Theater
Warum sich neue Intendanten in Berlin schwer tun
Zwei Spielzeiten, so ein ungeschriebenes Theatergesetz, gelten als angemessene Zeit, um sich in Berlin zu profilieren und etablieren. Vor drei Monaten startete Ulrich Khuon am Deutschen Theater. Da bleibt noch viel Zeit, die hohen Erwartungen zu erfüllen. Aber auch andere Theatermacher hatten es in der Hauptstadt nicht leicht.
Von Stefan Kirschner
Von Fehlstarts ist in diesen Wochen viel die Rede. Mal geht es um den Amtsantritt der neuen schwarz-gelben Bundesregierung oder der rot-roten Landesregierung in Brandenburg, mal um die Lage beim hauptstädtischen Fußballklub. Wobei bei Hertha BSC der Fehlstart schon längst zu einer richtigen Krise ausgewachsen ist. Das Gespenst der zweiten Liga geht um.
Theater können zwar nicht wirklich absteigen, aber dafür bedeutungsloser werden, was durchaus vergleichbar ist. Das dafür geeignete Studienobjekt steht am Rosa-Luxemburg-Platz und heißt Volksbühne. In dieser Saison versuchte der gleichermaßen verdienstvolle wie langjährige Coach Frank Castorf an seinem Haus einen Neuanfang, der sich zum Fehlstart entwickelte. Weil die Lage nicht so ernst wie bei Hertha ist, spricht aber nichts dagegen, dem erst zu Saisonbeginn verpflichteten neuen Manager Stefan Rosinski mehr Zeit zum Umbau des Teams an der Volksbühne einzuräumen.
Hoher Erwartungsdruck
Mit einer komplett neuen Mannschaft trat Tobias Wellemeyer am Potsdamer Hans Otto Theater an, lediglich eine Produktion des Vorgängers blieb im Repertoire. Kleckern statt klotzen war zwangsläufig das Motto. Möglicherweise lag es auch an der internen Überforderung, dass der Auftakt von Kritikern eher als missglückt empfunden wurde.
Ein Attribut, mit dem sich auch Ulrich Khuon vom Deutschen Theater auseinandersetzen muss. Teilweise gab es heftige Verrisse, selbst Übernahmen vom Hamburger Thalia Theater, Khuons alter Wirkungsstätte, die in der Hansestadt gut besprochen wurden, stießen bei der Berliner Kritik nicht unbedingt auf Wohlwollen.
Khuon setzte auf einen Mix aus bewährtem Stammpersonal und überwiegend aus Hamburg verpflichteten neuen Kräften. Dadurch konnte der neue Chef Erfolgsproduktionen seines Vorgängers Bernd Wilms im Spielplan halten, auch wenn der naturgemäß von neuen Inszenierungen dominiert war.
Sucht man nach Ursachen für die Auftaktschwäche, dürfte eine wesentliche in den hohen Erwartungen liegen. Selten ist ein Intendant in Berlin mit solchen Vorschusslorbeeren empfangen worden wie Ulrich Khuon. Unter seiner Intendanz war das Hamburger Thalia Theater mehrfach zum "Theater des Jahres" gekürt worden, Inszenierungen wurden regelmäßig zum Theatertreffen eingeladen.
Am Anfang allerdings tat sich Khuon auch an der Elbe schwer. Legendär der erboste Zwischenruf des Hamburger Regierungschefs, dem die Ästhetik einer Inszenierung von Michael Thalheimer (damals ein Newcomer) überhaupt nicht gefiel.
Vielleicht hatte Khuon auch zu viel Zeit. In der Hauptstadt sind Personalentscheidungen mit solchen Vorläufen eher selten. Der erfolgreiche Hamburger Theaterleiter wurde bereits im Januar 2007 vom amtierenden Kultursenator Klaus Wowereit stolz präsentiert. Rechnet man die Monate dazu, die mit Vorgesprächen und Verhandlungen genutzt wurde, dann hatte Khuon fast zwei Jahre Zeit, sich auf die erste Berliner Saison vorzubereiten. Dem Spielplan merkt man das an: sehr ambitioniert, sehr durchdacht.
Erfolg dank Thalheimer
Khuon selbst hat immer wieder versucht, die hohen Erwartungen zu bremsen. Vergeblich. Er wusste, wie schwierig es ist, eine erfolgreiche Bühne zu übernehmen. Diese Erfahrung macht derzeit auch sein Nachfolger am Thalia Theater.
Auch der Auftakt des später gefeierten Bernd Wilms war schwer. Wilms wechselte im Sommer 2001 vom Maxim Gorki Theater ans Deutsche. Er hatte mit Konstanze Lauterbach und Hans Neuenfels zwei Hausregisseure verpflichtet, die glücklos agierten. Einzig Michael Thalheimer konnte damals mit seiner legendären "Emilia Galotti"-Inszenierung, die bis zum Ende der Wilms-Zeit auf dem Spielplan stand, obwohl der Chef sie anfangs nicht mochte, ein Ausrufezeichen setzen. Wilms, der sich auch noch mit einem Kultursenator auseinandersetzen musste, der ihn lieber heute als morgen abgesetzt hätte, profilierte sich schließlich dadurch, dass er neben Thalheimer noch die Regisseure Dimiter Gotscheff und Jürgen Gosch ans Haus band (pikanterweise nicht zuletzt auf Druck desselben Kultursenators!), die große Inszenierungen ablieferten. Und so stand das Deutsche Theater – natürlich auch wegen des hochklassigen Ensembles – zum Schluss der Ära Wilms hervorragend dar. Was den Antritt von Ulrich Khuon nicht gerade erleichterte.
Aber damit befindet er sich in guter Gesellschaft. Denn gelungene Neuanfänge am Theater sind tatsächlich eher die Ausnahme. Mit markanten Sprüchen und ebensolchen Auftritten startete Claus Peymann vor rund zehn Jahren am Berliner Ensemble. Peymann war vom Olymp des deutschsprachigen Theaters, der Wiener Burg, an die Spree hinabgestiegen. Er startete mit Taboris "Brecht-Akte" – und erntete Verrisse. Am besten kamen anfangs noch die Übernahmen aus der Burgtheaterzeit an, bis Peymann schließlich auf Stücke des Hausheiligen Bert Brecht umschwenkte.
Auch der Beginn von Thomas Ostermeier, der mit sozialem Realismus Anfang 2000 an der Schaubühne startete, war alles andere als glänzend. Vor ihm waren bereits Jürgen Gosch und Andrea Breth gescheitert – und das West-Berliner Publikum trauerte immer noch der legendären Stein-Zeit hinterher. Gefeiert wurden anfangs nur die Tanztheaterproduktionen von Sasha Waltz.
Zwei Spielzeiten, so ein ungeschriebenes Theatergesetz, gelten als angemessene Zeit, um sich zu profilieren und etablieren. Vor drei Monaten startete Khuon am Deutschen Theater. Da bleibt noch viel Zeit, die hohen Erwartungen zu erfüllen.
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