30.07.13

Bayreuth

Wie Frank Castorf "Siegfried" an den Berliner Alex verlegt

Der Intendant der Berliner Volksbühne inszeniert in Bayreuth die Liebesaffäre mit einem herzzerreißenden Ende. Doch was er da mit "Siegfried" macht, geht vielen im Publikum zu weit.

Von Manuel Brug
Foto: AFP

Wo man singt, dort lass’ dich ruhig nieder: Aber muss es ausgerechnet der Alex sein? Mirella Hagen auf der Balustrade, Lance Ryan und Burkhard Ulrich am Boden
Wo man singt, dort lass' dich ruhig nieder: Aber muss es ausgerechnet der Alex sein? Mirella Hagen auf der Balustrade, Lance Ryan und Burkhard Ulrich am Boden

Ja, am Potsdamer Platz in Berlin gibt es wirklich Füchse des Nachts, aber Krokodile am Alex, noch dazu bei Tage? In Frank Castorfs so bannender wie verstörender Bayreuther "Siegfried"-Phantasmagorie sind sie da, zweimal sogar. Erst eines als Schoßhund des Drachen Fafner (durchdringend: Sorin Coliban), der Mensch geblieben ist, statt in der Neidhöhle in einer Postfiliale wohnt und vor seinem plötzlichen Zuhältertod durch eine Kalaschnikow-Feuergarbe Siegfrieds dank seines verfluchten Goldrings noch viel Spaß mit käuflichen Mädels hat ("Ich lieg' und besitz'").

Dann watschelt am Ende des dritten Aktes ein brünstiges Panzerechsen-Duo herbei, das schnappend dem wenig von sich begeisterten Brautpaar Siegfried und Brünnhilde an der Bierbank gefährlich werden könnte. Die kampfeserprobte Walküre ("Fürchtest du nicht das wild wütende Weib?") stößt dem einen Spitzzahn auch nach diversen Jahren Feuerzauber-Tiefschlaf treffsicher einen Sonnenschirm in den Rachen.

Das andere freilich mampft das Waldvöglein (etwas scharf: Mirella Hagen), hier eine federnumwogte Revuetänzerin aus dem Friedrichstadtpalast, die schon vor Brünnhilde Siegfried unter der Peitschenlampe entjungfert hat und jetzt – wie einst die nackte Namenlose auf dem berühmten Helmut-Newton-Foto von Pina Bauschs "Keuschheitslegende" – von dem Gummireptil herunter gewürgt wird.

Siegfried aber ("Leuchtende Liebe, lachender Tod") zieht sie wieder raus: Schließlich soll es doch ein flotter Dreier werden, das wenigstens hat er vom inzwischen ziemlich fertigen Großvater Wotan gelernt, der einst Ähnliches mit seiner Frau Fricka und deren Schwester Freia praktizierte.

Somit ist Frank Castorf auch in diesem dritten "Ring"-Teil unheimlich konsequent und lässt gleichzeitig viele ratlose Buher zurück.

Weil seine Bilder immer so gefährlich realistisch aussehen, es aber beileibe nicht sind. Weil er sich offensichtlich bisweilen nicht um die Musik schert, ihre pathetische Kraft unterläuft, andere Betonungen setzt als Wagner – und sich gerade darin einen aufregenden Dialog mit dem so traumschön präsenten, aber unsichtbaren, nur klingend zu erlebenden Kirill Petrenko liefert.

Der dirigiert mit seinem wundersam folgsamen, auch am dritten Tag frischen Festspielorchester eine aufgeraute, variable, von heldischer Kraft strotzende, kontrastreiche, mal dunkel knurrende, dann wieder leise raunende "Siegfried"-Erzählung mit herrlich sonnigen Instrumentalspitzen. Petrenko hält so alles zusammen und dröselt musikalisch auf, wenn Castorf szenisch träumt und driftet, oft auch verrätselt.

Zwei Temperamente, zwei Welten

Ein solches Duo, diametral vorgehend, aber doch des anderen Methodik intensivierend, das hat es in Bayreuth selten gegeben. Intelligent und individuell ist beider Zugang, da stoßen zwei Temperamente und zwei Welten aufeinander. Am meisten hat Wagner davon, der tönend seine Modernität, sein enormes Charakterisierungspotenzial beweisen kann und szenisch ziemlich rangenommen wird, aber auch hier immer wieder als politischer und psychologischer Visionär, Verknüpfer so vieler uns heute noch bewegender Themenfelder siegt. Der "Ring" lässt nicht los, spaltet – kaum eine Produktion führt das so deutlich und auf der Höhe der Zeit vor wie diese, obwohl sie inhaltlich kaum Lösungen anbietet, die offene, nicht die geschlossene Form sucht.

Dreh- und Angelpunkt Castorfs und gleichzeitig die Kehrseite von Aleksandar Denics fantastischem, weil rotem Mount Rushmore, den man sich mit den monumentalen Köpfen von Marx, Lenin, Stalin und Mao als kommunistisches Kleeblatt wohl im Elbsandsteingebirge loziert vorzustellen hat, ist 180 Grad weiter ein Konstrukt von Ost-Berlins hässlichstem Platz, der hier zum mythischen Ort als Treffpunkt verlorener Seelen mutiert.

Nun also ist Frank Castorf ganz bei sich zu Hause. Da gibt es alles nur fragmentarisch und falsch zusammengesetzt, ein Stückchen betongefaltetes Fernsehturmfundament, einen S-Bahn-Bogen mit Projektionshalbrund, einen tristen Laden ("Für sie, für ihn, für alle"), die Weltzeituhr, den U-Bahn-Eingang, Waschbetonmüllkörbe, ein Stück Kaufhaus- Centrum-Lamellenblechverkleidung und die DDR-Post, vor der der einstige Barkeeper aus dem Rhein-"Golden Motel" Chianti und Spaghetti serviert. Der übrigens fungiert im ersten Akt statt des Braunen (Bären) als halb nackter, angeketteter Bärchen-Gefährte in Mimes Wohnanhänger, ebenfalls aus dem "Rheingold" mitgebracht, wo der gar nicht zwergenhaft agierende und singende Burkhard Ulrich im Röckchen mit würzigem Sprachwitz das Geschehen wie auch seinen giftigen Sudel würzt.

In diesem surreal irrlichternden Assoziativ-Ring aus der nach wie vor Funken sprühenden Castorf-Schmiede, bisweilen nahe an den Wagner-Vorgaben, dann sich mutwillig Freiheiten nehmend, geht zumindest im "Siegfried" der Erdöl-Grundgedanke als Goldersatz weitgehend flöten. Natürlich, wir stehen am klarsten Konfrontationspunkt der beiden den Kalten Krieg beherrschenden Systeme, der auch ein Kampf um Energie und Antrieb war. Diesmal aber erleben wir vor allem eine Abfolge von privaten Begegnungen der mal poetischen, mal abstoßenden Art.

Sie gleichen einer ungeschminkten Education sentimentale für den Siegfried des lauten, höhensicheren, aber nicht mehr schön singenden Lance Ryan. Der ist eine miese Dandy-Bestie mit Pelzkragen, Glitzerweste und keinerlei Zuneigung zu niemanden; nicht zum Braunen am Seil; nicht zum mordlüsternen Mime, den er absticht und mit Müll überkippt; nicht zum im Frack als fahriger Alkoholiker an der Fliesenwand lehnenden Wotan, des in seiner vokalen Konzentration und darstellerischen Abgewracktheit grandiosen Wolfgang Koch; nicht zum als Objekt benutzten Waldvogel, dem er auf alten Plastikflaschen nachzupfeifen versucht; nicht zur Brünnhilde der etwas unausgeglichenen, aber im Leisen wie Lauten intensiven Catherine Foster, die er aus einer Plane pult und an der er schnell das Interesse verliert.

Castorf geht trivial, rüde mit diesem Personal um, aber selten sah man die "Ring"-Figuren so nackt, so menschlich, so nah. Und dieses herzzerreißende Ende eine großen Liebesaffäre (immerhin neun Walküren-Kinder!) mit der ebenfalls am Alex residierenden Erda der wieder so souveränen Nadine Weissmann, das soll erst mal einer besser, stärker inszenieren.

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