29.01.10

Get Well Soon

Der neue Bildungsbürger-Pop kommt aus Berlin

Abseits der Musik ist der Berliner Konstantin Gropper eigentlich gar nicht so ein Miesepeter. Doch das zweite Album von Get Well Soon ist noch düsterer geworden als das erste. Gropper hat sich für seine Songs jetzt bei Sartre, Marx und Seneca bedient, und auch der Titel soll Bildung unters Volk bringen.

Von Steffen Rüth
Foto: picture alliance / dpa/city slang / Jens Oellermann
Get Well Soon - Konstantin Gropper
Konstantin Gropper macht Musik mit Bildungsauftrag

Er hat es versucht. Bloß: Es ist ihm nicht gelungen. "Anfangs hatte ich durchaus das Ziel, eine Platte zu machen, die heller klingt als meine erste", sagt Konstantin Gropper. "Aber ich habe schnell festgestellt, dass heitere oder leichte Musik nicht so mein Ding ist." Aus dieser Erkenntnis zog Gropper, der seine Band Get Well Soon nennt, die für ihn einzigmögliche Konsequenz und nahm mit "Vexations" ein Album auf, das noch schwelgender und verschwenderischer daherkommt als sein zwei Jahre altes und allseits gelobtes Debüt "Rest now, weary Head! You will get well soon".

"Die Musik ist mir ein ernsthaftes Anliegen, das ich mit hohem künstlerischen Einsatz verfolge", sagt der gebürtige Schwabe, der aus Biberach kommt und seit zwei Jahren in Berlin lebt. Seine Lieder sind ungemein reichhaltig und komplex. Gropper bringt Instrumente wie Xylophon oder Marimba zum Einsatz. Und da der früh mit klassischer Musik und humanitärer Bildung in Berührung gekommene Sohn eines Musiklehrers "Vexations" – im Gegensatz zum Debüt – nicht in seinem alten Kinderzimmer sondern einem richtigen Tonstudio aufgenommen hat, gönnt er sich gar ein richtiges Streicherquartett.

Zugleich aber solle man nicht den Künstler mit der Kunst verwechseln. "Im wirklichen Leben bin ich nicht der Miesepeter, für den ich aufgrund meiner Lieder häufig gehalten werde. Dass meine Musik pessimistisch und oft traurig klingt, muss nichts damit zu tun haben, dass es mir im wirklichen Leben schlecht geht." Da hat er Recht. Im Gespräch macht der 27-Jährige einen angenehmen, aufgeräumten und klugen, wenn auch zuweilen etwas altklugen, Eindruck. Gropper, der einst nach dem Abi an der "Popakademie" in Mannheim studierte, aber bald merkte, dass der dort gelehrte geradlinige Weg ins Musikgeschäft für ihn nicht das Richtige war, hat zudem bemerkt, "dass gerade diese typischen, gutgelaunten Unterhaltungsmusiker einen eher unausgegorenen Eindruck machen." Während er selbst "viele positive Gefühle fürs Leben übrig" habe, da er die ganzen Abgründe ja schon in seinen Songs verbrate. "Wenn ich jeden Abend ,Viva Colonia' singen müsste, hätte ich wahrscheinlich nicht mehr viel Frohsinn übrig."

"Vexations" heißt auf gut Deutsch "Ärgernisse", Konstantin fand das recht ungebräuchliche Wort auch deshalb so schön, "weil nicht jeder gleich weiß, was es bedeutet." Ja, der Mann scheint ein wenig beseelt davon, Bildung unters Volk zu bringen. "Irgendwo las ich neulich über mich, ich sei angetreten, um das kulturelle Niveau des Landes zu heben. Das ist übertrieben, aber ich halte auch nichts davon, mein Niveau abzusenken, damit ich den größtmöglichen Massenkonsens erreiche."

Gropper bedient sich lieber bei den großen Dichtern und Philosophen. Das erste Stück "Nausea" ist von Jean-Paul Sartres Roman "Der Ekel" inspiriert, des Weiteren befasst er sich in "We are Ghosts" mit Karl Marx. Den Überbau des Werkes aber bilden die Lehren des Römers Seneca, eines der großen Vertreter des Stoizismus, also der Lehre von der Gelassenheit. Als Stoiker sieht sich auch Konstantin Gropper. "Ich bin selten zornig und der Meinung, dass wenige Sachen es Wert sind, sich über sie aufzuregen." Sein größtes Vorbild in dieser Hinsicht ist der diesjährige Präsident der Berlinale-Jury, Regisseur Werner Herzog, der einst die Launen des unberechenbaren Klaus Kinski aushalten musste und dem Gropper den Song "Werner Herzog gets shot" gewidmet hat: "Herzog ist der perfekte Stoiker."

Das Album Get Well Soon: Vexations (City Slang)

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