Interview
Königin Luise kehrt zurück ins Schloss
Freitag, 5. März 2010 19:32 - Von Gabriela WaldeNoch sind Handwerker und Restauratoren emsig dabei, die "Winterkammern", die ehemaligen Wohnräume der Königin Luise (1776-1810) im Neuen Flügel des Charlottenburger Schlosses, herzurichten. Dort rüstet man sich zum Jubiläumsreigen des 200. Todesjahres von "Miss Preußen 2010" - die wohl populärste Frau der preußischen Geschichte.
Gleich drei Ausstellungen samt Begleitprogramm wird es geben - an drei historischen Schauplätzen ihres kurzen Lebens. Dazu gehört Schloss Paretz, die Pfaueninsel und Schloss Charlottenburg, wo am 6. März die Schau "Luise. Leben und Mythos der Königin" eröffnet wird. Mit Rudolf Scharmann, Leiter des Schlosses und Kurator der Ausstellung sprach Morgenpost Online.
Morgenpost Online: Es gibt ganze Regalreihen von Luise-Literatur. Was kann die Ausstellung im Schloss Charlottenburg eigentlich noch Neues erzählen?
Rudolf Scharmann: Die Ausstellung bezieht sich auf zwei große Aspekte: auf das Leben Luises und den Mythos, der schon zu Lebzeiten einsetzte und im 19. und 20. Jahrhundert entsprechende Blüten trieb. Erstmals bringen wir das zusammen.
Morgenpost Online: Wie entwickelte sich der Mythos?
Scharmann: Das lag in der Persönlichkeit Luises, die als schöne, angenehme junge Frau geschildert wurde und mit 34 Jahren starb. Im bürgerlichen Sinne war sie eine gute Mutter und entsprechend gute Ehefrau und Ratgeberin ihres Mannes. Dazu kommt die legendäre Begegnung mit Napoleon in Tilsit 1807, wo es darum ging, mildere Friedensbedingungen für Preußen zu erreichen. Damals wurde diese Begegnung kaum publik, erst im 19. Jahrhundert erhielt sie ihren Stellenwert.
Morgenpost Online: Es gibt unterschiedliche Meinungen darüber, wie politisch Luise nun wirklich war.
Scharmann: Wenn man ihre Briefe liest - es gibt nichts Authentischeres - dann weiß man, dass sie im Grunde eine Art Mittlerin war, die Ideen und Vorstellungen, die von außen an sie herangetragen wurden, ihrem Mann unterbreitete. Sie selbst ist nicht als Politikerin zu betrachten, das wäre zu hochgegriffen, auch wenn sie politisch interessiert war. Vor allem nach der Begegnung mit dem russischen Zaren Alexander I. in Memel und was die Expansionsbestrebungen Napoleons betrafen. Wir wissen aber, dass ihr Mann seine Entscheidungen letztendlich nicht von ihren Ratschlägen abhängig machte.
Morgenpost Online: Da bröckelt also der Mythos?
Scharmann: Ja, besonders im 19. Jahrhundert, wo man ihr eine Bedeutung zumaß, die den historischen Begebenheiten nicht standhielt. Sie ist natürlich aufgrund der Tatsache, dass sie Mutter zweier Herrscher war, auch für die dynastische Geschichte von Bedeutung. Ihr ältester Sohn Friedrich Wilhelm IV. wurde preußischer König und ihr zweitältester erster deutscher Kaiser. In diesem Zusammenhang war ihre Rolle im späten 19. Jahrhundert eben die der Kaisermutter.
Morgenpost Online: Wurde der Luise-Mythos über die Jahrhunderte vereinnahmt?
Scharmann: Der Mythos hat mehrere Facetten: Kronprinzessin, Königin, perfekte Ehefrau und Mutter und eben auch "kämpferische Amazone", wie Napoleon sie betitelte. Je nach dem, welches Staatssystem eine Projektionsfläche suchte, wurde die Rolle auf sie übertragen. Der Nationalsozialismus propagierte beispielsweise die Durchhalte-Luise. Sie stand als Kämpferin für Erfolg, Vaterland und Mutterschaft. In den Befreiungskriegen war sie eher diejenige, die als "Schutzengel Preußens" gegen Napoleon angerufen wurde.
Morgenpost Online: Und später?
Scharmann: Der Mythos ging 1945 mit Preußen unter, in den 50er Jahren spielte sie keine Rolle mehr. Der Film mit Ruth Leuwerick als "Königin Luise" war ein Flopp. Luise taugte nichts mehr als Projektionsfläche. In den 70er Jahren war sie persona non grata - Preußen interessierte nicht. Erst nach der Wende nahm man andere Aspekte wahr, Preußen war in aller Munde. Nach 1989 wurde ein neues Preußen-Bild postuliert, wo es darum ging, die positiven Seiten, die geistesgeschichtliche Bedeutung, hervorzuheben. So wurde auch Luise wiederentdeckt.
Morgenpost Online: Was ist für Sie in Bezug auf die Ausstellung am wichtigsten?
Scharmann: Wenn die Ausstellung das Ziel erreicht hat, dass Luise nüchterner betrachtet wird. Fontane war da schon Vorreiter. Vieles wurde ihr angedichtet. Unser Bestreben ist es, sie vor dem Hintergrund ihrer Zeit zu bewerten; sie nicht direkt zu demontieren, sondern auf den Boden der Tatsachen zurückzuholen.
Morgenpost Online: Was macht sie heute noch aktuell?
Scharmann: Ich denke, sie war eine der interessantesten Frauenpersönlichkeiten des Hauses Hohenzollern. Man könnte sie als Antipodin zu Sophie-Charlotte bezeichnen, eine Intellektuelle, auch durch ihren Kontakt zu Leibnitz. Das war Luise auf keinen Fall. Aber sie hat sich im Laufe ihres Lebens weitergebildet und schnell gemerkt, dass sie Bildungslücken beheben muss und hat ihre persönliche Entwicklung in die Wege geleitet.
Morgenpost Online: Inwiefern spielt die Begegnung mit Napoleon in der Ausstellung eine Rolle?
Scharmann: In der Kaiserzeit wurde das Treffen oft wiedergegeben und als "Opfergang Luises" stilisiert. Dies wird im zweiten Teil der Ausstellung, der den Mythos behandelt, thematisiert. Im ersten Teil, der ihr Leben behandelt, ist ein Brief Luises zu sehen, der im Vorfeld der Begegnung mit Napoleon geschrieben wurde. Daraus geht hervor, dass sie instruiert wurde, was sie sagen sollte. Hardenberg hat mit ihr gesprochen und Informationen gegeben, auch der russische Zar machte sie auf die Bedeutung des Gesprächs aufmerksam. Aber der eigentliche Inhalt des Vieraugengesprächs ist von ihrer Seite nicht übermittelt.
Morgenpost Online: Wie erklären Sie sich das?
Scharmann: Viel der Korrespondenz ist nicht mehr erhalten. Die Briefe, die wir haben, teilweise auch mit deutschen Einschüben, stammen aus dem Geheimen Staatsarchiv. Gräfin Rothkirch hat sie ausgewertet, kommentiert und übersetzt, Französisch war die Hofsprache.
Erschienen am 25.02.2010







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