Staatsballett

Berlins Primaballerina Semionova kehrt als Professorin zurück

Foto: Martin U. K. Lengemann

Polina Semionova ist Berlins neue Ballett-Professorin. Bald tanzt sie auch wieder im Staatsballett. Die Feierlichkeit bei der Amtseinführung war rührend. Für den Nachwuchs ist sie ein Idol.

Als alles vorbei ist, steht Polina Semionova völlig entspannt an den Flügel im Ballettsaal gelehnt. Vor ihr hat bereits wieder das Training der jungen Eleven begonnen. Ob sie auch die Kleinen unterrichten werde? Sie überlegt. "Ich werde es probieren", sagt sie, aber natürlich sei es mit den Älteren einfacher. Denen kann sie zeigen, wie das Tanzen jenseits der technischen Grundlagen funktioniert. Die russische Startänzerin ist zur Honorarprofessorin an der Staatlichen Ballettschule Berlin berufen worden. Die Feierlichkeit am Freitag war rührend. Vor allem die kleinen Ballettmädchen standen Schlange, um ein Autogramm von ihrem Idol zu bekommen oder sich sogar mit ihr fotografieren zu lassen. Studiengangsleiter Gregor Seyffert hatte zuvor den anwesenden Schülern erklärt, dass es bei dem Titel nicht um Honorare geht, sondern um das englische Wort "Honour", was Ehre bedeutet.

Eine Ohrfeige für Malakhov

In der Einladung stand, man wolle "gemeinsam auf die Rückkehr von Polina Semionova nach Berlin anstoßen". Ein schöner Anlass. Aber solche Formulierungen sind andererseits eine Ohrfeige für Vladimir Malakhov, dem russischen Startänzer, der noch Intendant des Staatsballetts Berlin ist. Er hatte einst die junge Polina Semionova in seine Compagnie nach Berlin geholt, sie, die Babyballerina, wie er sie neckte, zu einer Primaballerina gemacht. Irgendwann haben sich die Beiden überworfen. Im Mai 2012 tanzte sie ihre letzte Vorstellung im Staatsballett Berlin. Es war ein Abschied auf leisen Sohlen. Mit Vorwürfen hielten sich die zwei zurück. Seither war Funkstille.

Begnadete Tänzer taugen nicht unbedingt als Intendanten

Inzwischen sinkt Malakhovs Stern, Ende der Saison verabschiedet er sich vom Staatsballett. Die Mitteilung, dass sein Vertrag nicht mehr verlängert werde, erhielt er kurz nach Semionovas offiziellem Weggang. Wir wissen, es gibt keine Zufälle. Malakhov hatte den Vorzeige-Star seiner Ära verloren. Malakhov ist ein trauriges Beispiel dafür, dass begnadete Tänzer nicht unbedingt als Intendanten taugen. In dieser Funktion hat er einige verprellt, auch seine Ansprechpartner an der Staatlichen Ballettschule. Nachdem er sich mehrfach öffentlich abfällig über die künstlerische Qualität der Schule geäußert hatte, kühlte sich das Verhältnis merklich ab. "Das macht man unter Kollegen nicht", sagt Gregor Seyffert. Genau genommen war es auch ein Frontalangriff auf ihn, der seit 2002 Künstlerischer Leiter der Ballettschule ist. An der Schule werden derzeit rund 200 Balletttänzer und 100 Artisten ausgebildet.

Die Berufung von Polina Semionova ist ein Signal

Gregor Seyffert, gebürtiger Berliner, läuft mit Kopftuch und blauer Brille herum. Er ist selbst ein künstlerisches Schwergewicht. Als Sohn des Choreografen Dietmar Seyffert hatte er die Staatliche Ballettschule durchlaufen, war in der Meisterklasse bei Martin Puttke, dem ostdeutschen Guru der russischen Ballettschule. 1987 wurde Seyffert als Solist an Tom Schillings Tanztheater der Komischen Oper engagiert. Diese moderne Compagnie fiel später Malakhovs Staatsballett zum Opfer. Seyffert hatte allerdings schon 1996 seine eigene private Compagnie gegründet. Die Ballettschule habe eine Kooperationsvereinbarung mit dem Staatsballett, sagt er, es gäbe Überschneidungen, und die "Bajadere" gehe ohne Ballettschüler sowieso nicht. Und überhaupt. Irgendwann war er noch einmal auf Malakhov zugegangen, aber der hatte nicht mehr reagiert. Seyffert setzt ganz auf Malakhovs Nachfolger Nacho Duato. Die Berufung von Polina Semionova sei "auch ein Signal an Duato und das Staatsballett". Es ist schön, wenn sie dort wieder tanzt, sagt er.

"Ich hoffe das sehr", sagt Polina Semionova, die nach wie vor in Berlin lebt. Ja, sie werde wieder beim Staatsballett auftreten, bestätigt sie. Mit Duato, dem spanischen Tänzer und Choreografen, ist sie vertraut. Sie, die sich gerade quer durch die große Ballettwelt tanzt, hat in St. Petersburg mit ihm gearbeitet. "Ich mag seine Art der Choreografie", sagt sie. Und man habe über vieles gesprochen. Konkrete Angaben über ihr künftiges Engagement in Berlin kann sie natürlich jetzt noch nicht machen. Die Semionova kann wunderbar schweigen. Verständlicherweise. Schließlich kommt sie erst zurück, wenn Malakhov weg ist. Was für eine Symbolik! Und Duato wird seine Pläne für das Staatsballett erst im Frühjahr vorstellen. Noch ist König Malakhov im Amt und alle wollen seinen friedvollen Abschied. Die Ballettwelt lebt vom schönen Schein, selbst wenn hinter den Kulissen gezofft wird.

Weiße Rosen von den Schülern

Die jungen Ballettschüler wissen von alledem noch nichts. Für ihre neue Professorin haben sie brav ein kleines Programm vorbereitet. Zunächst einen Piratentanz, irgendwann kommt ein Mädchen nach vorne gestürmt und umarmt die Semionova. Dann ein Pas de deux der wohl amtierenden Schulstars, schließlich tanzt ein gutes Dutzend kleiner Mädchen mit weißen Rosen. Die Blumen werden mit stilgerechten Knicksen der neuen Lehrkraft überreicht. Die Ehrenprofessorin ist sichtlich bewegt. Die Berufungsurkunde überreicht Professor Wolfgang Engler, der Rektor der "Busch"-Schauspielschule. Was auf den ersten Blick verwundern mag. Aber der Professorentitel ist an den Hochschul-Status gebunden, weshalb es eine Kooperation der "Busch"-Hochschule mit der Ballettschule im Studiengang "Bühnentanz" gibt. Die 29-jährige Polina Semionova ist jetzt die vierte Professorin an der Ballettschule und für Klassischen Tanz und Repertoire zuständig. Für die jungen weißen Schwäne.

Sie hat sich bereits im Terminkalender die Unterrichtszeiten freigeschaufelt. Am 15. Dezember geht es los, mit Weihnachtspause bis Ende des Jahres. Dann tanzt sie in München, anschließend geht es im Januar mit dem Unterricht weiter. Polina Semionova hat sich wieder auf Berlin eingestellt.