Berlin-Mitte

Neubau macht Kulturforum zur zweiten Museumsinsel

Foto: Maurizio Gambarini / dpa

Zunächst wollte man auf die Museumsinsel. Doch nun ist klar: Die Neue Nationalgalerie wird um ein neues Haus für die Kunst des 20. Jahrhunderts am Kulturforum erweitert.

Eigentlich passt der rote Ferrari auf dem Parkplatz der Stiftung gut zum Ambiente: Hochherrschaftlich die Villa von der Heydt, der Sitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz der Preußenstiftung. Vier Herren, alle im Anzug, drei mit Krawatte, und eine Dame sitzen auf dem Podium. Dahinter hängt ein Bild des Eisernen Kanzlers, der Raum wird von drei Kronleuchtern erhellt. An die 100 Menschen sind im Saal, darunter viele Journalisten, aber auch Mitarbeiter von Bundestagsabgeordneten. Die Raumtemperatur steigt schnell.

Alle warten gespannt auf die Auswertung der Studie, auf die Schlussfolgerungen, denn das wesentliche Ergebnis, ein neues Museum für die Kunst des 20. Jahrhunderts gegenüber der neuen Nationalgalerie, hatte Kulturstaatsminister Bernd Neumann (CDU) schon einen Tag vorher publik gemacht. Möglicherweise eine kleine Retourkutsche für den Ärger, den ihn sein gut gemeintes Engagement für die Interessen der Preußenstiftung ein Jahr zuvor eingebracht hat.

Neumann hatte sich darum gekümmert, dass der Haushaltsausschuss des Bundestages der Stiftung zehn Millionen Euro bewilligt, damit die mit den Planungen für den Neubau der Gemäldegalerie auf der Museumsinsel beginnen konnte. Dann aber kam es zu einer sehr heftigen kulturpolitischen Diskussion, die Gegner des Umzugs befürchteten, dass die Alten Meister jahrelang im Depot verschwinden könnten – und Neumann stand in der Debatte reichlich ahnungslos da. So etwas vergisst ein Kulturstaatsminister nicht.

Die kleine Variante

Jetzt kommt es also zu einem 130 Millionen Euro teuren Neubau für die Kunst des 20. Jahrhunderts (einschließlich Werke der Sammlung Pietzsch) gegenüber der neuen Nationalgalerie auf dem Areal des Kulturforums. Das ist die kleine Variante. Ein Wort, das auf dem Podium tunlichst vermieden wird. Hermann Parzinger, der Präsident der Preußenstiftung, redet lieber von der "Lösung eines unserer drängendsten Probleme". Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, spricht von einem "Glücksfall für die Sammlung der Nationalgalerie" und Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie, der "besten Lösung für die Kunst des 20. Jahrhunderts".

Nur Bernd Lindemann tritt auf die Euphoriebremse. Der Direktor der Gemäldegalerie "bedauert es zutiefst", dass der Umzug seiner Sammlung auf die Museumsinsel "nicht zu Stande kommt". Er, der gewissermaßen der Verlierer in diesem Museumspokerspiel ist, wird später trotzig sagen, dass er schon in den 90er Jahren innerhalb der Stiftung darauf hingewiesen hatte, dass angesichts der Wiedervereinigung der alte Masterplan nicht einfach fortgeschrieben werden könne. Er habe sich aber damals mit seiner Forderung nicht durchsetzen können.

West-Berlins zweite Museumsinsel

Deshalb bekamen die Alten Meister, also die Bilder aus dem 13. bis 18. Jahrhundert, 1998 mit der Gemäldegalerie ein eigenes Haus, allerdings nicht auf der Museumsinsel, wo Lindemann hin wollte und will, sondern auf dem Areal des Kulturforums. Dort führt die Gemäldegalerie eher ein Schattendasein. Das Kulturforum, abschätzig als Edelbrache bezeichnet, gehört zu den ungelösten Problemfällen der West-Berliner Stadtentwicklungspolitik. Dort, zwischen Philharmonie und Neuer Nationalgalerie, sollte im Schatten der Mauer so etwas wie die zweite Museumsinsel entstehen. Mit dem geplanten Neubau kommt man diesem Ziel ein Stück näher. Mies van der Rohe und Hans Scharoun sind die beiden stilprägenden Architekten dieses Gebiets, das nie vollendet wurde, aber über das seit Jahrzehnten diskutiert wird. Das Aufstellen von Skulpturen auf der Freifläche an der Potsdamer Straße und die Beseitigung einer Würstchenbude wurde da schon als städtebaulicher Befreiungsschlag gewertet.

Berlin ist jetzt gefordert

Berlin hatte bei der Weiterentwicklung des Areals auf die Preußenstiftung gehofft, die liefert jetzt und spielt den Ball an die Stadt zurück. Hermann Parzinger sagte am Mittwoch bei der Präsentation der neuen Pläne: "Wir schaffen Platz für die großartige Vielfalt der Kunst des 20. Jahrhunderts. Gleichzeitig bedeutet dies eine riesige Chance für das Kulturforum. Die Sammlungen im Zusammenspiel mit der Architektur Mies van der Rohes und Hans Scharouns lassen ein Kompendium der Moderne entstehen."

Mit gemischten Gefühlen reagierte Senatsbaudirektorin Regula Lüscher auf den Vorstoß der Stiftung. "Das Museum ist eine Riesenchance für das Kulturforum", sagte sie. Allerdings hätte sie sich einen anderen Standort gewünscht. "Aus städtebaulicher Sicht wäre ein Museum an der Potsdamer Straße, zwischen Neuer Nationalgalerie und Philharmonie wünschenswert gewesen", sagte sie. So blieben die städtebaulichen Schwächen des Kulturforums bestehen. Lüscher hatte vor drei Jahren ein Konzept für eine "Zwischennutzung" für das Areal zwischen Neuer Nationalgalerie und Potsdamer Platz vorgestellt. Bis 2012 sollte demnach eine Grünanlage mit Bäumen entstehen und an der Potsdamer Straße ein Info-Pavillon mit Café, um der Ödnis am Kulturforum zumindest etwas entgegenzusetzen. Doch die dafür erforderlichen vier Millionen Euro sind noch immer nicht bereit gestellt. "Unser Antrag auf EU-Fördermittel wurde noch immer nicht beschieden", sagte Lüscher.

Es braucht neue Ideen

Für die Lösung des Problems Kulturforum muss die Stadt sicher andere Ideen entwickeln. Das sehen auch Architekten so. Während Eike Becker die Museumspläne der Preußenstiftung als "sehr kleinen Schritt bezeichnet", weil "so viel mehr gewollt, diskutiert und versprochen worden" war, begrüßt Tobias Nöfer "jede Investitionsentscheidung am Kulturforum, wenn sie Anlass ist, die städtebauliche Misere aufzulösen, in der sich der gesamte Bereich seit Jahren befindet. Die verschiedenen Versuche, über landschaftsplanerische Maßnahmen Verbesserungen herbeizuführen, sind allesamt gescheitert.

Für das Kulturforum ist durch die Entscheidung der Preußenstiftung, hier einen Neubau zu errichten, die Chance zur Renaissance gekommen. Diese Gelegenheit muss von der Stadt ergriffen werden, um das Kulturforum neu zu ordnen", sagte Nöfer gegenüber der Morgenpost.

Insgesamt vier Varianten zur Standortplanung hatte die Preußenstiftung vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung durchrechnen lassen, der Bericht umfasst 800 Seiten, wie Bundesamts-Präsidentin Rita Ruoff-Breuer, die einzige Frau auf dem Podium, betonte. Auf der Homepage der Stiftung kann man sich den Bericht herunterladen. Sie vergaß nicht darauf hinzuweisen, dass der Berechnung der Baukosten-Index aus dem IV. Quartal 2012 zu Grunde liegt. Sie will damit sagen, dass es Kostensteigerungen geben wird. Nach Parzingers Plan soll das Projekt 2024 abgeschlossen sein.

Wunderbare Lösung

Auf Grundlage der Berechnungen habe man sich für den deutlich günstigeren Neubau entschieden, sagte Stiftungspräsident Parzinger. "Ich finde, dass das eine wunderbare Lösung ist – eine großartige Weiterentwicklung der Berliner Museumslandschaft." Die Alternative, die Bebauung der Museumshöfe gegenüber der Museumsinsel, hätte mit mit 375 Millionen Euro mehr als doppelt so viel gekostet, das ist aus Sicht von Parzinger momentan politisch nicht durchsetzbar. Das Projekt ist aber nicht vom Tisch. Der Präsident geht fest davon aus, dass "die Museumshöfe irgendwann mal bebaut werden". Vielleicht in 20 oder 30 Jahren, wenn andere Bauprojekte abgeschlossen sind. Kulturstaatsminister Neumann begrüßte das Konzept für den 130-Millionen-Neubau auf dem Kulturforum.

Im Dezember sollen die Pläne dem Stiftungsrat vorgelegt werden, danach muss der Haushaltsausschuss des Bundestages entscheiden, ob er die Mittel freigibt. Die neuen Pläne waren durch eine Schenkung des Berliner Sammlerpaares Pietzsch angestoßen worden. Das Ehepaar hatte Berlin seine wertvolle Surrealistensammlung zugesagt – vorausgesetzt, sie werde angemessen präsentiert. Das soll nun zusammen mit den Beständen der Neuen Nationalgalerie und ausgewählten Werken aus dem Hamburger Bahnhof in dem neuen "Museum des 20. Jahrhunderts" geschehen. Mitarbeit: Isabell Jürgens

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