Interview
Was Werner Herzog mit Ludwig II. verbindet
Freitag, 20. November 2009 10:34 - Von Peter ZanderDer Regisseur Werner Herzog scheint nicht aufzuhalten zu sein. Nach seinem fulminanten Auftritt beim Filmfestival von Venedig wird er im Februar der 60. Berlinale als Jury-Präsident amtieren. Morgenpost Online hat den Filmemacher getroffen.

Vor nicht ganz drei Monaten wurde Werner Herzog auf dem Filmfestival von Venedig eine seltene Ehre zuteil: Er durfte gleich zwei Filme, "Bad Lieutenant" und "My son, my son, what have ye done?" im Wettbewerb vorstellen. Das hat es auf einem A-Festival noch nie gegeben. Jetzt wartet gleich die nächste Ehre auf ihn. Wie am Donnerstag bekannt gegeben wurde, wird er im Februar der 60. Berlinale als Jury-Präsident amtieren. Peter Zander hat mit dem Filmemacher gesprochen.
Morgenpost Online: Herr Herzog, gleich für Ihr Spielfilmdebüt "Lebenszeichen" gab es 1968 einen Silbernen Bären auf der Berlinale. Was bedeuten Ihnen Festivalpreise?
Werner Herzog: Die haben mir nie etwas bedeutet.
Morgenpost Online: Dennoch werden Sie als Berlinale-Präsident über die Bären entscheiden. Und gerade erst haben Sie sich in Venedig dem Druck eines Festivals ausgesetzt.
Herzog: Ach, ich war da völlig ohne Druck. Ich wüsste auch gar nicht, warum ich unter Druck stehen sollte.
Morgenpost Online: Immerhin waren Sie mit gleich zwei Filmen im Wettbewerb vertreten.
Herzog: Dass wurde ja als Überraschung erst im laufenden Festival verkündet. Ich wusste es natürlich schon vorher, durfte aber nichts sagen. Einige Journalisten haben so was geahnt und mich dazu befragt. Und ich habe nicht gelogen. Ich sagte: Kein Festival dieser Größe hat das je getan, weder in Venedig noch in Cannes, zwei Filme desselben Regisseurs im Wettbewerb zu zeigen.
Morgenpost Online: Sie konkurrierten damit auch gegen sich selbst. Würden Sie das als Jurypräsident dulden? War doch unlauterer Wettbewerb. Sie hatten doppelt so viele Chancen wie die anderen.
Herzog: Im Gegenteil. Die beiden haben sich eher gegenseitig neutralisiert. Dem einen Juror hat wohl der eine, dem anderen der zweite besser gefallen. Und am Ende haben sie sich für was ganz anderes entscheiden.
Morgenpost Online: Sie haben seit über zehn Jahren keinen Film mehr in Deutschland gedreht. Sind Sie dem deutschen Kino verloren gegangen?
Herzog: Nein. Es ist anders. Dem deutschen Kino habe ich nie angehört.
Morgenpost Online: Wie bitte? Sie sind einer der ganz Großen des Neuen Deutschen Films!
Herzog: Aber ich habe doch ganz oft ganz woanders gedreht. In den entlegensten Winkeln der Welt. Und als ich jetzt "Bad Lieutenant" gemacht habe, hörte ich Verächtliches wie: Jetzt macht der auf Hollywood. Nein, eben nicht! Ich mache bayerische Filme. Nach wie vor. Egal wo ich bin. Tatsache ist: Der einzige Mann außer mir, der "Fitzcarraldo" auch hätte drehen können, wäre Ludwig II. gewesen, mit seinen wunderbaren Märchenschlössern.
Morgenpost Online: Trugen Sie deshalb in Venedig demonstrativ eine Trachtenjacke?
Herzog: Mit Hirschhornknöpfen! Ja, das habe ich mit Vorbedacht getan. Wegen des Internets. Und der Globalisierung. Was wir dadurch unabdingbar verlieren, sind regionale Kulturen und Identität. Ich habe mein Land verlassen und lebe heute in Los Angeles. Und ich mache Filme in der Antarktis, in Südamerika, den USA. Aber meine Kultur habe ich dennoch nie verlassen.
Morgenpost Online: Sie sind also der Gegenentwurf zu Wolfgang Petersen oder Roland Emmerich, die in Hollywood genuin amerikanische Filme drehen?
Herzog: Die wollten immer Hollywood machen, das war ihr Traum, und sie stehen ganz in dieser Tradition. Meine Position ist eine andere.
Morgenpost Online: Jüngere Filme von Ihnen, wie "Grizzly Man" oder "Rescue Dawn" bekamen viele Preise, liefen aber nie in unseren Kinos. Bedauern Sie das?
Herzog: Ja, das tue ich. Ich habe Deutschland nie aus dem Auge verloren. Aber - ich weiß nicht wieso - Deutschland hat mich aus den Augen verloren. Die Filme, die Sie nennen, waren sehr erfolgreich in der Welt. Nur nicht in Deutschland. Warum das so ist, kann ich Ihnen nicht beantworten.
Morgenpost Online: "Bad Lieutenant" und "My son..." werden nun aber Anfang nächsten Jahres auch bei uns starten.
Herzog: Ja, da kann ich tief durchatmen. Endlich sieht man auch mal wieder in Deutschland einen Film von mir. Es ist nicht so, dass ich mich verweigert oder gesperrt hätte.
Morgenpost Online: Woran lag es dann? Gilt der Philosoph im eigenen Lande nichts?
Herzog: Wie sich das ergeben hat, vermag ich nicht zu sagen. Aber es ist eine Tatsache, die eigentlich aus der Welt geschafft werden muss.
Morgenpost Online: Was ist schlimmer, im Urwald ein Schiff über den Berg zu hieven oder auf dem roten Teppich zu stehen?
Herzog: Beides gehört zum Kino. Wenn es diesen wunderbaren Zirkus nicht gäbe, wäre Kino unlebendig, würde es sich im Akademisch-Leblosen erschöpfen. Wenn man den roten Teppich nicht liebt, sollte man keine Filme machen.
Morgenpost Online: Worauf führen Sie es zurück, dass Hollywood-Stars wie Nicolas Cage und Christian Bale unbedingt mit Ihnen arbeiten wollen?
Herzog: Erstens wissen die alle, ich bin ein guter Geschichtenerzähler. Und zweitens wissen sie, jeder Schauspieler bei mir ist at his best, ich hole immer das Letzte und Außerordentlichste aus ihnen heraus.
Morgenpost Online: Wie deutsch sind Sie als Regisseur?
Herzog: "Bad Lieutenant" habe ich zwei Drehtage früher als geplant beendet. Ich habe nie den Drehplan überzogen und blieb 2,6 Millionen Dollar unter dem Budget. Das ist unerhört in Hollywood. Jetzt will mich der Produzent heiraten.
Morgenpost Online: Wie schafft man so was?
Herzog: Ich weiß nicht. Ich bin nicht hektisch, ich arbeite ganz ruhig. Aber ich weiß immer genau, was ich haben will. Und ich drehe nichts, was ich nicht brauche. Manchmal drehe ich eine Sequenz in einer Einstellung und sage dann: Das war's. Auf zum nächsten Drehort.
Morgenpost Online: Ist das ein deutscher Charakterzug?
Herzog: Ich würde vorziehen zu sagen, es ist mehr ein Charakterzug von mir. Es ist, wie wenn Sie an einem offenen Herzen operieren. Da schauen Sie nicht nach dem Blinddarm. Es geht ums Herz. Deshalb verschwende ich keine Zeit.
Morgenpost Online: Als Jurypräsident müssen Sie über 20 Filme in wenigen Tagen sehen. Wie viele Filme haben Sie in der letzten Zeit gesehen?
Herzog: In den vergangenen elf Monaten nicht einen Film. Ich glaube, im Schnitt komme ich auf zwei, drei Filme im Jahr. Die meisten davon sind ziemlich schlecht. Neulich hat mich ein Freund eingeladen, der einen Film über das Frühlingserwachen von Jugendlichen in Mexiko produzierte. Er meinte, der sei ganz toll. Er war fürchterlich. Aber auf eine Art mochte ich ihn: Ich lerne nur von schlechten Filmen.
Morgenpost Online: Woher nehmen Sie Ihre Inspiration?
Herzog: Ich frage mich nie, was ich wohl als nächstes mache. Filme suchen mich, nicht ich sie. Sie kommen zu mir wie ein Einbrecher. In der Nacht. Während wir hier sitzen, habe ich schon wieder fünf Einbrecher in meiner Küche.
Morgenpost Online: Warum kommen Sie nicht nach Deutschland zurück?
Herzog: Ich bin immer wieder in Deutschland. Es kommt nur darauf an, ob ich eine Geschichte habe, die auf Deutschland passt.
Morgenpost Online: Es scheint aber, als kämen Ihnen keine deutschen Geschichten mehr in den Sinn.
Herzog: Weil ich mir die Einbrecher, die nachts in mein Haus eindringen, nicht aussuchen kann.






















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