08.08.13

Paulina García

Die Frau, die wir auf der Berlinale alle lieben lernten

Im Februar hat die Chilenin Paulina García für "Gloria" einen Silbernen Bären bekommen. Völlig zurecht. Jetzt kommt der Film in unsere Kinos. Ein Gespräch über ihre Paraderolle.

Von Thomas Abeltshauser
Foto: Alamode

Durchbruch mit 52 Jahren: Bis vor kurzem kannte Paulina Garcia (hier im Film „Gloria“ ) außerhalb von Chile niemand. Das hat sich seit der Berlinale schlagartig geändert.
Durchbruch mit 52 Jahren: Bis vor kurzem kannte Paulina Garcia (hier im Film "Gloria" ) außerhalb von Chile niemand. Das hat sich seit der Berlinale schlagartig geändert.

Ein Frau zum Verlieben: Auf der Berlinale hat die chilenische Schauspielerin Paulina García als alleinstehende, lebenslustige Endfünfzigern in "Gloria" alle Herzen im Sturm erobert. Am Ende wurde sie dafür mit dem Silbernen Bären als beste Darstellerin ausgezeichnet. Heute kommt die mitreißende Tragikomödie ins Kino. Mit der Schauspielerin hat Thomas Abeltshauser gesprochen.

Berliner Morgenpost: Frau García, noch einmal herzlichen Glückwunsch zu Ihrem Silbernen Bären.

Paulina García: Danke. Ich fand ja schon die Premiere im Berlinale-Palast so toll. Es kamen ganz viele Menschen auf mich zu und haben mir gesagt, wie sehr sie den Film und diese Gloria lieben. Das war sehr bewegend.

Wie viel Gloria steckt denn in Ihnen?

Ich kann Ihnen jetzt keine Prozentzahl nennen, aber eine ganze Menge! Ich gehe beim Schauspiel immer erst von mir selbst aus. Anstatt etwas zu repräsentieren, versuche ich bestimmte Aspekte meiner eigenen Persönlichkeit zu öffnen. Ich muss mich einer Figur verbunden fühlen, im Einklang mit ihr sein. Die Emotionen müssen ehrlich sein, nur so kann ich sie in all ihren Facetten und auch Widersprüchlichkeiten zum Leben erwecken. Nur so wird aus einer Figur auf einem Blatt Papier ein komplexer Charakter aus Fleisch und Blut.

Wie haben Sie sich konkret in diese Frau hineinversetzt?

Ich liebe es, in Rollen zu schlüpfen, mir andere Identitäten anzueignen. In diesem Fall halfen mir die sehr präzisen Vorstellungen, die Regisseur Sebastián Lelio von dieser Gloria hatte. Sie steht für eine bestimmte Frauengeneration und entspricht ein wenig seiner eigenen Mutter, wie er sagt. Ich war von Anfang an involviert, als es noch gar kein Drehbuch gab. Er hat mich Schritt für Schritt ganz behutsam an diese Figur herangeführt. Wir haben sie zusammen entwickelt, es war ein sehr fließender Prozess von Gesprächen über Proben bis zum eigentlichen Dreh. Ich habe mich mitreißen lassen, wie bei einem Tsunami, ohne Zeit zu haben, darüber nachzudenken. Und plötzlich war der Film auch schon fertig und Gloria zum Leben erweckt.

Würden Sie sagen, dass Frauen ab einem gewissen Alter ihre Freiheit genießen, weil sie die Männer nicht mehr so brauchen?

Oh, ich brauche sie! Ich liebe sie sogar. Es geht im Film auch nicht um einen Geschlechterkrieg oder darum, dass sich Frauen von den Fesseln befreien müssen, die ihnen die Männer angelegt haben. Gloria glaubt an die Liebe. Der Film zeigt sehr schön, dass man auch mit Ende 50 noch ein intensives Liebesleben führen kann, vielleicht sogar ein intensiveres als in der Jugend. Die Jugend wird wie ein Gott angebetet, aber Sebastián war sehr clever zu zeigen, wie viel Energie in reiferen Jahrgängen steckt. Es gibt ein Leben nach der Jugend.

Aufgeben gilt also nicht?

Wenn man hinfällt, steht man halt wieder auf. Ich sehe das Älterwerden weniger als Verlust, sondern als Beginn von etwas Neuem. Gloria ist eine ganz normale Frau mit einem Job, für die aber keiner mehr Zeit. Sie ist geschieden, die erwachsenen Kinder sind längst aus dem Haus. Und sie ist auf der Suche nach Liebe, will ihre Lebensfreude mit jemandem teilen. Sie spürt diese existenzielle Leere und sucht sich neue Herausforderungen.

Wie das Bungeespringen...

Das war für mich eine echte Herausforderung! Aber das hat mich auch gereizt. Gloria entwickelt sich von einer Nebenfigur, die immer nur für andere da ist, zu einer wahren Hauptfigur, zur Titelheldin ihres eigenen Lebens. Das muss man dann auch gar nicht groß in Worte fassen. Es geht vor allem darum, diesen Moment zu erkennen und das Leben in die eigenen Hände zu nehmen.

Es ist eine sehr physische Rolle, Sie spielen in fast jeder Szene, tanzen viel und sind auch nackt beim Liebesakt zu sehen. Hat Sie das Überwindung gekostet?

Das Tanzen nicht, das tue ich selbst sehr gern und viel. Mit vollem Körpereinsatz! Der Tanzstil im Film ist meiner. Vor den Nacktszenen hatte ich etwas Angst, weil ich befürchtete, dass ich mich nicht richtig aufs Schauspielen konzentrieren und nicht auf die Szene einlassen könnte. Aber das war unbegründet.

Man sieht im Hintergrund auch immer wieder die sozialen Unruhen in Chile.

Wir haben während der Studentenunruhen gedreht. Alle Protestmärsche und Kundgebungen im Film fanden tatsächlich statt, da ist nichts gestellt. Aber sie selbst ist kein politisch aktiver Mensch, zumindest engagiert sie sich nicht in einer Partei oder Gruppe. Während draußen alle aufbegehren, ist sie ganz in sich gekehrt, auf der Suche nach sich selbst.

Ist das einer dieser Aspekte Ihrer eigenen Persönlichkeit, auf die Sie zurückgreifen?

Nein, ich glaube noch an etwas! Ich gehe auf Demonstrationen und erhebe meine Stimme gegen Konditionen, die ich für schlecht halte. Anfangs waren es ja vor allem Studenten, die auf die Straße gingen. Unsere Kinder. Wir Älteren wurden mitgeschleift. Das hält auch jung.

Es gibt gerade eine ganze Welle von Filmen aus Chile, die sich mit dem Alltag des Landes auseinandersetzen. Woran liegt das?

Da beginnt gerade eine neue Ära. Das liegt vor allem an Produzenten, die gelernt haben, die richtigen Strippen zu ziehen. Aber es hat vor allem mit den sozialen Veränderungen und Unruhen zu tun, die es in den letzten fünf Jahren in Chile gab und die sich jetzt im Kino widerspiegeln. Die meisten der neuen Regisseure sind noch ziemlich jung, sie kennen sich gut und helfen sich gegenseitig. Es ist eine sehr hoffnungsvolle Phase, in der wir uns gerade befinden, fürs Kino wie für die Gesellschaft.

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