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25.11.09

Tote Hosen

Was Campino mit Berlin verbindet

Der Frontmann der Toten Hosen, Campino, stellt am heutigen Mittwoch in Berlin die neue Doppel-CD und DVD der Band "Machmalauter: Die Toten Hosen Live - Die volle Dröhnung" vor. Morgenpost Online sprach mit dem Sänger über den Kreuzberger Club SO36, Familienbande und über Konzerte, die als Messe getarnt wurden.

DPA

Nach Ausflügen zu Film und Theater ist Campino wieder mit den Toten Hosen auf Tour.

7 Bilder

Morgenpost Online: Im September gaben die Toten Hosen ein Benefizkonzert zur Rettung des legendären Kreuzberger SO36-Clubs. Dieses Konzert erscheint jetzt auf DVD. Welche Bedeutung hatte das SO36 für die Toten Hosen?

Campino: 1980 habe ich das erste Mal im SO36 gespielt, damals noch mit ZK. Es ist einer der letzten echten Kultläden, die unmittelbar mit der Punkbewegung verbunden werden. Eine Institution, die aus dem Selbstverständnis der Szene heraus entstanden ist. Ich selbst bin kein Berliner, deshalb war ich da nicht jede Woche. Aber das SO36 war für Leute wie mich der erste Anlaufpunkt in Berlin. Kreuzberg spielte neben dem Schanzenviertel in Hamburg und dem Ratinger Hof in Düsseldorf in Sachen Punk und Underground die größte Rolle. Gerade die Stadt Berlin müsste alles versuchen, damit das SO36 weiter existiert. Berlin hat sich diese neue Arena geleistet. Da fände ich es gut, auch der anderen Seite mal einen Zentimeter Raum zu überlassen. Das bunte Kreuzberg steht der Stadt gut zu Gesicht.

Morgenpost Online: Der links-alternative Kreuzberger Bezirk SO36 war zu Zeiten der DDR von drei Seiten eingemauert. David Bowie hat im Schatten der Mauer die zwei radikalsten Platten seines Lebens eingespielt. Hatte der deutsch-deutsche Grenzwall auch einen unmittelbaren Einfluss auf die Toten Hosen?

Campino: Für uns war diese Situation immer sehr präsent, weil wir ständig über die Transitstrecke in die Mauerstadt fahren mussten. In Berlin zu spielen war mit unheimlichen Komplikationen verbunden. Meine eigene Familiengeschichte hat viel mit Berlin zu tun; es war die Heimat meiner Großeltern. Mein Großvater arbeitete hier am Gericht, meine Oma wohnte bis zu ihrem Tod am Schlachtensee. Fast alle meine Geschwister studierten in Berlin. Obwohl diese Stadt so einzigartig war, war die lokale Punkszene nicht so eigenständig wie die in Düsseldorf. Berliner Bands wie PVC sangen auf Englisch. In Düsseldorf hingegen ging man von Anfang an seinen eigenen Weg. Künstler wie Jörg Immendorf, Joseph Beuys und Imi Knoebel gaben der Szene Denkanstöße. Sie gingen regelmäßig in den Ratinger Hof. Dort sind auch Performancegruppen wie Minus Delta T aufgetreten. Die schmissen mit toten Tieren rum.

Morgenpost Online: Können Sie eigentlich den exakten Geburtstag der Toten Hosen benennen?

Campino: Die Band ZK hat sich im Oktober 1981 aufgelöst. Dann dauerte es noch einen Monat, bis ich verschiedene Leute angerufen hatte. Unsere erste Probe als Tote Hosen fand zwischen Weihnachten und Neujahr statt, das erste Konzert war dann Ostern 1982 im Bremer Schlachthof.

Morgenpost Online: Die Toten Hosen durften nie offiziell in der DDR auftreten. Stattdessen haben Sie ab 1983 Geheimkonzerte gespielt. Wo genau sind Sie damals aufgetreten?

Campino: Unter anderem in einer Ost-Berliner Kirche. Das Ganze war als Messe getarnt. Der Pfarrer hielt zuerst eine Predigt, bevor wir spielen durften. Es waren aber nur 25 oder 30 Zuschauer da. Die Leute hatten Angst, es weiterzusagen. Sie konnten dafür ins Gefängnis kommen. Einige dachten sogar, diese Stasi würde dahinter stecken. Erst als die Anlage wieder weggepackt war, begannen sie sich zu öffnen. Es war ein berührender Moment, als sie uns mit dem Zug zurück zur Grenze brachten.

Morgenpost Online: Wie konnten Sie Ihre Instrumente denn unbemerkt über die Grenze schaffen?

Campino: Die Gitarren hatte ein englischer Soldat in seinem Kofferraum rübergeschmuggelt. Als Militär durfte er nicht kontrolliert werden. Schlagzeug, Verstärker und zwei weitere Gitarren wurden uns vor Ort zur Verfügung gestellt. Ich erinnere mich noch genau, dass einige Saiten mehrfach geknotet waren. Als die 25 Zuschauer anfingen zu tanzen, waren sie lauter als wir. Für uns war es ein echtes Abenteuer. Gegen die DDR fühlten sich unsere Konzerte im Westen wie Kindergeburtstage an. Später mussten wir erfahren, dass es wegen dieses Abends tatsächlich mehrere Festnahmen gab. Selbst in dieser kleinen Gruppe waren Informanten.

Morgenpost Online: Hatte die Stasi eine Akte über die Toten Hosen angelegt?

Campino: Ja, sie hatte uns im Visier. Auch, weil wir Ende der 80er noch einmal drüben waren und dann sogar draußen in einem Kirchengarten spielten. Zu dem Zeitpunkt waren die DDR-Bürger schon viel frecher geworden, aber von der bevorstehenden Maueröffnung war noch nichts zu spüren. Die Stasi wollte erreichen, dass wir die Transitstrecke nicht mehr benutzen und damit die DDR nicht mehr betreten durften. Aber das hat sie nicht mehr geschafft. Die DDR brach vorher zusammen.

Morgenpost Online: Sie spielten damals auch eine Polen-Tournee im Untergrund.

Campino: Wir wurden von Studenten durchs Land geschleust. Offiziell hätten wir nur in Warschau auftreten dürfen. Da wir uns aber das Benzin über den Schwarzmarkt besorgt hatten, machten wir am Ende eine ganze Tournee. Im Ostblock spürte man den Unterschied zwischen dem Lebensgefühl des westlichen Undergrounds und dem echten Untergrund am deutlichsten.

Morgenpost Online: Bereits einen Tag nach Öffnung der Mauer spielten die Toten Hosen auf einem Festival in der Deutschlandhalle. Wie kam das zustande?

Campino: Am Tag, als die Mauer fiel, hatten wir ein Konzert im Pariser Olympia. Am nächsten Morgen flimmerten diese komischen Bilder über den Fernseher im Frühstücksraum. Da wurde z. B. ein Trabant von einer johlenden Menge getragen. Leider hatten wir diese unglaubliche Nacht verschlafen. Aber am nächsten Tag sind wir direkt nach Berlin gefahren. Abends fand in der Deutschlandhalle ein Riesenfestival statt. Wir spielten unter anderem "Tausend gute Gründe". Alle Ostberliner durften umsonst rein. Die Atmosphäre direkt nach dem Fall der Mauer war unglaublich euphorisch. So nah waren wir nie wieder am Puls der Zeit. Alle Gesetze waren außer Kraft gesetzt. Anstelle von Strafzetteln klemmte man den Trabis Bananen an die Scheibe. Bedauerlicherweise setzte die Normalität schnell wieder ein.

Morgenpost Online: Der inzwischen 62-jährige Bühnenberserker Iggy Pop klagt über eine kaputte Hüfte. Fürchten Sie selbst den Tag, an dem Sie nicht mehr so fit und fidel sind wie jetzt?

Campino: Wo gehobelt wird, da fallen auch Späne. Was uns angeht, läuft es zum Glück noch. Wir sind jedenfalls noch nicht zur Persiflage verkommen und kriegen den Funken noch ganz gut rüber. Ich habe keine Angst vor dem, was irgendwann mal kommt. Ich bin eher dankbar dafür, dass es mit uns schon so unverschämt lange gut geht. Unsere Konzerte sind immer noch auf höchstem Energie-Level. Ich hoffe, dass wir den Anstand haben, im richtigen Moment den Absprung zu schaffen.

Campino stellt am 25. November 2009, um 20 Uhr, im Berliner Kino "Colosseum" an der Schönhauser Allee 123 (Prenzlauer Berg, ausverkauft) die neue Doppel-CD und DVD vor. Die heißt bandtypisch "Machmalauter: Die Toten Hosen Live – Die volle Dröhnung". Parallel erscheint eine Doppel-CD/DVD-Box mit dem diesjährigen Auftritt der Band in der Waldbühne, dem Benefiz-Konzert im legendären Kreuzberger Club SO36 und einem Fotobuch.

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