Modefotografie
Wie F.C. Gundlach das zerstörte Berlin inszenierte
Mittwoch, 18. November 2009 00:23 - Von Gabriela WaldeDer Schick der 50er-Jahre – und sein Meister. Der Martin-Gropius-Bau widmet F.C. Gundlach eine große Ausstellung. Der Fotograf war einer der Ersten, der nach dem Krieg Mode in Berlin fotografierte. Doch statt kaputter Häuser sah man Seidenstrümpfe und Pelze. Auf Morgenpost Online spricht F.C. Gundlach über dünne Models, Starallüren und die Anziehungskraft der Hauptstadt.
F.C. Gundlach, Jahrgang 1926, ist ein wichtiger Sammler, Kurator und bedeutender deutscher Modefotograf der Nachkriegszeit. Vor seine Kamera aber rückten nicht nur Models, sondern auch Stars wie Romy Schneider, Cary Grant, Maria Schell und Horst Buchholz. Einen Grundstein seiner Karriere als Reportage- und Modefotograf, legte die Zeitschrift „Film und Frau“, später arbeitete er Jahrzehnte für „Brigitte“. Für das Blatt ist er auch auf Locationreisen in Afrika, Asien und Nord- und Südamerika unterwegs gewesen. Umtriebig arbeitet er seit 2000 an seiner ins Leben gerufenen Stiftung, wurde 2003 zum Gründungsdirektor des Hauses der Photographie in den Deichtorhallen berufen. Über seine Retrospektive im Martin-Gropius-Bau, die bekannte Fotos zeigt, aber auch viele unbekannte Facetten, sprach Gabriela Walde mit F.C. Gundlach.
Morgenpost Online: Sie leben in Hamburg, sind viel gereist, hatten aber stets eine große Affinität zu Berlin und hier immer auch eine Wohnung.
F.C. Gundlach: Es gab für mich immer den Traum von Berlin. Den hatte mir mein Lehrer eingeimpft, der hier in Berlin erfolgreicher Modefotograf war und über die Stadt schwärmte. Der Nimbus ist geblieben. Berlin war mir immer sehr vertraut, gleichzeitig auch sehr symbolbehaftet. In den Fünfzigern machten wir für die Zeitschrift „Film und Frau“ hier die großen Mode-Sonderhefte. Da gab es die Berliner Konfektion, die war vom Hausvogteiplatz an den Kudamm umgezogen. Man spürte noch immer, dass Berlin vor dem Krieg einmal Modemetropole war. Es gab dort gute Modeschöpfer und extrem gute Schneider von hoher handwerklicher Qualität.
F.C. Gundlach: Das war eine Auflage: Es gab bei uns keine Trümmer! Wir haben Träume und Wünsche für die Zukunft verkauft. Die Generation, die das Sagen hatte, hatte die Katastrophe, ja das Inferno überlebt und wollte ganz bewusst nicht zurückgucken.
Morgenpost Online: Heute folgt Mode anderen Gesetzen.
F.C. Gundlach: Der Unterschied ist, dass es heute kein Modediktat mehr gibt. Das war mal anders. Zu Beginn der Fünfziger in Paris gab es „La Collection“, das glich einem Erdbeben, verbunden mit großen Erwartungen. Das wichtigste Ereignis war Christian Dior, der den New Look populär machte. Diese Mode hat den Krieg beendet. Es war eine Antwort auf die erzwungene Uniformität und Restriktion. Es gab Taille. Weite Röcke. Neue Materialien. Die Männer kamen zurück, die Frauen mussten sie nicht mehr ersetzen.
Morgenpost Online: Sie sind ein Ästhet, wie finden Sie denn nun die Mode in Berlin?
F.C. Gundlach: Berlin ist ein Melting Pot, wo alles zusammenströmt. So entstehen Atmosphären, aber auch Stile, wenn unterschiedliche Einflüsse zusammenkommen. Dann passiert etwas. Jetzt ist Berlin wieder in der Situation, mit Unternehmungen wie „fashion week“ oder „bred and butter“ Modemetropole zu werden. Die Stadt hat Potenzial und Anziehungskraft.
Morgenpost Online: Sie haben Jahrzehnte für die Frauenzeitschrift „Brigitte“ gearbeitet. Von dort kommt jetzt die Entscheidung, künftig nur noch mit Laien-Models zusammenzuarbeiten, um dem Mager-Terror eine Ende zu machen.
F.C. Gundlach: Es war wirklich extrem. Sie sind nicht nur sehr dünn, sondern können häufig mit den sehr hohen Absätzen gar nicht laufen. Natürlich sehen Sachen an einer schlanken Frau immer sehr gut aus, aber das entspricht doch nicht der Realität. Mit den „normalen“ Frauen muss man – aus Sicht des Fotografen – strikte Castings machen und das Shooting sehr porträthaft anlegen. Es geht ja um Stil und Geschmack. Stil ist für mich wichtiger als ein vorübergehender Geschmack.
Morgenpost Online: Wann ist für Sie ein Mensch denn interessant?
F.C. Gundlach: Ein Porträt ist immer ein Dialog. Eine Schauspielerin orientiert sich an einer Rolle, ist aber jemand anders. Ein Model ist dann gut, wenn sie selbst ist. Ein Typ, der in die Zeit passt. Die Größten, fand ich, waren immer die einfachsten – wie beispielsweise Cary Grant...
Morgenpost Online: ...weil sie professionell waren.
F.C. Gundlach: Schwierig waren die, die drunter standen. Weil sie eben auch keinen Geschmack hatten, oder sie wollten bestimmte Requisiten oder Hüte oder so. Die schlimmste war Lilli Palmer. Da musste extra im Atelier ein Salon gebaut werden, wo sie alle zwei Stunden ruhen konnte.
Morgenpost Online: Professionell war...
F.C. Gundlach: ...Sophia Loren, die ich in Rom fotografieren sollte. In einer Propellermaschine von Hamburg nach Rom transportierte ich im Kleidersack Cocktailkleider, bestickt, mit Strass oder mit Spitzen. Plötzlich kam es zu einer Kontrolle. Aus dem Sack quollen die Kleider – die Inspektoren stürzten sich darauf. Es hatte einen Diamantenraub gegeben. Dann kam ich zu Loren. Sie passte partout in kein Kleid – die Kleider waren nach internationalen Maßen geschneidert worden. Alles umsonst! So wollte ich wenigstens ein Titelbild mit nach Hause nehmen. Ich wählte aus ihrem Schrank ein Kleid, das am Hals geschlossen war. Was bekam ich für ein dankbares Lächeln von Sophia Loren!
Morgenpost Online: Sie haben nicht nur die Mode dokumentiert, Sie waren es auch, der den ersten Transatlantikflug der Deutschen Lufthansa nach dem Krieg 1955 fotografierte.
F.C. Gundlach: Das sollte eine Reportage werden mit dem Titel „Hotel über den Wolken“. Der Flug nach New York dauerte damals 16 Stunden, es gab einen Zwischenstopp, weil das Benzin nicht reichte. Doch für ein Shooting war die Gangway nichts, zu dunkel, zu eng. Das musste immer ausgeleuchtet werden. So hat die Lufthansa mir in Hamburg ein Flugzeug für zwei Tage zur Verfügung gestellt. Mit kompletter Besatzung, Komparsen und allem drum und dran. Ich habe fotografiert – getürkt auf dem Boden. Und alle waren glücklich. Ich bekam als Entlohnung Freiflüge – so kam ich rund um die Welt. Nahost, Fernost, Japan, Amerika.
Morgenpost Online: Amerika hat Sie über die Jahrzehnte sehr geprägt.
F.C. Gundlach: Meine wichtigste Stadt war New York, da hatte ich 24 Jahre eine Wohnung. Die habe ich vor zwei Jahren verkauft, weil ich dachte, mit dem 80. Lebensjahr muss man einfach kürzertreten. Aber nicht mehr dort zu sein, ist schon traurig. Dort habe ich gelernt, Cocktails zu machen – ich mache den zweitbesten Martini der Welt!
Erschienen am 17.11.2009































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