Konzert

Altmeister Leonard Cohen singt in Berlin sein Lebenswerk

Foto: Sandro Campardo / AP

Der 78-Jährige macht schon länger Musik, als die meisten seiner Fans auf der Erde weilen. Er singt seine wunderbaren Lieder immer und immer wieder - und die Fans folgen ihm. So auch in Berlin.

78 Jahre Verführung, Poesie und Eleganz vereint Leonard Cohen an diesem Mittwochabend in der Berliner O2 World. Mit jedem Jahr wird seine Stimme eine Spur dunkler, einen Ton tiefer. An den Konzerten ändert sich wenig.

Die ersten sieben Stücke spielt Cohen unterstützt von seiner Band in der gleichen Reihenfolge wie im vergangenen Jahr in der Berliner Waldbühne, was sie aber nicht weniger grandios macht. Es tut gut, etwas zu haben, an dem man sich festhalten kann.

Schon beim allerersten Stück "Dance Me To The End Of Love" geht Cohen auf die Knie. Es ist, als würde man erahnen können, wie es sich anhören muss, wenn Gott singt. Zumindest wenn man naiverweise glaubt, dass Gott ein alter kanadischer Mann in einem Anzug ist. Aber wer weiß das schon.

Cohen jedenfalls ist überirdisch. Und dazu noch unglaublich komisch. "Danke meine Freunde, dass ihr kommt, dass ihr so weit nach oben klettert für uns", er schaut dabei auf das aus seiner Sicht absurd anmutende Bild, wie sich Zuschauer über Zuschauer auf mehreren Ebenen der Konzerthalle stapeln.

Allein im Wippen seiner Knie liegt eine Weisheit, die wenige jemals erreichen. Unter seinem Jackett blitzt ein rosa-farbenes Hemd auf. Und wie er federnd die herrlich schmutzige Dystopie "The Future" vorträgt, kann man nicht anders als es im gleichtun zu wollen. Versaute Witze in große Songs verwandeln und dafür als Dichter verehrt zu werden, dass schaffen nur die wenigsten. Oscar Wilde war einer von ihnen.

Anrührend ist seine Haltung, die er bei den Soli einnimmt

Vielleicht benötigt unsere Gesellschaft wieder einen Cohen, aber in jung. Damit er der Sexismusdebatte mal einen schmunzelnden und im rechten Versmaß komponierten Tritt in den Hintern gibt. Fast vierzig Jahre ist "Chelsea Hotel #2" jetzt alt. Und noch immer ist es ein Bild für die Ewigkeit, die Limousinen vor dem Gebäude, die zerwühlten Laken, der Dichter mit Janis Joplin.

Wieder geht er in die Knie. Es scheint, als würde Leonard Cohen sich bei allen noch einmal bedanken wollen. Nur so zu Sicherheit. Den Fans, dass sie ihm noch zuhören. Bei der Band, weil sie mit ihm spielt. Und ein bisschen bei sich selbst bestimmt auch.

Anrührend ist seine Haltung, die er bei den Soli einnimmt. Cohen stellt sich in den Schatten. Seine Musiker, seine Sängerinnen, sein Geiger, sie sind dann die Lichtgestalten. Er hält den Hut vor der Brust, wie zum Kirchgang. "Der Professor Mitch Watkins", kündigt er seinen treuen Gitarristen, gefolgt von einer ehrlichen, tiefen Verneigung an. Seit 1979 kennen sich die beiden schon. Viele der Zuschauer waren da noch gar nicht geboren.

Nach der Pause hält sich die Band zurück. Cohen steht an einem Synthesizer und singt zum daraus entspringenden Drumbeat, es ist ein Alleinunterhalter-Rhythmus, wie wir ihn auf Familienfeiern gehört haben, "Tower Of Song". Dazu ein engelsgleiches Da-Dü-Da-Damm-Damm-Da-Dü-Da-Damm-Damm der Backround-Sängerinnen. Kitsch ist etwas Wundervolles.

Cohen fährt mit uns bis ans Ende unserer Zeit

Das 1988 erschienene Album "I'm Your Man" markierte damals Cohens Öffnung für den Zeitgeist, man könnte fast von einem Synth-Pop-Album sprechen. Er spielt die kindliche Melodie auf diesem kleinen Keyboard. Der große Songwriter, der Dichter, an einem Plastikinstrument, er weiß um diese Komik. "Do you humour me?", fragt er nach dem nicht mehr endenden wollenden Applaus. Frei übersetzt: "Findet ihr denn alles gut, was ich mache?" Natürlich tun sie das und Cohen schenkt Berlin das Lächeln eines Kindes.

Bei "I'm Your Man" wird klar,, dass es nur einen geben kann. Die Gypsy-Geige des gerade mal 33 Jahre alten Geigers Alexandru Bublitchi singt von all den guten Zeiten. Wer einen Liebhaber, einen Partner, einen Boxer, eine Doktor oder einen Fahrer benötigt, Cohen ist der Richtige. Er hält uns die Hand, er steigt in den Ring und fährt mit uns bis ans Ende unserer Zeit.

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