischer, Adel Tawil, Annette Humpe & Sebastian Kirchner (Ich+Ich)
Jan Delay für "Wir Kinder vom Bahnhof Soul"
Peter Maffay
Ehren-Echo für soziales Engagement
für Rea Garvey (Reamonn)
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