23.10.13

Klassik-Kritik

Abschiedsständchen eines Berliner Konzertmeisters

Nach mehr als 30 Jahren verschiedet sich Bernhard Hartog aus dem Deutschen Symphonie-Orchester. Als Konzertmeister prägte er regelmäßig das Bayreuther Festspielorchester in Sachen Wagner.

Von Felix Stephan
Foto: Frank Eidel/DSO

 Bernhard Hartog ist Konzertmeister des Deutschen Symphonie-Orchesters
Bernhard Hartog ist Konzertmeister des Deutschen Symphonie-Orchesters

Keine Tränen am Ende. Stattdessen ein verlegenes Schulbubengrinsen. Konzertmeister Bernhard Hartog nimmt tiefstapelnden Abschied. Seine Schultern pressen gegen den Körper, der steife Rumpf beugt sich etwas vor. Bescheidenheit und Demut spricht aus dieser Haltung – gegenüber der Musik, dem Publikum und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin. Seit über dreißig Jahren sitzt Hartog den Dirigenten am nächsten. Sah die Chefs kommen und gehen. Unterstützte sie, leitete die Musiker, prägte die Klangkultur. Von Zeit zu Zeit erhob er sich in diesen Jahrzehnten auch mal zum Solisten.

Im Sommer geht Hartog endgültig

An diesem Abend erhebt er sich zum letzten Mal in dieser Funktion aus dem Orchester. Und läutet damit seinen Abschied ein: Im nächsten Sommer wird Hartog das DSO endgültig verlassen. Trotzdem stehen die Zeichen in der Philharmonie schon jetzt ganz auf feierlicher Andacht und milder Wehmut. Ein entspannter Hartog mit nachsinnend geschlossenen Augen ziert die Vorderseite des Programmhefts, umwirbelt von mystischem Kolophonium-Staub. Auf dem Podium steht er dagegen in sich zusammengezogen, bietet ein gediegen nostalgisches Largo von Charles Ives, entfaltet das erste Violinkonzert von Béla Bartók in melancholischer Zurückhaltung.

Er zähmt das humorige Finale. Kultiviert es mit schlankem Ton. Das Konzertmeistertum sitzt ihm in den Knochen, es schwingt auch im Solisten Hartog mit. Gegen das Orchester zu spielen, es zu provozieren – das ist seine Sache nicht. Stattdessen setzt er auf Gemeinsamkeit, führt das Unternehmen Barók mit seriöser Innigkeit an.

Studium bei Werner Heutling und André Gertler

Hartog wurde 1980 Erster Konzertmeister des Orchesters. Davor war der gebürtige Bielefelder, nach dem Studium bei Werner Heutling und André Gertler in Hannover, Mitglied des Berliner Philharmonischen Orchesters und ab 1977 Erster Konzertmeister zum Niedersächsischen Staatsorchester Hannover. Seit Jahren unterrichtet er an der Universität der Künste und gibt international Meisterkurse. Als Konzertmeister prägte er auch regelmäßig das Bayreuther Festspielorchester in Sachen Wagner.

Jetzt, in der ersten Konzerthälfte, mischen sich persönliche Erinnerungen Hartogs mit bildungsbürgerlichem Anspruch. Das Ives-Largo hatte ihm sein Komponistenfreund Anton Plate für Violine und Orchester bearbeitet. Sie hoben diese Fassung 1986 in Hannover aus der Taufe, mit Hartog als Solisten und Plate am Pult. Noch mehr Entdeckerlaune macht anschließend Bartóks erstes Violinkonzert: Jahrzehntelang galt es als verschollen, auch heutzutage wird es kaum gespielt. Bartóks intime Liebeserklärung an die Geigerin Stefi Geyer – fast 50 Jahre lang verschwand sie in den Schubladen der Angebeteten.

Zügig und ohne spätromantisches Duseln

Kent Naganos große Stunde schlägt nach der Pause. Das DSO schaltet vom gesitteten Begleitmodus hoch auf offensive Klangpracht. In Richard Strauss' "Alpensinfonie" wuchert es nach Lust und Laune mit sämtlichen Pfunden. Nagano, der ehemalige Chefdirigent, behält im größten Tosen und Toben einen unpathetisch kühlen Kopf. Mit allen Vor- und Nachteilen: Zügig und ohne spätromantisches Duseln erklimmen die Musiker den Gipfel. An einigen Stellen fehlt dagegen das Besinnliche, Aussingende. Nagano, der als Generalmusikdirektor der Bayerischen Staatsoper in den letzten Jahren keine leichte Zeit hatte, er wird vom Berliner Publikum ausgiebig gefeiert.

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