Berliner Staatsoper
Die "Fledermaus" ist ein schmerzhaftes Vergnügen
Es kam bei der Premiere in der Staatsoper Unter den Linden so, wie es im Vorfeld erwartet wurde. Aus der "Fledermaus", der populären, viel geliebten, amüsanten Operette wird in der Inszenierung von Christian Pade so etwas wie eine "Fleddermaus".
Von Klaus Geitel
Mit Operetten hat die Staatsoper Unter den Linden nachweislich Pech. Schon die "Lustige Witwe" musste auf ihrer Bühne hochherrschaftlich notlanden und verschwand Hals über Kopf wieder vom Rollfeld des Repertoires. Nun hat "Die Fledermaus" das Witwen-Erbe, das durchaus unlustige, angetreten, und man wird sehen, wie weit es das Flattertier in der Folge bringt.
Am Premierenabend jedenfalls war es schon zur Pause abgetaucht in den Tumult aus Beifall und Buh, den man normalerweise erst am Ende erwartet, wenn der Regisseur und sein Team sich zeigen. Diesmal aber riss dem Publikum schon im Voraus die Engelsgeduld. Man hatte ihm geradezu auf der Nase herumgetanzt und dazu hatte unter dem choreographischen Kommando von Martin Stiefermann die eigens herbeiverpflichtete Tanzkompanie MS Schrittmacher die Beine und Leiber geregt.
Zubin Mehta stand am Pult der Staatskapelle
Nun ist es ja ein Unterschied, ob man selber tanzt (wie schlecht auch immer) oder einer Tanzshow zusieht (oder ihr zusehen muss). Man hat das Fest beim Prinzen Orlofsky nun aber unglücklicherweise mit zwei zusätzlichen kostbaren Musiken bestückt, dem "Accelerationen"-Walzer und einer Ungarischen Polka, die lassen sich schlecht wie in einem heutigen Amüsierkeller heruntertrampeln. Sie müssen, um auf der Bühne Wirkung zu tun, mit choreographischem Pfiff einstudiert sein und können sich nicht einzig auf die Pfiffe hinterher verlassen. Die ließen denn auch nicht auf sich warten, obwohl Zubin Mehta am Pult der Staatskapelle sie liebevoll und kunstreich serviert hatte.
Er hatte von Anfang die Aufführung musikalisch in festen Griff genommen. Er preschte schon mit der Ouvertüre musikalisch scharfkantig in den ihm gezollten Begrüßungsbeifall hinein. Zubin Meta schien sich gar nicht länger zu zügeln, seine Bewunderung für Johann Strauß ausspielen zu können. Die Staatskapelle - anfangs noch in einer gewissen Reserve - gewann jedoch zusehends an Walzer-Vertrauen, bekam im Verlauf des mehr als dreistündigen Abends eine derartige Lockerheit, dass man selbst die Tanzeinlagen einigermaßen unverletzt überstand. Man brauchte ja im Grunde nur die Augen zu schließen. Nur geht man ja nicht ausgerechnet dazu ins Theater – und noch dazu in eins mit Staatsopern-Renommee.
Der ganze, unendlich langweilige Irrsinn basierte im Grunde auf der unternehmungslustig modischen Fehleinschätzung des Regisseurs Christian Pade, die "Fledermaus" unbedingt in den heutigen Alltag hineinflattern lassen zu müssen - und dies nicht etwa allein in Wien, sondern auch in Berlin. Na sowat! Der Herr von Eisenstein ist demnach ein offenbar wohlbetuchter Geschäftsmann, der jedoch überraschenderweise mit seiner Frau Rosalinde in einer hochmodernen Wohnküche haust.
Christine Schäfer als Kammerzofe zuzuhören, ist eine Lust
So modern sogar, dass dem riesigen Kühlschrank in T-Shirt und Slip, frisch und tiefgekühlt, Rosalindes Liebhaber Alfred entsteigt und mit der angenehmen Stimme Stephan Rügamers lossingen kann. Überhaupt ist das Singen verhältnismäßig zuverlässig, wenn auch nicht über Gebühr bewunderungswert. Einzig Christine Schäfer gibt der von ihr verkörperten Kammerzofe den Hochglanz ihrer Koloraturen mit auf den Lebensweg. Ihr zuzuhören, ist eine Lust.
Martin Gantners Eisenstein ist von Kopf bis Fuß ein liebenswürdiges Filou. Er erspielt sich damit, selbst mit seinen selbstsüchtigsten Fehltritten, sehr rasch die Sympathien des Publikums. Es sieht seinem Scharwenzeln mit Vergnügen zu. So will es die Operette, und Gantner liefert ihr auf seine bestrickende Art, was sie braucht. Dass man ihm seine Seitensprünge nicht übel nimmt, sondern sie von Herzen versteht, liegt natürlich auch an der stimmlich hochdramatischen, dabei durchaus lustigen und gleichzeitig pummeligen Silvana Dussmann, die mit erheblichen Leibeskräften seine Ehefrau Rosalinde singt.
Orlofsky als Kellerprinz ohne jede Autorität
Weniger glücklich kommt Stella Grigorian als Orlofsky mit ihrer Rolle zurecht. Die Regie, aber auch das immerfort gewaltig um sie herum irrlichternde Bühnenbild von Alexander Lintl, ersticken sie fast. Was wahrscheinlich noch nie passiert ist in der 135-jährigen Geschichte der "Fledermaus": Nach dem mitreißenden, weltberühmten Lied "Chacun à son goût" rührt sich im Saal keine Hand. Die Inszenierung hat Orlofsky zu einem Kellerprinzen ohne jede Autorität verkommen lassen.
Roman Trekel gibt den Dr. Falke, der seine "Rache der Fledermaus" mit außerordentlich ernstem Nachdruck auslebt und heraussingt. Den Gefängnisdirektor gibt Jochen Schmeckenbacher. Dafür aber, dass es ein wahrhaft fideles Gefängnis wird, sorgt Michael Maertens in der virtuosen Quassel-Partie des Wärters Frosch, seit eh und je eine Paradepartie für begnadete Komödianten. Sie haben in Maertens einen wundervollen jungen Kollegen gefunden.
Am Ende stehen natürlich Überlegungen, wie man die Aufführung aus der Pleite retten kann. Die Losung heißt: streichen, kürzen, weglassen, feuern. All das ist machbar. Johann Strauß wäre dankbar dafür.
"Fledermaus" in der Staatsoper Unter den Linden, Mitte. Tel. (030) 20 35 45 55, Weitere Termine: 25., 27., 29. November und 1., 3., 6. Dezember 2009.
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