31.10.09

Deutsches Theater

Thalheimer entbrechtet Stück um Knecht Matti

Gutsbesitzer Puntila ist ein Despot. Menschlich ist er nur, wenn er betrunken ist. Das ist er oft, und natürlich leiden seine Tochter und sein Knecht Matti unter den Gefühlsschwankungen. Michael Thalheimer hat Bertolt Brechts Volksstück inszeniert. Doch lässt er davon im Deutschen Theater nicht viel übrig.

Von Peter Hans Göpfert

Michael Thalheimer liebt die musikalische Überwältigung. Hier stürzt ein Straussches Tosen und Wogen in die Szene. Minutenlang wird kein Wort gesprochen. Sogar die Notbeleuchtung im Saal ist ausgeschaltet. Stumm steht vornan ein einzelner Mensch. Puntila, sagt Thalheimer, ist zunächst und vor allem ein einsames Individuum.

Es war in diesem Haus, auf dieser Bühne des Deutschen Theaters, wo das Berliner Ensemble vor genau 60 Jahren, im November 1949, seine legendäre Eröffnungspremiere mit "Herr Puntila und sein Knecht Matti" erlebte. Bertolt Brecht selbst inszenierte mit Erich Engel. Unter den Zuschauern waren Otto Grotewohl und zahlreiche Regierungsmitglieder.

Brechts Schlussmoral des im Exil, in Finnland, geschriebenen Stücks ließ keinen Zweifel: der Knecht macht sich auf den Weg – er sagt, es werde Zeit, dass die Knechte den Herren den Rücken kehren und ihre eigenen Herren werden. Der Großbauer Puntila wird, wenn er sturzbesoffen ist, zum sozial denkenden Menschen, geradezu zum Edelkommunisten. Wehe aber, wenn er seine Anfälle von Quartalsnüchternheit hat; dann lässt er den brutalen Ausbeuter heraus. Sollte sagen: Einen humanen Kapitalismus gibt es nicht.

Knecht Matti hat nicht mehr viel zu melden

Bei Thalheimer ist alles anders. Soziale Thematik? Erledigt. "Volksstück"?. Mitnichten. Kein Prolog mehr, in dem der Typus Puntila als "vorzeitliches Tier" angekündigt wurde. Die Strophen des von Paul Dessau komponierten "Puntilaliedes": gestrichen! Thalheimer entbrechtet das Stück. Und wo alle Sozialkritik futsch ist, hat auch der Knecht Matti (Andreas Döhler) nicht mehr viel zu melden. Er darf kein proletarischer, geschweige überlegener Widerpart sein. Brecht fand den "Klassenantagonismus" ausdrücklich "entscheidend".

Die Aufführung kennt keine Folklore. Sie siedelt auch nicht in Landschaft, sondern in metallischer Abstraktion vor hohen, kalten Wänden. Keine Aquavitflasche, kein Schnapsglas weit und breit. Dafür steht Puntila gelegentlich unter einem duschartigen Sturzbach.

Suff und Ernüchterung sind hier keine konträren Elemente mehr, sondern zwei Seiten derselben Medaille. Hier kämpft der Einzelne darum, ein Mensch zu sein. Dieser Puntila ist ein Baal! Er wirft sich seinem Knecht an den Hals, als wollte er dessen Liebe erflehen. Mit drei Bräuten will er sich auf einmal verloben.

Mancher hat mit dieser Aufführung, die das Deutsche Theater vom Hamburger Thalia Theater übernimmt, seine Probleme. Im Parkett spürt man einen Luftzug – der rührt vom Kopfschütteln der Brecht-Spezis. Dabei hat die Inszenierung durchaus lustige Momente, vor allem dank Katrin Wichmann, die Puntilas Tochter ein helles ironisches Leuchten und auch eine eigene Tragik gibt.

Inszenierung wird außergewöhnlich durch den Hauptdarsteller

Versteht sich, dass in all dem Purismus kein Platz für jenen phantastischen, aus Standuhr, Gewehrschrank und sonstigem Sperrmüll aufgerichteten Hatelmaberg ist. Auf einem Stuhl sitzend beschreibt Puntila die Natur, die man von dort oben erblicken würde. Reinste poetische Huldigung an die gesegnete Landschaft, ein Sehnsuchtsgedicht ohne jeden karikierend nationalistischen Unterton. Das Mantra, Michael Thalheimers Entschlackungs-Methode lege den eigentlichen Kern der Stücke frei, erweist sich hier als falsch. Er macht aus dem Stück etwas eigenes, völlig anderes.

Thalheimers Inszenierung wird legitimiert, sie wird - außergewöhnlich durch den Hauptdarsteller. Norman Hacker, als Gast am Deutschen Theater, spielt den Berserker Puntila wie in höchster Nervosität und Erregung. Er scheint den Kopf aufzublasen, dass die Augen hervorquellen. Er presst die Sprache mit Hochdruck. Die Rolle, die sonst den großen Komikern gehört, entsteht hier in äußerster Expressivität. Es ist der Einzelne, der um sein Menschsein, die Lust am Leben jenseits der Konvention ringt und daran zugrunde geht. Der Regisseur geht so weit, dass Matti seinem Herrn am Ende die Augen zudrückt.

"Herr Puntila und sein Knecht Matti" im Deutschen Theater, Schumannstraße 13a in Berlin-Mitte. Kartentelefon: (030)284 41 225. Termine: 4., 13., 19.November.

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