01.11.09

Deutsche Oper Berlin

"Schwanensee" ist Ballett in perfekter Form

Tschaikowskys "Schwanensee" ist der Inbegriff des Balletts. An diesem Wochenende fand in der Deutschen Oper an der Bismarckstraße die feierliche Wiederaufnahme des legendären Klassikers statt. Morgenpost Online hat das Staatsballett Berlin besucht und außergewöhnliche Einblicke erhalten.

Von Jennifer Wilton
Foto: M. Lengemann

Der Prinz: Wenn Vladimir Malakhov tanzt, scheint die Schwerkraft eine verhandelbare Sache. Er kann fliegen, das sagen viele. Auch deswegen gilt er als einer der besten Tänzer der Welt, vielleicht der beste. Der Schwan: Polina Semionova, die Primaballerina, der Jungstar des Ensembles. Sie ist auf dem Weg, ziemlich berühmt zu werden, nicht nur in Berlin.

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Bevor die Proben beginnen, wenn der Klavierspieler auf dem Weg ist, der Saal noch fast verwaist, die Luft unverbraucht, dann kann man es hören: Ein leises Summen, ein unregelmäßiges Klopfen aus der Tiefe des Raums. Es ist die Ballerina, die sich den 1. Akt vorsingt, es sind ihre Spitzenschuhe, die sich an den zerkratzten Boden gewöhnen. Es ist, das kann man ohne weiteres so sagen, die Ruhe vor dem Sturm. Der Sturm der Musik, die hier gleich einsetzen wird, der Sturm der Körper, die hier gleich herumwirbeln werden. Es wird leicht aussehen, fast wie auf der Bühne, später, aber man bekommt doch eine Ahnung davon, wie sehr die Körper geschunden werden, für diese Leichtigkeit: 1, 2, 3, balancé, springen, strecken, noch einmal. Und noch einmal. Die Probe hat gerade erst begonnen.

Und Proben beginnen eigentlich immer gerade, in diesem Haus der Treppen und Winkel links hinter der Staatsoper, wo das Staatsballett sich in den vergangenen Jahren eingerichtet hat. Die Compagnie, die 2004 aus den damals aufgelösten Ensembles der drei Berliner Operhäuser neu gegründet wurde. Es ist ein Ballet der Superlative, das sagen schon die Zahlen: Rund 90 Tänzer, so viel hat kein anderes Ballett in Deutschland. Mindestens fünf Premieren im Jahr. Über 100 Aufführungen. Nachwuchs, ständig, aus der ganzen Welt. Und Superstars, zunehmend. Allen voran Vladimir Malakhov, erster Solotänzer und Intendant in Personalunion, das Ausnahmetalent, bejubelt in den USA, von Fans verfolgt in Japan. Zuhause in Berlin. Polina Semionova, die große Entdeckung der vergangenen Jahre. Bekannte Dirigenten, berühmte Choreographen. Auch jetzt wieder, in den vergangenen Wochen. Das ganz große Ballett: "Schwanensee". Auf dem Programm steht die festliche Wiederaufnahme von Tschaikowskys berühmtesten Stück.

Manchmal Ballett in seiner perfektesten Form

Man muss "Schwanensee" nicht gesehen haben, um es zu kennen, "Schwanensee" und Ballett, das sind fast Synonyme. Die plüschigen Kostüme, der Tanz der kleinen Schwäne, gern parodiert, wie sie mit überkreuzten Armen nach rechts und links trippeln, der sterbende Schwan. Manchmal am Rande des Kitsches, manchmal über den Rand hinaus. Manchmal Ballett in seiner perfektesten Form, das sogar diejenigen überzeugt, die Ballett nicht mögen, eigentlich. Es ist ein Risiko, das zu tanzen, denn man sieht alle Fehler sofort, das sagt Vladimir Malakhov.

Es gibt Leute, die sagen, man kann Ballett nicht verstehen, ohne "Schwanensee" gesehen zu haben.

Dass "Schwanensee" ein Erfolg würde, war längst nicht von Anfang an klar. Ganz im Gegenteil. 1877 tanzten die Schwäne zum ersten Mal im berühmten Moskauer Bolschoi Theater, aber die Uraufführung, war ein grandioser Misserfolg. Auch für den Komponisten, obwohl es bestimmt nicht an seiner Musik lag. Es gibt dafür einige Erklärungen, sie verweisen auf die schlechten Choreographien, freche Eingriffe in die Musik und eitle Tänzer, die auf Soloeinlagen bestanden.

Der Durchbruch kam erst 1894, ein Jahr nach Tschaikowskys Tod, mit einer neuen Choreographie. Sie liegt den meisten Inszenierungen bis heute zugrunde. Auch der aktuellen des Staatsballetts, von dem französischen Choreographen Patrice Bart. Er hat einige Figuren gestärkt, die Königin auf die Spitzen gestellt, zum Beispiel. Die Tänzer lieben seine Inszenierung, obwohl die meisten von ihnen mehr zu tun haben, darin. Es geht, sagt die Solotänzerin Nadja Saidakova, nicht um dieses: weißer Schwan - schwarzer Schwan. Die Geschichte sei viel mehr.

Die Geschichte von Prinz Siegfried und Odette

Sie geht, zur Erinnerung, ungefähr, so: Der Prinz Siegfried ist eben dabei, volljährig zu werden, da befindet seine Mutter: der richtige Zeitpunkt für eine Heirat. Der Prinz sagt ja, ist aber nicht begeistert, und trifft in derart trüber Stimmung zum ersten Mal auf die Schwäne.

Er verliebt sich in einen Schwan, der tatsächlich ein verzaubertes Mädchen ist - Odette. Der Zauber hängt so lange über ihr, bis ihr jemand ewige Treue schwört. Der Prinz ist dazu durchaus bereit. Er wird allerdings vor eine harte Probe gestellt, bereits am nächsten Abend. Zu seinem Geburtstagsfest hat die Mutter heiratsbereite Damen eingeladen. Es kommt zu einer fatalen Begegnung: Baron Rotbart - bei dieser Inszenierung Premierminister - bringt Odile mit, in der der Prinz sein Schwanenmädchen zu erkennen glaubt. Ein abgekartetes Spiel, natürlich. Aber der Prinz durchschaut es nicht und hält um ihre Hand an.

Eine Geschichte braucht ein Ende, "Schwanensee" hat gleich mehrere: ein glückliches, und ein unglückliches, mit variablen Toten. Je nachdem. Wie es hier ausgeht? Bereiten Sie sich auf das Schlimmste vor. Und auf das Schönste.

"Schwanensee" in der Deutschen Oper Berlin, Bismarckstraße. Termine: 4. November 2009, 19.30 Uhr; 13., 21., 27. und 30. November 2009, 3. Dezember 2009, 22. und 28. Januar 2010, 17. und 19. Februar 2010

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