09.10.13

Philharmonie Expedition ins vergessene Opernreich des 18. Jahrhunderts


Philippe Jaroussky ist der Popstar unter den Countertenören

Foto: MARTIN BUREAU / AFP

Philippe Jaroussky ist der Popstar unter den Countertenören Foto: MARTIN BUREAU / AFP

Von Felix Stephan

Der französische Countertenor Philippe Jaroussky sorgt für magische Momente: Ist das wirklich ein Mensch, der da singt? Oder ein Kunstprodukt mit allen herausragenden Eigenschaften berühmter Sänger?

Solche Töne kann nur einer. Töne, die zu regenbogenschillernden Kantilenen heranwachsen. Auf unerschöpflichem Atem gesungen. Wenn Philippe Jaroussky, 35, die Arie "Alto Giove" ("Großer Jupiter") beginnt, herrscht Magie in der Philharmonie. Ist das wirklich noch ein Mensch, der da singt? Oder doch ein Kunstprodukt, das die herausragenden Eigenschaften berühmter Sänger vereinigt? Galante Anmut und jugendhafte Eleganz, makellose Virtuosität, souverän dosierte Farben. Jaroussky ist der Popstar unter den Countertenören.

Der Franzose begibt sich auf Expedition ins vergessene Opernreich des 18. Jahrhunderts. Hebt Arien-Schätze, entfacht Goldgräberstimmung. Der Wiederentdeckte heißt Nicola Porpora. Bis vor kurzem fristete der Italiener als Fußnote sein Dasein – in der Biographie von Joseph Haydn. Porpora gilt als derjenige, der den jungen Haydn einst vor der Gosse bewahrt hat.

Hauptberuflich allerdings war Porpora hoch angesehener Opernkomponist. Berühmt für seine Arien, die er dem Kastraten Farinelli in die Goldkehle schrieb. Jaroussky liefert Kostproben, singt von Amors Mächten, von Sehnsucht und süßen Verlockungen.

Hitzige Duelle, Bocksprünge und wilde Momente

Das Venice Baroque Orchester trägt ihn auf luftigen Schwingen. Maestro Andrea Marcon steht locker vor erhöhtem Cembalo. Dirigiert das 20-köpfige Ensemble väterlich. Lässt immer wieder seine Finger auf die Tastatur sausen. Erzeugt silbriges Generalbassrauschen. Violinen und Bratschen müssen stehen. Außer Laute und Violone sind auch historisch korrekte Traversflöten und Holzoboen zugegen. Intim tönen von Zeit zu Zeit die alten Inventionshörner.

Zwischendurch nimmt Jaroussky wohlverdiente Pausen. Das Orchester überbrückt derweil mit Ouvertüren von Leonardo Leo und Giuseppe Sarti. Und pflanzt relativ kurzfristig die "La Follia"-Variationen von Francesco Geminiani ins Programm. Eine spektakuläre Streicherversion nach Corellis d-Moll-Violinsonate op. 5 Nr. 12. Eine willkommene Gelegenheit, um auch die solistischen Qualitäten des Ensembles zur Geltung zu bringen.

Mehrmals leisten sich Konzertmeister und Barock-Cellist hitzige Duelle, rasen um die Wette, wagen Bocksprünge. Doch das Erstaunlichste: Selbst in den wildesten Momenten, in Augenblicken höchster Virtuosität bleiben die Venezianer unaufdringlich. Zelebrieren stets einen gepflegten, galanten Konversationston.

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