Berliner Staatsoper
Für diese "Fledermaus" werden Buhrufe erwartet
Christian Pade inszeniert an der Berliner Staatsoper Unter den Linden Johann Strauß' "Fledermaus". Alle Beteiligten müssen sich bei der Premiere am heutigen Abend auf ein unzufriedenes Publikum einrichten - was für die Mitwirkenden gar nicht lustig ist. Doch der Regisseur selbst zeigt sich gelassen.
Von Volker Blech
In der Staatsoper selbst gibt es einige Beteiligte, die bereits die Hände über den Kopf zusammen schlagen. Sie ahnen, dass Christian Pades Inszenierung von Johann Strauß' "Fledermaus" am Sonnabend bei der Premiere heftige Buhstürme zu erwarten hat. Was für die Mitwirkenden, die doch alle nur vom Publikum geliebt und gefeiert werden wollen, bekanntlich gar nicht lustig ist. Währenddessen zeigt sich der Regisseur selbst gelassen.
Er wisse, sagt der 47-jährige Hamburger, dass einige das gar nicht komisch finden werden. Dem hat er gleich noch eine kleine Weisheit anzufügen: "Bei einer Tragödie wissen immer alle, wann sie zu weinen haben. Bei einer Komödie ist das schwieriger, weil Humor letztlich etwas Individuelles ist." Pade selbst liebt den britischen Humor, das Schwarze, und vor allem den Sprach- und Dialogwitz. Als Theatermann ist er natürlich daran interessiert, den Text ins Heutige zu übersetzen. "Denn man kann das Stück nicht so machen wie es da steht", sagt er. Punkt.
Es darf berlinert werden
Zuviel will er natürlich vorab nicht verraten. Das Regietheater lebt vom Überraschungseffekt. Aber Pade verlegt die Handlung zielgerichtet von gemütlichem Wien ins durchgeknallte Berlin. Es darf berlinert werden. Und auch die Kosenamen und Berufsbezeichnungen sind angepasst. Das Stubenmädchen wird zur Putze. Aber Pades Regieansatz liegt in einem anderen historischen Detail: Die Uraufführung fiel 1874 mitten hinein in eine Wirtschaftskrise. Kurz zuvor war die Wiener Börse zusammen gebrochen. "Selbst Strauß hatte Geld verloren", sagt Pade. Und irgendwann fügt er beiläufig hinzu, dass er jetzt in der aktuellen Krise auch Geld verloren habe. Das wollen wir im Gespräch aber nicht weiter vertiefen. Glücklich ist, wer vergisst, was nicht mehr zu ändern ist.
Womöglich offenbart aber Pades Randbemerkung über eigene Verluste diese gewisse Ich-Bezogenheit von heutigen Regisseuren. Denn in seiner "Fledermaus" wird er auch über die Stellung des Künstlers in der heutigen Gesellschaft reflektieren. Der champagnerlaunige Prinz Orlofsky ist für ihn ein Künstler, ein seelenloser, ewig unerfüllter. Der Künstler von heute sei nur noch ein "Ausstatter der Gesellschaft", sagt Pade, "heute tritt er in Tokio auf, morgen in der nächsten Stadt, er ist ein ortloser Wanderer geworden."
Christian Pade ist selbst ein Wanderer: 1962 in Kassel geboren, studierte er Regie- und Schauspiel in München. Zehn Jahre lang war er im Schauspiel unterwegs, dann kam die Oper hinzu. Bereits 2004 hatte er in der Staatsoper Henzes "Elegie für junge Liebende" inszeniert. Strauß ist jetzt seine zehnte Musiktheater-Regie. Diesmal geißelt Pade die Sucht der Gesellschaft am Verfall, während dessen das Beständige als langweilig verschrien wird. Als Beispiel nennt der Regisseur, dass heute kaum noch einer zum Ball, sehr wohl aber zu einem Event gehen möchte. "Die sollten möglichst auch noch in Industrieruinen stattfinden", sagt er: "Und wenn die Langeweile einzieht oder die Sanierung bevorsteht, dann wird einfach die nächste Ruine besetzt. Wir ergötzen uns am Verfall."
Druck lastet auf dem Bürgertum
Diesen Beweis bräuchte er mit seiner "Fledermaus" übrigens gar nicht anzutreten. Genau genommen hat er jene zeitgeistige Opernproduktion von "Cosi fan tutte" beschrieben, die gerade einige hundert Meter weiter im E-Werk in Mitte mit bürgerlichem Premierenpublikum ablief. Inszeniert war dort der moralische Verfall in einer TV-Hochzeitsshow, bei der es weniger um Mozarts Musik, sondern viel mehr um Sex und Geld geht. Darauf angesprochen, reagiert Pade etwas irritiert. Er wusste davon nichts, sagt der Regisseur, und die eine Opernproduktion habe mit der anderen auch nichts zu tun.
Selbstredend will auch Pade seinem Publikum den Spiegel vorhalten, wenn er im Zusammenhang der wirtschaftlichen Depression von Verdrängungsmentalität, Doppelmoral und Verlogenheit spricht. Der Regisseur deutet es als einen großen "Druck, der auf dem Bürgertum lastet." Das muss irgendwie raus - damals wie heute. Wohl auch deshalb hat sich Pade auf Buhs eingestellt.
"Fledermaus" in der Staatsoper Unter den Linden, Mitte. Tel. (030) 20 35 45 55, Premiere: 21. November 2009, 19 Uhr. Weitere Termine: 25., 27., 29. November und 1., 3., 6. Dezember 2009.
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