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Wiedereröffnung

Meret Becker mischt den Wintergarten auf

Knapp ein Jahr nach der Schließung beginnt im Berliner Wintergarten wieder das Leben. Im Januar feiert "Die Fabelhafte Varieté Show" Premiere - mit Meret Becker, die alles zeigen will, was sie kann. Für eine sechsstellige Summe ist das Haus an der Potsdamer Straße hergerichtet worden. Nun soll es sich künftig selbst tragen.

Das „Präsidium“, das am Freitag im Wintergarten-Varieté an der Potsdamer Straße vor die Presse trat, strahlte nicht unbedingt unverhohlenen Enthusiasmus aus. Dafür jedoch durchaus eine gewisse Entschlossenheit, die auch notwendig sein wird, um das in die Insolvenz geratene Traditionshaus mit neuem Leben zu füllen. Fast genau ein Jahr nach der Schließung des Wintergartens soll ab 29. Januar 2010 „Die Fabelhafte Varieté Show“ für neuen Zulauf sorgen. Seinen „Trumpf“ spielte Geschäftsführer Georg Strecker erst ganz am Schluss aus, diese kleine Kunstpause wollte schon sein. Eine unscheinbare Tür im Hintergrund öffnete sich und heraus trat Meret Becker – sie soll künftig als Conférencière und Sängerin als zusätzlicher Zuschauermagnet fungieren.

„Wir konnten sie für drei Monate gewinnen“, sagte Georg Strecker stolz. Begleitet werden soll die Künstlerin, die „Insel im Varieté-Universum“, dann von ihrer Band „The Tiny Teeth“. „Ich habe einmal im Varieté angefangen und finde, dass es sich um eine sehr schöne Kunstform handelt“, sagte Becker, deren Großmutter schon im Original-Wintergarten auf der Bühne gestanden hat. „Drei bis vier Chansons“ wolle sie zum Besten geben und dazu alles, was sie so könne an „Blödsinn“. „Ich kann viel, und das auch ganz schön.“ Becker hob noch einmal die Besonderheit der Live-Musik hervor. „Dadurch entsteht eine ganz eigene Klangatmosphäre, die irgendwo zwischen Orchester und Spieluhr rangiert.“ Sie selbst benutze zum Beispiel Instrumente, die auch Musik-Clowns verwenden. Nicht massenkompatibel, aber doch für alle, die sich darauf einlassen – so beschrieb Becker die persönliche Note, die sie beisteuern wolle. „Das Varieté ist wie ein Kinderzimmer: Da kann jeder rein und Spaß haben.“

Doch die potenziellen Zuschauer sollen nicht nur von Frau Becker inklusive singender Säge und „Hasen mit Alkoholproblem“ (was sich dahinter verbirgt, blieb offen) angelockt werden. Programm-Manager Strecker setzt auf die „Säulen des Varietés“ und versammelt Artisten aus Ländern wie Frankreich, Belgien, Kanada und Russland. „Fast alle sind noch nie in Berlin zu sehen gewesen, und viele haben renommierte Preise gewonnen.“ Die Bandbreite reicht vom Clown-Trio über akrobatische Leistungen an der Vertikalstange bis hin zur Zauberei. Premiere soll voraussichtlich am 5. Februar sein.

"Keine neuen Entwicklungen verschlafen"

Über das Jahr gesehen sollen drei größere Varietéproduktionen auf dem Spielplan stehen, zwischendurch könne es durchaus auch „Gastspiele aus dem In- und Ausland geben“, gern auch aus dem Theater- oder Konzertbereich. Der genaue Jahresspielplan soll im Januar vorgestellt werden. „Wir haben den unerschütterlichen Glauben, dass wieder eine positive wirtschaftliche Entwicklung stattfinden wird“, sagte Strecker. Er glaubt fest daran, dass die Kunstform Varieté ihre Anziehungskraft nicht verloren hat. „Die Programmatik ist nicht so profan, wie es vielleicht klingen mag.“ Unterhaltung müsse nicht das Gegenteil von Hochkultur sein, sondern vermöge es, Menschen für ein oder zwei Stunden aus dem Alltag herauszuholen. „Eine wichtige Komponente in unserer Gesellschaft.“ Strecker hofft, mit der Wiedereröffnung des Wintergartens auch die „ambivalente Gegend“ rund um die Potsdamer Straße beleben zu können.

Um die problematische Vergangenheit des Hauses sollte es am Freitag ganz bewusst nicht gehen, allerdings räumte Strecker Fehler ein und kündigte ein strafferes Kostenmanagement an. „Die Schieflage war auf jedem Fall nicht nur dem Umstand geschuldet, dass das Varieté angeblich tot sein soll. Es ist nicht tot zu kriegen, auch wenn es mal kränkelt.“ In Zukunft wolle man „zeitgemäß, aber nicht zeitgeistig“ sein und „keine neuen Entwicklungen verschlafen“.

Das traditionsreiche Varieté-Theater hatte es zuletzt in Berlin mit großen und kleineren Konkurrenzbühnen wie dem Friedrichstadtpalast und allabendlich über 1600 Kulturveranstaltungen zunehmend schwerer gehabt, die Plätze zu füllen. Auch der Friedrichstadtpalast, Europas größtes Revuetheater mit öffentlichen Subventionen, war vorübergehend ins Trudeln geraten, ist jetzt aber unter neuer Intendanz wieder auf Erfolgskurs. In Hamburg ist Anfang des Jahres das mit fast 115 Jahren traditionsreiche Hansa-Theater, eine Hochburg des lange Zeit totgesagten deutschen Varietés, wiedereröffnet worden. Ein positives Zeichen für die neuen alten Köpfe an der Spitze des Wintergartens, den Konzertveranstalter Peter Schwenkow 2007 verkauft hatte. Nach der Insolvenz hatte Schwenkow das Haus jedoch mit der auch andernorts laufenden Show „Black Flamingo“ (noch bis 31.12.2009) bespielen lassen.

Keine Dauersubventionierung

Neuer ganzjähriger Betreiber des Wintergartens mit seinen knapp 500 Plätzen wird nun ab Januar die Berliner Arnold Kuthe Entertainment GmbH sein. Das Unternehmen, das eher mit Bau und Immobilien in Zusammenhang gebracht wird, hatte die Räumlichkeiten zuvor bereits vermietet und zuletzt das Inventar und die Namensrechte erworben, um die Marke Wintergarten am Markt zu halten. „Diese Entscheidung zog gleich die nächste nach sich. Das heißt, es musste zunächst eine deutlich sechsstellige Summe in die Hand genommen werden, um Technik, Gastronomieeinrichtung und Raumausstattung wieder auf das heutige Niveau zu bringen“, sagte Stefan Freymuth von der Kuthe Entertainment GmbH. Man habe sich entschlossen, „dem Wintergarten durch beherztes Handeln eine neue Chance zu geben“. Freymuth schränkte jedoch ein: „Mehr als eine echte Chance kann und soll dieses Engagement nicht sein. Einen Dauersubventionierungsbetrieb als schönes Aushängeschild könnten wir uns vielleicht, wollen wir uns aber nicht leisten.“ Nachdem man ihn auf die Füße gestellt habe, werde der Wintergarten selbstständig im harten Wettbewerb bestehen müssen. „Nur wenn er dieses auch tut, ist er gut genug.“

Deutliche Worte und ein „Ansporn“ für Georg Strecker, diesem Anspruch mit eigenen Varietéprogrammen gerecht zu werden. Nach der „Fabelhaften Varieté Show“ mit Meret Becker werde relativ bald die nächste Premiere folgen, die letzte für das Jahr 2010 voraussichtlich im Oktober. „Während der Fußball-Weltmeisterschaft gibt es dann auf jeden Fall eine vierwöchige Sommerpause“, sagte Strecker. In dieser Beziehung habe man vom Jahr 2006 gelernt.

Angenehme Besonderheit soll nach wie vor auch das gastronomische Angebot sein, also die Möglichkeit, während der Vorstellung durchgängig verschiedene Speisen zu verzehren. Jörg Wiesner, der auch in den vergangenen zwei Jahren als Küchenchef gearbeitet hat, verspricht deutsche Küche mit internationalem Einfluss zu vertretbaren Preisen. Die Karten für die Vorstellung selbst sollen übrigens ab 19,50 Euro erhältlich sein. Was die Betreuung von Kundenanfragen und Kartenbestellungen angeht, so arbeitet der Wintergarten künftig mit neuen Partnern zusammen, nämlich der Papagena Kartenvertrieb GmbH und der Tixoo AG. Letztere sorgt dafür, dass Tickets zum Selberdrucken unter www.wintergarten-berlin.de erhältlich sein werden.



Erschienen am 20.11.2009

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