30.08.13

Berlin-Auftritt

Polina Semionova - Eine Blume für die Kameliendame

In Berlin ist sie ein Star: Nach ihrem Abschied beim Staatsballett tritt Primaballerina Polina Semionova wieder hier auf, aber vorerst nur im Botanischen Garten. Dort wird am Freitag nach ihr eine Zierpflanze benannt. Ein Treffen.

Von Franziska Birnbach
Foto: Glanze

Schöne Patin: Im Botanischen Garten wird eine neue Zierpflanze nach der Tänzerin Polina Semionova benannt
Schöne Patin: Im Botanischen Garten wird eine neue Zierpflanze nach der Tänzerin Polina Semionova benannt

Leichte Sommerbräune, dunkler Seiden-Overall, die langen braunen Haare liegen glatt über den nackten Schultern. Auf den ersten Blick sieht Polina Semionova aus wie das nette, hübsche Mädchen von Nebenan. Ein Blick in ihre schwarzen Reh-Augen verändert alles. Mit einem Mal ist da diese besondere Aura – die Aura einer auf der ganzen Welt verehrten Primaballerina. Unerschütterliche Stärke, gepaart mit entwaffnender Anmut und Schönheit. In Berlin wurde es im letzten Jahr ruhig um die einstige "Babyballerina".

Nach einem Zerwürfnis mit Vladimir Malakhov, ihrem einstigen Förderer und Noch-Intendanten des Berliner Staatsballetts, verließ sie das Ensemble nach der Spielzeit 2011/2012 vor dem regulären Vertragsende. Nach rund zehn Jahren beim Staatsballett war es Zeit für sie, einen neuen Weg einzuschlagen. Verlassen hat sie Berlin nicht. Es sei weiterhin ihr Zuhause. Die Stadt, in der sie sich als 17-Jährige zu Beginn ihrer internationalen Solo-Karriere oft einsam fühlte. Sie scheint angekommen.

Mit ihrem Mann, Mehmet Yümak, der ebenfalls Balletttänzer ist, lebt sie in Charlottenburg. Nun tritt sie das erste Mal seit ihrem Abgang wieder in die Berliner Öffentlichkeit. Heute wird im Botanischen Garten eine außergewöhnliche neue Zierpflanze nach ihr benannt und unter ihrer Anwesenheit auf den Namen "Polina S." getauft. Für die 28-Jährige eine besondere Ehre, wie sie sagt. Man nimmt es ihr ab.

Ausbildung war finanzielle Herausforderung

Überhaupt scheint ihr jegliche Arroganz fernzuliegen. Ihre Augen beginnen zu leuchten als sie davon spricht, wie sehr es sie bewegt, wenn sie Menschen, die sich eigentlich gar nicht für Ballett interessieren, für ihre Kunst begeistern kann. Bei dem von Intrigen und Konkurrenzkämpfen geprägten Ballett-Metier, ist man von Ihrer Liebenswürdigkeit nahezu überrascht. Doch sie ist eben nicht nur lieb. Ohne eine enorme Energie und Durchsetzungskraft hätte sie es nicht so weit geschafft. Von ihren Eltern unterstützt, absolvierten sie und ihr Bruder Dmitry die harte russische Ballettschule. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen hatte die Ausbildung der Kinder zwar Priorität, war jedoch eine finanzielle Herausforderung.

Etwas, das sie von den vielen Kindern aus gut betuchten Moskauer Familien am Bolschoi-Institut unterschied – und immer wieder zu Nachteilen führte. Teure Privat-Stunden, die sich diese Kinder heimlich neben dem regulären Unterricht nahmen, waren für sie unerschwinglich.

Zunächst war es auch nicht Polina, sondern ihr Bruder Dmitry der im Vordergrund stand. Schon als kleiner Junge sahen seine Lehrer ein großes Talent in ihm. Auch er tanzte im Ensemble des Berliner Staatsballetts – bis ihn Malakhov zur neuen Spielzeit ebenfalls entließ. Mit Dima, wie sie ihren Bruder nennt, pflegt sie eine innige Beziehung.

Zwischen die beiden passt kein Blatt

Ob es nicht manchmal zu Konkurrenzkämpfen mit ihm käme? Polina prustet los, eine völlig absurde Vorstellung für sie. Zwischen die beiden passt kein Blatt. Während ihr Bruder zu Beginn einen Erfolg nach dem anderen einheimste, tanzte Polina zunächst in den hinteren Reihen. Erst mit viel Arbeit und Willensstärke konnte sie ihre Lehrer am Moskauer Bolschoi-Institut überzeugen. Das alles hat Polina längst hinter sich gelassen. Beweisen muss sie niemandem mehr etwas.

Seit September 2012 ist sie erste Solotänzerin am "American Ballett Theatre" in New York, dem wohl renommiertesten Ensemble weltweit. Daneben hatte sie Gastauftritte an der Scala in Mailand, am Bayrischen Staatstheater in München, der Dresdner Semperoper und dem Mikhailovsky Theatre in St. Petersburg.

Mit 28 Jahren hat sie bereits alles erreicht, was sie wollte. Reizen würde sie noch ein Auftritt in der Royal Opera in London oder dem Pariser Opernhaus. In beiden ist sie bisher noch nicht aufgetreten. Wenn nicht, wäre es aber für sie auch nicht so tragisch. Sie wirkt sehr mit sich selbst im Reinen, als sie das sagt.

Als Stück würde sie noch gerne die "Kameliendame" von John Neumeier tanzen. Ansonsten hat sie so ziemlich alle großen Rollen getanzt. Die Odette und Odile in "Schwanensee", die Giselle, die Julia. Einem anderen Publikum wurde sie zudem durch den Auftritt in dem Video "Demo – Letzter Tag" von Herbert Grönemeyer bekannt. Ob es ihr nicht manchmal schwer falle, die von ihr geforderte Disziplin aufrecht zu erhalten?

Sie winkt ab – wenn man kein anderes Leben kenne, würden einem auch keine Entbehrungen auffallen. Die vorhersehbare Standard-Erklärung eines Profis. Schmerzen müsse sie immer noch aushalten. Eigentlich würde es mit dem Alter eher schlimmer. Aber sie ist froh, durch die harte russische Schule gegangen zu sein. Die beste Voraussetzung für das harte Leben, das einem Ballett-Profi bevorsteht.

Zur Entspannung Blumen gießen

Als sie nach ihrer Lieblingsentspannung in Berlin gefragt wird, ist die Antwort so banal wie nachvollziehbar. Ein bisschen kochen zu Hause, die Blumen auf dem Balkon gießen – das kleine Entspannungs-Einmaleins beherrscht sie scheinbar perfekt. Wenn man ihren zierlichen Körper betrachtet, fällt es schwer zu glauben, dass sie tatsächlich isst. Doch sie beteuert, zu denjenigen zu gehören, die einfach alles Essen können. Ob Burger oder Steak – hängen bleibe nichts. Ein Gewichtsproblem wie andere Tänzerinnen hatte sie nie.

Zur Causa Malakhov möchte Paulina sich nicht äußern. Man sage sich "Hallo", wenn man sich über den Weg laufe. Darüber hinaus gäbe es keinen Kontakt. Diplomatischer kann man ein vollständig abgekühltes Verhältnis wohl kaum beschreiben. Malakhov steht seit längerem in der Kritik, als Tänzer beim Staatsballett nicht den richtigen Absprung geschafft zu haben. Noch immer ziehe er die Solo-Rollen der jungen Prinzen an sich, auch wenn er, Jahrgang 1968, diese nicht mehr glaubwürdig verkörpern könne.

Sein Vertrag läuft im Sommer 2014 aus. Zur Spielzeit 2014/2015 übernimmt der Spanier Nacho Duato die Intendanz des Berliner Staatsballetts. Für Polina ist das kommende Jahr bereits fest verplant. Sie wird weiterhin fest am "ABT" in New York tanzen und daneben verschiedene Gastspiele haben.

Darunter auch in Sankt Petersburg unter der Choreographie von Nachu Duato. Eine Zusammenarbeit mit dem zukünftigen Berliner Intendanten weckt natürlich Hoffnungen auf eine Rückkehr der Primaballerina auf die Berliner Bühne. Konkrete Gespräche habe sie bis jetzt noch nicht geführt. Ihrem riesigen Fan-Publikum täte sie damit eine große Freude.

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