Wiedereröffnung
Villa Schöningen, ein Museum für die Freiheit
Viele Jahre lang stand die Villa Schöningen an der Glienicker Brücke in Potsdam leer. Zum Mauerfall-Jubiläum wird sie von Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sonntag wieder eröffnet – als Museum. Die Eigentümer Mathias Döpfner und Leonhard Fischer wünschen sich, dass die Villa das wird, was sie bis heute nie war: "ein fröhlicher Ort der Freiheit".
Von Rainer Haubrich
"Der Blick von der Glienicker Brücke wetteifert mit den schönsten Punkten der Welt", notierte Alexander von Humboldt Mitte des 19. Jahrhunderts. Der Mann musste es wissen, hatte damals doch kaum einer den Globus bereist wie der preußische Naturforscher. Aber so weit er auch herumgekommen war in der Welt, er liebte das preußische Arkadien, das sich hier am Übergang zwischen den Residenzstädten Berlin und Potsdam auf das Zauberhafteste entfaltete.
150 Jahre später hat sich der von Humboldt so gepriesene Anblick fast unverändert erhalten. Zwar verbindet seit 1907 eine Stahlbrücke anstelle der alten Steinbrücke die beiden Ufer der Havel, aber das klassizistische Schloss Klein-Glienicke von Karl Friedrich Schinkel mit seinem malerischen Kasino hoch über dem Uferweg hat die Zeitläufte überstanden, südlich thront sein neogotisches Schloss Babelsberg, nördlich grüßt von Ferne die Sacrower Heilandskirche im italienischen Stil.
Was in den anderthalb Jahrhunderten dazwischen die deutsche Geschichte bewegt hat, die Blütezeiten und die Katastrophen, Nationalsozialisten und Kommunisten, Kalter Krieg und deutsche Teilung – all das lässt sich an diesem Ort ablesen wie an kaum einem anderen entlang der deutsch-deutschen Grenze. Genauer gesagt, an einem einzigen Gebäude: der klassizistischen Villa Schöningen, die seit 1843 auf der Potsdamer Seite direkt an jener Glienicker Brücke steht; die zwar 1949 von der DDR in "Brücke der Einheit" umbenannt wurde, die dann aber 40 Jahre lang die Teilung Deutschlands und Europas symbolisierte; die 40 Jahre lang verbarrikadiert war und nur ein paar Mal unter den Augen der Welt geöffnet wurde, um Agenten zwischen den USA und der Sowjetunion auszutauschen. Jetzt ist hier ein kleines Privatmuseum entstanden – ein spektakulärer Beitrag zum 20. Jahrestag des Mauerfalls und ein Musterbeispiel bürgerlichen Engagements.
Eine Laune des Preußenkönigs
Ihre Entstehung verdankte die Villa einer Laune des architekturbegeisterten Preußenkönigs Friedrich Wilhelm IV. Weil ihn der Anblick eines Häuschens störte, das sich ein Schiffbaumeister dort gebaut hatte, sorgte er dafür, dass an gleicher Stelle eine Villa des Schinkel-Schülers Ludwig Persius entstand.
Erster Bewohner wurde des Königs Hofmarschall Kurd Wolfgang von Schöning, es folgte die Familie Herrmann Wallichs, eines Mitgründers der Deutschen Bank, die als Juden Opfer der Nationalsozialisten wurden und später auch der Kommunisten, die das Haus enteigneten, um in der Villa eine DDR-Kindererziehungsanstalt unterzubringen.
Nach der Wende wurde das Haus an die Familie Wallich zurückgegeben, 1997 kaufte ein Bauunternehmer die Villa und wollte neben dem historischen Gebäude Stadtvillen errichten, was das Denkmalamt ablehnte. So ließ er die Villa verfallen, bis eine Sanierung nicht mehr wirtschaftlich war – der Abriss drohte.
Es war ein Potsdamer Neubürger, den Reizen der Stadt verfallen, wie es so vielen seit der Wende ging, der die Villa rettete: Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG (in der auch die Berliner Morgenpost erscheint), zusammen mit seinem Freund, dem Unternehmer Leonhard H. Fischer. Sie kauften die Villa 2007 mit dem Ziel, sie zu bewahren und daraus ein offenes Haus der Erinnerung, der Kunst und der Begegnung zu machen.
Nach 15 Monaten Bauzeit kehrt das klassizistische Baudenkmal nun in die Potsdamer Kulturlandschaft zurück. Im Erdgeschoss wird die Geschichte der Villa und ihrer wechselnden Nutzer ausgestellt, vor allem über Computerbildschirme, auf denen Zeitzeugen ihre Geschichten erzählen: Kindergärtnerinnen und Anwohner aus DDR-Zeiten, vor allem aber jene Staatsmänner, Diplomaten und Geheimdienst-Mitarbeiter, für die die Glienicker Brücke ein Ort der großen Politik war.
"Stalinrasen" und Werke von Rauch
Wenige, aber eindrucksvolle Exponate sind über das Zeitzeugenprojekt der Villa zusammengekommen, sie erinnern an die Grenzanlagen, die zu DDR-Zeiten direkt vor der Haustür verliefen. Darunter ist ein sogenannter Stalinrasen, ein Metallgitter mit 14 Zentimeter langen Nägeln, von denen viele entlang der Ufer im Wasser montiert wurden, um Flüchtende schwer zu verletzen. In einem von der damaligen DDR-Bildungsministerin Margot Honecker verfassten Erziehungsleitfaden lässt sich nachlesen, was die Kleinkinder über ihre "Beschützer", die Grenzsoldaten, lernen sollten. Polen schenkte dem Museum eine Originalkarte mit den Angriffsplänen der Armeen des Warschauer Paktes gegen den Westen. In den hohen Räumen des Obergeschosses wird – parallel zur Kunsthalle Wien, die Kooperationspartner ist – die erste Kunstausstellung präsentiert, die um das Thema "1989" kreist, mit Werken unter anderen von Neo Rauch, Josephine Meckseper, Ilya & Emilia Kabakov.
Wenn die neue Villa Schöningen am Sonntag offiziell eröffnet, wird das Gebäude eine Präsenz von Staatsmännern erleben, wie es sie in der Geschichte Potsdams lange nicht gab: Bundeskanzlerin Angela Merkel spricht, außerdem angesagt haben sich der ehemalige sowjetische Staatschef Michail Gorbatschow, die Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Henry Kissinger, aus Polen Chefdiplomat Radoslaw Sikorski und aus Südafrika der ehemalige Präsident Frederik Willem de Clerk.
Mathias Döpfner und Leonhard Fischer wünschen sich, dass die Villa das wird, "was das Haus und sein Garten bis heute nie waren: ein fröhlicher Ort der Freiheit". In der Tat lässt sich kaum ein schönerer Platz denken, das Glück der deutschen Einheit zu feiern. Auch Alexander von Humboldt hätte seine helle Freude daran.
Villa Schöningen, Berliner Straße 86, Potsdam, geöffnet zum Brückenfest am 10. November, danach immer Do.–So., 12–18 Uhr, 8 Euro, erm. 4 Euro.
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