18.10.09

Das Goldene Vließ

Bösch banalisiert Grillparzer im Deutschen Theater

Meda kämpft, jammert und zetert - und hängt zwischendurch die Wäsche auf. So inszeniert David Bösch es am Deutschen Theater. "Das Goldene Vließ" von Franz Grillparzer wird so ausgedünnt zum Ehe- und Scheidungsdrama.

Von Peter Hans Göpfert
Foto: picture-alliance/ ZB/dpa-Zentralbild
"Das Goldene Vließ" am Deutschen Theater Berlin
An der Medea von Katrin Wichmann ist nicht von einer Zauberin a.D.

Hat Medea nun ihre beiden kleinen Söhne, als sie im Schlafanzug zum Gutenachtsagen kamen, getötet, oder hat Mama die Kinder im Zelt nur schlafen gelegt - ein Problem, das manchen Zuschauer nach gut anderthalb Stunden im Deutschen Theater hörbar bewegte. Denn länger braucht David Bösch nicht, um Franz Grillparzers nur noch seltenst aufgeführte Dramentrilogie "Das Goldene Vließ" abzuarbeiten.

Die beiden ersten Teile "Der Gastfreund" und "Die Argonauten" - gestrichen! Bösch zeigt nur noch die "Medea"-Tragödie und lässt einen Sänger mit E-Gitarre die Vorgeschichte in Art einer Rockballade abhandeln. Zombie-Pointe: dieser singende Knabe soll Medeas toter Bruder Absyrtos sein: in der Mythologie hat ihn seine Schwester zerstückelt und ins Meer geworfen; bei Grillparzer springt er am Ende des "Argonauten"-Teils von einer Klippe ins Meer.

Die mit Papierfetzen eingestreuselte Bühne (Patrick Bannwart), im Schummerlicht herabhängender Leuchtbirnen, zeigt ein Sperrmülllager. Man erkennt alles mögliche Gerümpel, Gartenstühle, ein Kinderbett, eine Badewanne, ein Klo und sogar ein paar Bambis. Dieses Tsunami-Klischeebild signalisiert nicht mehr und nicht weniger als Zerstörung und Kaputtheit.

Denn Böschs Inszenierung spielt nicht das Humanitätsdrama, an dessen Ende Medea noch mit dem Vließ nach Delphi aufbrechen würde, um sich im Apollon-Heiligtum dem Gericht der Priester zu stellen. Auch das Unverständnis gegenüber der "barbarischen" Ausländerin, die Rolle der Frau, die als "Fremde" von den vermeintlich hochkultivierten Griechen ausgegrenzt und verstoßen wird, sind hier kein Thema. Bösch reduziert, nicht mehr originell, das Stück auf ein modernes Ehe- und Scheidungsdrama.

Kreon, der Herrscher in Korinth, der seine Tochter Kreusa, (ein läppisches Girlie: Claudia Eisinger) an den Mann bringen will, ist hier ein autoritärer, donnernder, auch listig taktierender Macht- und Businessmensch (Sven Lehmann). Die die Asylsucher Jason und Medea tragen keine Spuren mehr ihrer Vergangenheit. Alexander Khuon (der Sohn des Intendanten wird im Programmheft als "Star" bezeichnet) gibt einen allzeit mürrisch und resignativ verquält blickenden Jason. Der einstmalige Helden-Lack ist ab. Er mogelt sich aus seiner Ehe und passt sich opportunistisch dem neuen mächtigen Schwiegervater und dessen Forderungen an. Er will nach jahrelangen Reisen seine Ruhe und in Griechenland bleiben. Aber bitte mit dem Sorgerecht für die Kinder! Der Wechsel von der Cargo- zur Anzughose soll schon alles sagen.

Die Hauptlast bei der Trennung trägt, auch darstellerisch, Medea. An der alltäglichen Erscheinung der Figur (Katrin Wichmann) ist nichts von einer Zauberin a.D. Sie kämpft zeternd, stampfend, jammernd, flennend um ihren Mann, der sich schlechten Gewissens noch einmal für ein paar Momente tröstend an die Gefährtin hängt. Medea wird hier nicht zur "unmenschlichen" Rächerin aus einer fremden Kultur; die allzu menschliche verzweifelt am Verlust ihrer Kinder - und hängt zwischendurch die Wäsche auf.

Vom Mythos und von Grillparzers Psychologie bleibt hier nur - ein Fragment. Grillparzers dramatische Dichtung wird ausgedünnt, verengt und zeitgeistig banalisiert. Mit dieser Anpassung an das Ehe- und Scheidungs-Motiv steht der Regisseur seinem Jason näher als der gedemütigten Frau.

Deutsches Theater, Schumannstraße 13a in Mitte. Kartentelefon: (030) 284 41 225. Termine: 23., 24. und 28. Oktober.

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