Deutsche Oper
Thalbachs "Barbier" wird zum üppigen Spektakel
Katharina Thalbach inszenierte an der Deutschen Oper Berlin den "Barbier von Sevilla". Bereits in der Pause unendlicher Jubel, am Schluss dann ein wahrer Beifall-Tsunami (mit Widerspruch). Die Opernkomödie verliert sich in Bühnenkrawall der heitersten Art.
Von Klaus Geitel
Katharina Thalbach steckt bis zum Hals voll inszenatorischer guter Laune. Sie liebt das Tempo, die Fülle an Ideen, die Überraschungen und sät sie mit voller Hand aus. Es muss auf der Bühne wimmeln. Doch nicht nur auf ihr, sondern auch darüber. Hoch in der Luft. Es muss nur das Wort "Hammer" fallen, schon fliegt am Bühnenhimmel prompt ein Wesen mit riesengroßem Hammer herein, als wolle es die ganze Opernwelt mit einem einzigen Hiebe in Trümmer schlagen. Dabei ist doch Rossinis vielgeliebter "Barbier von Sevilla" kein Drama, sondern eine leichthändig und kunstreich dahinmusizierte Komödie. Sie stiftet köstliche künstlerische Unruhe aus ganz und gar eigenschöpferischer Kraft.
Frau Thalbach mischt drei Stunden lang unentwegt die ihre hinzu, als versuche sie, die Rossinis noch haushoch zu übergipfeln. Sie verliert sich in Bühnenkrawall der heitersten Art. Sie deckt mit ihm aber, dicht an dicht, die Grazie zu, die annähernd jedem Takt Rossinis innewohnt. Glücklicherweise hütet sie Enrique Mazzola mit seinem Orchester vorzüglich. Mag es von der Bühne, auf der fortgesetzt jeder seinem Affen Zucker zu geben hat, auch immerfort umtriebig herunterlärmen, Mazzola lässt sich davon nicht verführen. Er hält dem Meister die Treue. Er spielt Rossini auf – und nicht pausenlos einzig sich selbst.
Man spielt auf der Lastwagenrampe Theater
Mitten in die Ouvertüre hinein wirft sich vorab schon die Inszenierung, als könne sie es gar nicht ertragen, länger in der Kulisse zu warten. Sie gibt buchstäblich Gas. Sie schickt einen riesigen, haushohen Lastwagen herein, der bis zum Schluss nachhaltig die Szene blockiert. Aufgeklappt zeigt er das Zimmer, in dem der alte Bartolo seine entzückende Ziehtochter Rosina gefangen hält.
Man spielt demnach auf der Lastwagenrampe Theater, und halb Sevilla sieht zu: von den Dachzinnen herab, wo immerwährender Fleiß fortgesetzt Wäsche aufhängt. Vom schmalen Badestrand mit seinen kosenden Nackedeis hinauf, vom Caféhaus an der Seite. Die Zuschauer im Saal der Deutschen Oper dürfen sich in bester Gesellschaft fühlen – und tun es auch.
Schon zur Pause herrscht hochkarätiger Jubel. Das Unglück nur: So geht es weiter. Die Inszenierung gibt keine Ruhe, sie raubt, geradezu gestaltungssüchtig, der Musik, der sie naturgemäß dienen sollte, die ungeteilte Aufmerksamkeit. Sie lenkt wie mit eisernen Ellenbogen fortgesetzt von ihr ab. Dabei lautet gnadenlos die erste Regel der Oper: Die Musik müsse, was immer auch das Libretto vorschreibe, immer die Vorfahrt behalten. Der berühmteste Barbier Berlins in der Reihe vor mir seufzte schon vor der Pause: "Weniger wäre mehr gewesen". Der Rang konstatierte am Schluss mit seinem Buhgeschrei wohl das Gleiche. Wenn auch nicht derart kurz und knapp wie der genialische Scherenmeister.
Buhrufe sind erlaubt, Eselsgeschrei ist verpönt
Die Aufführung versteht sich durchaus darauf, Glanzlichter zu setzen. Sie sind zumeist musikalischer Art, mit Ausnahme des niedlichen kleinen Esels, der offenbar mit den Zuhörern das eine gemein hat: Auch er will wieder und wieder Rossini hören. Leider darf er, trotz seiner offenkundigen Hingabe, sich am Schluss nicht an der Rampe verbeugen. Buhrufe sind erlaubt, Eselsgeschrei ist verpönt. Das Eselchen hielt sich eisern daran.
Zum Helden des Abends wuchs im Verlauf der Vorstellung unversehens Lawrence Brownlee, ein farbiger Tenorino, heran. Er war - leichtfüßig, leichtsinnig und leichtstimmig - Graf Almaviva und riss mit seiner riesigen Schluss-Arie die Zuhörer auf Anhieb zu Ovationen hin. Das glanzvolle Finale trug er annähernd allein im singvirtuosen Hals. Die von ihm umworbene Rosina wurde von Jana Kurucová gesungen, zuverlässig und fein, anmutig und heiter. Selbst beim Klettern aufs Dach ihrer fahrbaren Gefängniszelle machte sie entzückend eine gute Figur. Vereint mit Brownlee bildete sie, mit Rossinis Segen, ein prachtvolles Liebespaar. Ganz zum Schluss ersang sich auch noch Hulkar Sabirova als bis dahin schweigsame Frau in Bartolos Diensten bewundernde Aufmerksamkeit.
Markus Brück sang den Figaro gar nicht zimperlich
Rundum darüber hinaus tiefstimmiger Glanz. Markus Brück sang den Figaro zupackend und gar nicht zimperlich, noch dazu zeitweilig angeseilt haushoch über der Bühne schwebend. Mut muss man haben, wenn man heutigen Tags singt. Brück kraxelte prompt auch, immer schön Absturz gefährdet, haushohe, schwankende Leitern hinauf. Die Erinnerung an einen seiner einst aus ähnlicher Situation in den Tod gestürzten Kollegen ließ den anvisierten Spaß eher bitter schmecken.
Maurizio Muraro als Bartolo und Ante Jercunica als Basilio grasten genussvoll ihre berühmt dankbaren, ariengespickten Rollen ab. Sie verbreiteten lauthals den erwarteten Singspaß und rundeten die Aufführung angenehm ab.
"Barbier von Sevilla" in der Deutschen Oper Berlin, Bismackstraße 35, weitere Aufführungen: 2., 6., 10., 16., 25., am 25. und 31. Dezember 2009 nachmittags und abend, Kartentel.: 343 84 343
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