Revue

"All Night Long" - Wenn der ganze Wintergarten tanzt

Am Donnerstagabend erlebte die neue Wintergarten-Show „All Night Long“ vor ausverkauftem Haus Premiere. Eine Melange aus „Stars in Concert“ und „Die ultimative Chartshow“ mit artistischen Highlights.

Foto: Promo

Peter E. Müller

Der Höhepunkt des Abends steht gleich nach der Pause im Rampenlicht: Travestiestar Ikenna Benéy Amaechi, Weltbürger aus Berlin, gibt der neuen Show im Varieté Wintergarten als verblüffender Wiedergänger Whitney Houstons mondän-verruchten Charme, macht Staunen mit Houston-Klassikern wie "Step By Step", "Saving All My Love To You" oder "One Moment in Time", erweist sich als wortgewandter Entertainer mit großen Gesten und noch größerer Stimme.

Längst hat sich das Varieté von seiner plüschigen Vergangenheit als Unterhaltungsetablissement für artistisch-komödiantische Nummernrevuen verabschiedet. Varieté, dieser kleine Bruder des großen Zirkus, ist heute ein Genre, das ständig auf der Suche ist, das zeitgemäß sein will und auch muss, wenn es neues Publikum für sich gewinnen will.

Melange "Stars in Concert" und "Die ultimative Chartshow" plus Artistik

Das weiß man auch im Wintergarten an der Potsdamer Straße, an dem einst Großmeister wie André Heller oder Bernhard Paul das künstlerische Zepter hochhielten. Inzwischen sucht man hier die Zukunft in musikalischen Themenabenden, wie beispielsweise der Show "Forever Young", in der eine Coverband live mit wohlbekannten Klassikern der Rockgeschichte internationalen Artisten den Soundtrack für ihre Künste lieferte.

Ein Erfolgsrezept, das nun wiederholt werden soll. Am Donnerstagabend erlebte die neue Wintergarten-Show "All Night Long" vor ausverkauftem Haus ihre Premiere. Eine Soul-Revue, bei der eine versierte Musikertruppe durch die Höhepunkte von Soul, Funk und R'n'B pflügt, angeführt von Sängerin Della Miles und Sänger Colin Rich. Eine Melange aus "Stars in Concert" und "Die ultimative Chartshow", in der immer wieder Platz bleibt für artistische Highlights am Boden oder in luftiger Höhe. Doch der Schwerpunkt liegt auf der Musik.

Jongleur Abbdi als Inkarnation von Michael Jackson

Es gibt sozusagen das Beste der 60er- bis 90er-Jahre, alles, was schwarze Musik so einzigartig macht, die Hits von Ben E. King und Sam & Dave, von James Brown und Earth, Wind and Fire, von Ray Charles und Arethas Franklin, von Nina Simone und Lionel Richie. Zu "Georgia On My Mind" jongliert Francoise Rochais mit Schirmchen, Tennisschlägern, Tennisbällen und Keulen. Gleichzeitig. Das ist ebenso imposant wie die Leistung der AAC Boys, zweier Brüder, von denen der eine den anderen in kompliziertesten Kombinationen zu "Fantasy" und "September" mit den Füßen durch die Luft schleudert.

Später gibt sich der phänomenale Bounce-Jongleur Abbdi, der mit irrsinniger Geschwindigkeit bis zu acht Bälle gleichzeitig über den Boden springen lässt, als Inkarnation von Michael Jackson samt Griff in den Schritt und Moonwalk. Das ist weniger phänomenal. Der Balance-Artist Monsieur Chapeau wiederum überzeugt zu "Don't Worry, Be Happy" mit waghalsigen Kunststücken auf Rollbrett und Koffern.

Auffallend dramaturgiefrei

Der Abend bleibt dennoch mehr ein Konzert mit routiniert gespielten Cover-Versionen denn eine Varieté-Show. Er ist höchst musiklastig und auffallend dramaturgiefrei. Und arbeitet sich mit Hits von Alicia Keys oder gar Adele sogar bis in die jüngste Zeit vor. Die Fünf-Mann-Band, zu der auch der blinde Berliner Sänger und Pianist Rian Es gehört, ist routiniert und stilsicher bei der Sache und sowohl Della Miles als auch Colin Rich wissen den Klassikern eine persönliche Note zu verleihen. Was bei Stücken wie "Respect" von Aretha Franklin oder "Sex Machine" von James Brown nicht immer einfach ist.

Zum Finale gibt es dann auch Lionel Richies titelgebenden Song "All Night Long", bei dem nach gut drei Stunden nahezu der ganze Wintergarten auf den Beinen ist, mitsingt und tanzt. Der Applaus für das Ensemble ist laut und lang anhaltend.

Ikenna alias Whitney Houston allerdings stellt alles in den Schatten. Er sieht seinem Idol nicht nur verblüffend ähnlich, sondern singt sich mit entwaffnender Hingabe in sirenenhafte Höhen. Und hätte auch einen guten Conférencier abgegeben, um dieser Revue ein wenig mehr Halt und Persönlichkeit zu geben. Aber Conférenciers sind ja inzwischen Old School im Varieté. Schade eigentlich.

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