30.10.09

Berliner Ensemble

Schiller wird zum possierlichen Puppen-Geschubse

Der Termin war gut gewählt. Am Tag, als die neuen Minister der schwarz-gelben Bundesregierung ihre Amtsgeschäfte übernahmen, feierte das Berliner Ensemble Premiere von Schillers "Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen". Ein Stück über Heuchler, Intriganten und Emporkömmlinge.

Von Peter Hans Göpfert
Foto: dpa
"Der Parasit oder die Kunst sein Glück zu machen"
Die Schauspieler sind im BE, mit kurzen Beinchen und Armen, halb Mensch, halb Puppe

Dieses Stück scheint für den Tag bestimmt: Ein Minister ist gerade neu im Amt. Um ihn herum tobt der Kampf um die Posten. Der schlimmste der Subalternen im Amt heißt Selicour. Ein Heuchler und Intrigant erster Güte. Er will sich die Karriere erschleichen und gleich auch noch die Tochter des Ministers schnappen. Der Mann macht sich Feinde, aber nicht alle sagen ihre Meinung frei heraus. Einer der Angestellten ist ein Opfer Selicours und sinnt auf Rache. Ein anderer lässt als braver hochbegabter Ministerialbeamter seine Talente lieber bescheiden im Stillen wirken. Sein Sohn ist der eigentliche Favorit für das Herz des Ministertöchterchens.

Der Parasit schmückt sich vor seinem Dienstherrn mit fremdem Federn. Mal gibt er die Reformexpertise eines Kollegen als die eigene aus. Mal macht er mit den kunstvollen Versen eines anderen vor des Ministers dominanter Mutti einigen Eindruck. Die Dame wird immerhin momentweise hellhörig, als ein rustikaler Vetter des Heuchlers in der Metropole aufkreuzt. Der berichtet nämlich, dass Selicour privat ein Schwein sei und die eigene Mama am Existenzminimum darben lasse.

Erst am Ende wird der Typ blamiert und entlarvt

Hilft aber erst mal gar nichts. Alle Versuche, den Minister über die wahre Natur dieses kapitalen Früchtchens aufzuklären, schlagen fehl. Erst am Ende wird der Typ blamiert und entlarvt. Der schöne Schlusssatz (hier leider in einem Revue-Finale beinahe ertrinkend) lautet: "die kriechende Mittelmäßigkeit kommt weiter als das geflügelte Talent, der Schein regiert die Welt, und die Gerechtigkeit ist nur auf der Bühne". Ein Satz, der dem Moralisten Friedrich Schiller aus dem Herzen spricht.

Schiller, bekanntermaßen kein ausgesprochener Komödien-Dichter, folgte dem Wunsch des Weimarer Herzogs, französische Komödien an seinem Hoftheater zu sehen. Er übersetzte und bearbeitete zwei Stücke des Pariser Schauspielers und Académie-Mitglieds, Theater- und Operndirektors Louis-Benoît Picard, neben "Der Neffe als Onkel" das Lustspiel "Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen", dessen Alexandriner-Verse er in flüssige Prosa-Konversation übertrug. Das Stück wirkt wie eine Mischung aus Schiller und Molière, "Kabale und Liebe" und "Tartuffe".

Philip Tiedemann, der die Komödie jetzt pünktlich zum 250. Geburtstag Schillers inszeniert, interessiert sich weniger für das raffinierte Intrigen-Spiel und die verschiedenfarbigen Charaktere. Er versteht konsequent sämtliche Rollen des Staats- und Familiengetriebes als - Puppen. Damit aber nicht genug. Tatsächlich hat ihm Etienne Pluss ein richtiges Puppen-Theater gebaut: eine steile pyramidenartige Treppenbühne, in deren Stufen Klappen eingelassen sind. Daraus tauchen die Darsteller auf wie Kasperle und der Teufel.

Das Spielkonzept funktioniert wie geschmiert

Die Schauspieler sind, mit kurzen Beinchen und Armen, halb Mensch, halb Puppe. Wenn sie sich am Kopf kratzen oder eine Akte umblättern, liefert ein fleißiger Musikus dazu ein illustratives Getute, Getrommel oder Georgel. Das Spielkonzept funktioniert wie geschmiert. Man staunt, wie die Spieler ihre Puppen-Identität handhaben und nie aus dem falschen Deckel aufkreuzen. Aber der Spaß bleibt ohne eigentlichen Sinn und tieferen Verstand. Das putzig perfekte Kunstgewerbe regiert die Szene.

Bei all der Niedlichkeit wird nun auch noch der Parasit Selicour für allerlei ulkige Mätzchen versiebenfacht. Es herrscht die reine Schauspieler-Verschwendung. Dabei kann Thomas Wittmann, der Haupt-Darsteller der multiplizierten Intriganten-Figur, mit seinen maskenhaft mimischen Verrenkungen nicht ersetzen, was die Rolle für einen traditionellen Spieler hergäbe. Picards Lustspiel schien schließlich dem Bearbeiter Schiller "zu einem theatralischen Effekt sehr geeignet zu sein, da es zwei sehr bedeutende Rollen und einige gut berechnete Theatercoups enthält".

Überhaupt lässt die Regie bei all dem possierlichen Puppen-Theater-Geschubse den Spielern nur wenig charakterliche Farbe. Wir wollen immerhin den mobilen Dejan Bu?in nennen, der den pfiffigen Verliebten spielt, und Axel Werner in der Rolle der Minister-Mutti. Eine imposante Erscheinung, mit einer Frisur, die wie ein Baiser vom Konditor aussieht.

"Der Parasit oder Die Kunst sein Glück zu machen" im Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1. Kartentelefon: (030)284 08 155. Termine: 31.10.; 10., 15., 27.11.

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