19.05.13

Flimm, Schwarz, Kosky

Berlins Opernintendanten fühlen sich wie die drei Musketiere

Eigentlich sind die Berliner Opernintendanten Konkurrenten. Dennoch pflegen Jürgen Flimm, Dietmar Schwarz und Barrie Kosky ein freundschaftliches Verhältnis. Ein Gespräch über Sanierungen und Pläne.

Von Matthias Wulff und Volker Blech
Foto: Martin U. K. Lengemann

Die Berliner Opernintendanten fröhlich vereint - Jürgen Flimm von der Staatsoper (Mitte), Dietmar Schwarz (links) von der Deutschen Oper und Barrie Kosky von der Komischen Oper
Die Berliner Opernintendanten fröhlich vereint - Jürgen Flimm von der Staatsoper (Mitte), Dietmar Schwarz (links) von der Deutschen Oper und Barrie Kosky von der Komischen Oper

Was machen drei Opernintendanten, wenn sie für ein gemeinsames Foto lächeln sollen? Sie sagen laut: "Tarifanpassung". Das politisch ungelöste Problem verbindet die drei, an diesem Tag versuchen sie es mit Humor zu nehmen. Das Interview findet im Chefzimmer im Schiller-Theater statt. Dort residiert als Staatsopernintendant Jürgen Flimm, der vor wenigen Wochen einen Schlaganfall hatte. Seine Amtskollegen sind zu ihm gekommen: Dietmar Schwarz per Fahrrad von der nahe gelegenen Deutschen Oper, Barry Kosky mit deutlicher Verspätung, weil er an der Komischen Oper in Mitte gerade eine Operette inszeniert.

Berliner Morgenpost: Herr Flimm, Sie sind kürzlich erst ins Haus zurückgekehrt. Wie fühlen Sie sich?

Jürgen Flimm: Mir geht es gut. Nachdem ich eine etwas schwere Erkrankung hinter mir hatte. Aber mit den guten Wünschen meiner beiden Kollegen. Sie waren ganz lieb zu mir. In manchen Theatern und Städten würden die anderen sagen, Gott sei dank, dass der endlich weg ist.

Treten Sie jetzt kürzer?

Flimm: Im Moment ist es so, dass ich nach drei, vier Stunden sehr müde werde und auch nach Hause gehe. Davor war es deutlich später, um zehn, nach den Vorstellungen, jetzt eben etwas früher.

Und das bleibt jetzt eine Weile so?

Flimm: Ich denke schon, ich werde einfach zu müde. Das wird sich aber geben, sagen die Ärzte. Und in vier Stunden kann man auch viel machen.

Dann bleibt eine Menge Arbeit liegen?

Flimm: Ein paar weniger wichtige Nebensachen.

Intendanten können ihren Job also in vier Stunden erledigen?

Flimm: Na ja, wenn sie nicht so viel drum herum reden und alles knapp lösen, wenn sie die Oper wie ein Aktenzeichen behandeln. Aber das will man ja nicht. Man muss allen die nötige Aufmerksamkeit widmen. Es gibt ja auch Intendanten, die Briefe schreiben. Ich kannte einen, der mir sogar einen geschrieben hat, nachdem ich zwei Stunden mit ihm im Auto gefahren bin. Ich nenne keinen Namen. Meine Mitarbeiter schonen mich, und Daniel Barenboim hat mir vieles abgenommen.

In der Saison gab es überraschende Auslastungszahlen: die Komische Oper mit 76 Prozent, die Deutsche Oper mit 81 Prozent. Woran liegt es?

Flimm: Moment, wir hatten auch eine gute Auslastung. Ich glaube 87.

Dietmar Schwarz: Nee, ihr hattet mehr, über 90.

Flimm: Aber du hast das größere Haus.

Woran liegt es?

Schwarz: Das liegt einfach daran, ...

Flimm: ...dass wir gut sind.

Schwarz: Wollte ich gerade sagen.

Flimm: Wir sind die drei Musketiere.

Schwarz: Ich finde die Angebote von uns allen dreien, gerade was die Unterschiedlichkeit angeht, sehr gut. Das hat einfach ein großes Interesse bei den Berlinern und den Touristen geweckt. Ich bin ja Neuberliner und kann deshalb mal so etwas Naives sagen: Ich habe das Gefühl, dass auch in den Schauspielhäusern, ob Gorki Theater oder Schaubühne, eine bunte Mischung aus jungen Leuten, Touristen, alten Charlottenburgern, typische Intellektuelle zuhauf anzutreffen sind. Wenn man mal überlegt, ich habe die Zahlen gerade in Ihrer Zeitung gelesen, in den letzten drei Jahren sind 150.000 Zuzügler nach Berlin gekommen. Das ist von der Größe her fast eine Stadt wie Basel.

Flimm: Warst du da nicht lange Zeit?

Schwarz: Ja eben. Vielleicht müssen wir irgendwann noch anbauen. Wie erklärt Ihr euch das?

Barrie Kosky: Es hat mehrere Gründe. Es ist einfacher, wenn man neu beginnt. Und wir sind alle drei neu in unseren Jobs. Relativ neu, Jürgen, wie viele Spielzeiten hast du jetzt gemacht?

Flimm: Zwei.

Kosky: Es bedeutet, wir bringen alle neue Energie, frischen Wind ins jeweilige Haus. Zweitens kommunizieren wir miteinander. Dadurch sind die vielen Überlappungsprobleme mit Stücken und Regisseuren, auch wenn es das immer geben wird, deutlich geringer geworden. Das Dritte ist, wenn der Intendant eine Richtung vertritt, das Haus ihm folgt, dann spürt das Publikum diese Veränderungen. Das gehört zur Identität. Wir hatten einen schönen Start, aber (schnippst mit dem Finger) es kann einen Moment später wieder vorbei sein. Ich sitze nicht in meinem Büro, starre an die Decke und denke, alles ist wunderbar. Wir sagen immer zu den Politikern, Berlin muss seine drei Opernhäuser zelebrieren. Es gibt keine andere Stadt in der Welt, wo so ein Spektrum an Musiktheater angeboten wird. Wir wissen das, weil wir durch die ganze Welt fahren.

Die drei Häuser sind unter dem Dach der Stiftung Oper in Berlin vereint. Wie viel Kooperation ist möglich, wie viel Autonomie überlebenswichtig?

Flimm: Kooperieren tun wir nur als Freunde. Aber wir machen ja keine Koproduktionen, wie die Staatsoper das jetzt mit der Schaubühne einmal macht. Die Stiftung interessiert uns im Grund überhaupt nicht. Die wurde, als ich kam, sehr dämonisiert. Meinem Freund Barenboim habe ich gesagt, die Stiftung tut uns nicht weh. Kennt Ihr irgendeinen negativen Einfluss?

Schwarz: Nee, nööh.

Kosky: Bei Stiftungsterminen wird fast nie über das künstlerische Programm gesprochen.

Flimm: Manchmal gehen wir essen und dann quasseln wir uns aus. Auch über Divergenzen. Das läuft ganz sachlich, freundschaftlich. Ich gebe zu, ich hatte das vorher nicht erwartet. Aber da wir alle drei vernünftige, lustige Typen sind, geht das. Manchmal wollen wir dieselben Stücke spielen, na gut.

Mit Georg Vierthaler wurde gerade ein neuer Generaldirektor der Opernstiftung bestellt. Das Amt ist von Ihren Vorgängern ganz schön demontiert worden. Wozu braucht man ihn dann überhaupt noch?

Kosky: Da gibt es viele Dinge wie die Werkstatt, den Bühnenservice ...

Flimm: ... und die Verwaltung.

Kosky: Und ich finde es nicht schlecht, dass es jemanden gibt, der zwischen uns und der Politik als Ansprechpartner zur Verfügung steht. Eine Art Spokesman.

Flimm: Und der Vierthaler ist ein alter Kutscher. Der kennt sich wirklich aus mit den Strukturen der Häuser, er hat die Stiftung selber mitentwickelt. Und er kennt sich im Senat aus, auch unterhalb der Spitzenebenen.

Kosky: Der Generaldirektor kann auch dann wichtig werden, falls es mal zu Streitigkeiten zwischen uns kommen sollte. Theoretisch. Er ist kein Politiker, sondern gehört zu unserer Mischpoke. Ich hatte anfangs Angst, der Direktor würde dasitzen und sagen, Herr Kosky, sie können das, das, das nicht machen. Und "West Side Story", ein Musical an der Komischen Oper, geht gar nicht.

Flimm: Aber Vierthalers Vorgänger Raddatz hat das schon gut verstanden, weil er ein kluger Junge ist und sich aus den künstlerischen Belangen herausgehalten hat. Wir lösen das untereinander. Und ohne jeden öffentlichen Lärm.

Schwarz: Peter F. Raddatz hat ja auch damit angefangen, diese Abendessen zu initiieren. Das war gut. (schaut zu Flimm) Wir haben uns ja auch gleich böse gekabbelt.

Flimm: Habe ich vergessen.

Worum ging es?

Schwarz: Egal, wir kannten uns nicht. Dann hat Herr Raddatz uns eingeladen.

Flimm: Ach, es ging um Stölzls "Fliegenden Holländer". Ja, da warst du zu spät. Du bist einfach fünf Monate zu spät Intendant geworden.

Schwarz: Ist doch schön geworden bei Euch im Schiller-Theater. Aber es gibt eine Regelung in der Stiftung, dass an jedem Tag im Jahr gespielt werden muss. Mindestens ein Haus. Aber es gibt die blöden Montage, die versuchen wir zu vermeiden. Aber wir haben jetzt an der Deutschen Oper auch eine richtige zweite Spielstätte, und dann wird eben in der Tischlerei gespielt.

Flimm: Oder bei uns in der Werkstatt oder (schaut auf Kosky) in dem anderen kleinen Haus.

Kosky: Im Foyer.

Schwarz: Man glaubt es nicht, aber es gibt Korinthenkacker, die die Pläne durchforsten, ob es irgendwelche Überschneidungen oder an einem Tag keine große Oper gibt.

Es soll Berliner geben, die sich noch an die Staatsoper Unter den Linden erinnern. Jetzt wird die Sanierung noch einmal teurer, fast 300 Millionen Euro, und der Eröffnungstermin 2015 wird in der Schwebe gehalten. Was geht da in Ihnen vor, Herr Flimm?

Flimm: Gar nichts mehr geht in mir vor.

Sie sind doch kein Fatalist?

Flimm: Natürlich nicht. Aber als die mir vor zwei Jahren sagten, 2015 kann das Haus endlich eröffnet werden, habe ich das wirklich geglaubt. Wir hatten dann eine Sitzung mit der Belegschaft und jemandem von der Behörde. Am Schluss wurde er von einem unserer schlauen Konzertmeister gefragt: Was ist denn nun mit 2015? Die Antwort lautete: Da kann ich Ihnen nichts garantieren. Da wusste ich, auch 2015 wird nix. Irgendwann fragen sie sich, was wird mit 2016 oder mit 2017. Vielleicht wird es erst 2021. Aber dann bin ich wahrscheinlich nicht mehr im Geschäft. Ich will ja nicht mit dem Rollator durchs Theater stolpern. Also bleiben wir noch ein bisschen in dem schönen Schiller-Theater. Es ist ja durchgesetzt, es ist voll, das Haus ist schön, ein Kleinod der Fifties, da gibt es eine unvergleichliche Nähe zwischen Bühne und den Zuschauern. Wir bereiten uns fröhlich auf die Lindenoper vor, produzieren viel und kehren mit einem frischen Strauß schöner Aufführungen zurück. Vorwärts!

Dann braucht man die Staatsoper doch gar nicht mehr weiterzubauen?

Flimm: Die Sache läuft – wie sagte der Altkanzler? – (zögert) ein wenig suboptimal. Gehen sie an der Baustelle Unter den Linden vorbei, geht man wieder bedrückt nach Hause. Die Bauleute sehen einfach nicht, wie wichtig für uns verbindliche Zusagen sind. Wenn alle Vorschläge, die wir gemacht haben, völlig ohne Ergebnis sind, was soll man dann noch tun? Ich kann auch nicht ewig einen Regisseur oder Dirigenten umgarnen, das ermüdet wirklich alle, aber wir werden damit schon fertig.

Diese Gleichgültigkeit ist auch anderswo zu beobachten.

Flimm: Die haben ja auch wenig Druck. Die wissen gar nicht, was für uns nötig ist. Im November waren zum ersten Mal Projektleute hier. Wir schlafen schlecht, wenn irgendetwas mit der Inszenierung nicht funktioniert. Oder ein Regisseur abgesagt hat. Aber in Hamburg ist es ähnlich. Kostet 10-mal mehr, ist das egal? Aber dahinter steckt eine Methode, über die man einmal reden müsste. Die ganze Sanierung der Staatsoper ist falsch gedacht worden. Geplant wurde das Mögliche, aber nicht das Notwendige. Wir haben mal zwischendurch 20 Millionen Euro aus dem Projekt rausgestrichen. Wie geht das? Es wurde alles reingeplant, was man so machen kann. Da gab es akustische Tricks, die habe ich alle rausgestrichen. Die reden sehr selten mit uns über fachliche Probleme. Ich hatte mal mehrere Bauabschnitte vorgeschlagen, damit wir 2015 anfangen können. Ich habe zum Beispiel gesagt, macht einen provisorischen Bühnenboden und die Untermaschinerie später. Die Untermaschinerie ist wohl fertig und wird für ein Riesengeld an Miete irgendwo eingelagert. Es müsste mal einer ausrechnen, was diese ganze Verschieberei kostet. Jedenfalls fanden die meine Vorschläge ganz toll, machen sie aber nicht. Die tun sich schwer mit dem Umdenken. Wir müssen das, täglich. Wenn dir ein Sänger absagt, musst du innerhalb von zwei Stunden einen Ersatz besorgen können. Das gehört zum Job und macht auch Spaß.

Herr Kosky, haben Sie auch solche Erfahrungen gemacht?

Kosky: Die Umbausache ist schon etwas Besonderes. Ich habe im Moment nicht diese schlechte Erfahrungen, ich habe nur mein Haus, zwei Kollegen, Herrn Wowereit und Herrn Schmitz als Gesprächspartner. Ich bin sehr zufrieden. Aber auch auf uns kommt die Sanierung zu. Jede große Stadt hat wunderbare Qualitäten, aber eben auch eine große Verantwortung fürs Geld. Wir brauchen Geld, um Oper machen zu können.

Flimm: Wir werden mit Recht immer angehalten, möglichst sparsam zu produzieren. Wir geben das fleißig weiter an Bühnenbildner und Regisseure. Der kriegt dann seine zehn Komparsen leider nicht, weil es zu teuer wird. Ich kenne das Geschäft ja schon sehr lange, und wir haben das immer gemacht. Denn der Vorwurf, Künstler schmeißen nur mit dem Geld um sich, stimmt überhaupt nicht. Wir haben Sparmaßnahmen hinter uns und waren brav. Und jetzt ist es so, als hätte jemand einen Goldesel im Keller, der andauernd Millionen ausscheißt. Wo kommt das Geld denn her für Stuttgart 21 oder die Philharmonie in Hamburg? Dass die Staatsoper jetzt an die 300 Millionen kostet, das macht mich persönlich nervös. Wenn wir für etwas 150.000 Euro zu wenig haben, laufen wir mit Recht in einem Staatsbetrieb mit schlechtem Gewissen herum. Und neben uns rauschen die Millionen nur so vorbei. Dann will man die Hand ausstrecken und kriegt eins auf die Finger. Das Geld ist da, aber eigentlich ist es nicht da. Denken Sie mal an Stuttgart.

Schwarz: Die preußische Bürokratie hat mich auch bei unserer Sanierung überrascht. Aber der Hauptmann von Köpenick wäre nicht möglich gewesen, wenn es das nicht gäbe.

Kosky: Wieso der Hauptmann von Köpenick?

Schwarz: (überhört die Zwischenfrage) Die Bürokratie ist über diese verschiedenen Instanzen und Autoritäten einfach festgeschrieben. Man kann die einzelnen Zuständigen in der Baubehörde gar nicht verantwortlich machen. Das ist das System, wie es aus dem 19. Jahrhundert kommt. Ich würde es auch nicht Frau Lüscher zuschreiben.

Flimm: Nein.

Schwarz: Unsere Sanierung der Obermaschinerie ist ja ein kleiner Brocken im Vergleich zur Staatsoper. Unser Bauvolumen beträgt 20 Millionen.

Flimm: Hahaha.

Schwarz: Wir haben die detaillierten Planungen meiner Vorgängerin Kirsten Harms übernommen. Die Ausschreibungen mit ihren Fristen sind echt kompliziert. Es gibt tausend Punkte, an denen dieser Bürokratie-Apparat anfängt zu arbeiten. Irgendwann sagte ich, ja aber wir haben einen "Ring" mit Simon Rattle geplant. Es hat am Tisch niemanden interessiert. Die Botschaft war, das geht nicht, weil wir dann ja bauen. Da war ich gerade zwei Monate unter Vertrag, etwas ahnungslos, und meinte, das geht doch nicht, da muss doch der Wowereit her. Die Antwort war nur: Da könnse jerne den Wowereit anrufen. Aber ich glaube, das ist eine Frage des Systems. Und das kennt viele Fristen. Wir haben dann umdisponiert. Nächstes Jahr haben wir sogar ein halbes Jahr geschlossen.

Flimm: Oh, dann kassieren wir viele Zuschauer ab. (Kosky lacht)

Herr Kosky, bei Ihnen ist auch bald die Sanierung fällig?

Kosky: Ja, aber wir warten in der Schlange. Wir sind jetzt sehr vorsichtig, nachdem wir das mit der Staatsoper gesehen haben. Wir haben ein paar Sachen auf dem Tisch liegen. Aber es ist nicht so, dass die Staatsoper im Juli aus dem Schiller-Theater geht und wir im Herbst einziehen. Da muss mindestens ein Jahr dazwischenliegen. Außerdem glaube ich, dass es für die Komische Oper im Schiller-Theater riskanter wird. Nachher sagt jemand, ist alles billiger, bleibt doch dort.

Flimm: Ich sag dir bloß, bleib in Deinem Haus. Geht bloß nicht raus!

Was soll denn irgendwann mit dem Schiller-Theater passieren?

Flimm: Das wissen wir nicht. (alle drei lachen) Weil wir so lange hier drin sind, da gibt es schon den überübernächsten Kultursenator, der das entscheiden muss.

Kosky: Die Heimat der Komischen Oper ist der historische Theaterstandort in der Behrenstraße, der neobarocke Saal, das alte Metropol-Theater, das schöne Foyer, das Felsensteinzimmer sind ein wesentlicher Teil der Identität. Darum müssen wir bleiben. Deswegen kommt für uns das Schiller Theater nicht infrage.

Flimm: Geht bloß nicht raus, sag ich dir.

Herr Kosky, bevor Sie ins Amt kamen, haben wir gern darüber gelästert, wie effektiv die Komische Oper ihr Publikum verprellt.

Kosky: Das stimmt doch gar nicht.

Aber es gibt schon etwas, wie Ihre Auslastungszahlen beweisen, was besser läuft?

Kosky: Andreas Homoki kam 2000-irgendwann in einer sehr schweren Phase ans Haus. Er hat richtige Sachen gemacht. Er sagte, weg mit der Vergangenheit. Damit hat er fünfzig Prozent seiner Zuschauer verloren. Die waren auch Fans von Harry Kupfer und Walter Felsenstein. Aber es gab mehr erfolgreiche als gefloppte Inszenierungen.

Aber das alte Publikum ging immer wieder rein und hat sich aufgeregt?

Kosky: Ja und nein. Der große Skandal war Calixto Bietos Inszenierung von Mozarts "Entführung aus dem Serail". Das läuft immer noch im Repertoire relativ erfolgreich. Das war ein wunderbarer Skandal, weil er dazu beigetragen hat, das wir jetzt ein Gesamtberliner Publikum haben. Wenn Sie genau in den Spielplan schauen: So viel mache ich nicht anders – Felsenstein, Kupfer, Homoki und ich. Wir alle haben Operette gemacht. Vielfältiges Repertoire von Barock bis hin zu Uraufführungen gab es schon immer an der Komischen Oper. Letztendlich hat Homoki den Wandel vorbereitet, und jetzt können wir richtig durchstarten. Ich bin sehr glücklich mit dem Monteverdi-Auftakt und der "Zauberflöte", und letztendlich riecht das Publikum, jetzt passiert in der Komischen Oper was Neues. Nach fünf Uraufführungen, einen Mozart, einer Oper in Russisch machen wir jetzt die erste und einzige Operettenpremiere der Spielzeit – mal abgesehen von zwei tollen konzertanten Aufführungen.

Schwarz: Da muss ich mal eine Frage stellen. (wendet sich Kosky zu) Wenn ich jetzt einen Weg finde, die Operette anders zu machen als du, rennst du dann nicht gleich zu Wowereit und sagst ihm, die Operette bleibt bei mir?

Kosky: Nein, es geht doch um etwas ganz anderes.

Schwarz: Es ist ja gut, dass man sagt, die Operette gehört zur Komischen Oper. Aber irgendwann möchte ich schon mal eine große klassische Operette machen.

Kosky: Was denn?

Schwarz: Keine Ahnung welche. Aber eine "Fledermaus" gehört auch an die Deutsche Oper.

Flimm: Könnte ich dir inszenieren. Kann ich wahnsinnig gut.

Kosky: Dann mache ich dir einen neuen "Ring". (Kosky ist einer der schärfsten Wagner-Kritiker) Man muss aufpassen, ich sage ja nicht, wir machen nur Operette. Wir machen große zeitgenössische Stücke. Auch wenn meine Leute gefragt haben, warum wir jetzt Zimmermanns "Soldaten" machen.

Flimm, Schwarz: (unisono) Eben, eben.

Kosky: Die Komische Oper hat eine alte Felsenstein-Tradition, Stücke des 20. Jahrhunderts zu machen.

Flimm: Ja, ja, die Tradition. Er hat sich nämlich beschwert, dass wir Offenbach machen. Bei Wowi, unser aller Schutzengel.

Schwarz: Nein, immer gleich die höchste Instanz.

Flimm: Dann dachte ich, er gibt mir "Die Soldaten". Ich hatte schon Daniel Barenboim so weit, dass er das dirigieren würde. Dann habe ich meinen Offenbach gegen "Die Soldaten" angeboten. Das hat er nicht gewollt. Das ist die Sehnsucht nach Höherem.

Kosky: Nein, wir machen ein vielfältiges Programm, Spielopern und große Ensemblestücke egal aus welcher Epoche. Aber keinen Wagner und keinen neuen Verdi – nicht bei uns! (zu Schwarz gewandt) Wann willst du "Die Fledermaus" machen?

Schwarz: (zuckt mit den Schultern)

Flimm: Wenn ich Zeit habe.

Kosky: Es gibt immer Überlappungen. (alle drei reden durcheinander)

Sie Drei sind unschuldig, dass vor zehn Jahren die Ballettkompagnien an Ihren Häusern aufgelöst wurden. Es gibt ein Staatsballett Berlin, das inzwischen in der Deutschen Oper ansässig ist. Und mit Sasha Waltz ist eine neue Mitbewerberin aufgetaucht. Wie soll es mit der Berliner Choreografin und ihrer Kompagnie weitergehen?

Flimm: Sie ist eine tolle Choreografin, eine tolle Regisseurin. Berlin muss sagen, ob sie Sasha Waltz will oder nicht. Wir können einiges mal mit einer Produktion bei uns auffangen. Dietmar hat ja auch gute Kontakte, dass sie mal hier oder da etwas machen kann. Aber es ist ein Problem von Wowereit und Schmitz. Sie müssen sich erklären. Wir können das Problem nicht lösen. Ich vermisse das Ballett. Ich bin neidisch, dass Dietmar das Staatsballett bei sich hat. Ich finde, zu einem Opernhaus gehören auch Tänzer, die müssen schönes Ballett machen und in der Kantine sitzen.

Schwarz: Du kannst jederzeit zum Essen zu uns kommen.

Flimm: Ich mach ja demnächst die "Fledermaus" bei dir.

Gehört Sasha Waltz mit ihrer Kompagnie in die Opernstiftung?

Flimm: Nein. Definitiv nicht, weil sie eine Privatunternehmerin ist. Aber der überübernächste Kultursenator könnte ja aus dem Schiller-Theater ein Tanzhaus machen. Dann tanzen hier Sasha und auch das Staatsballett, und hier könnte man Tanzfestivals machen. Vielleicht würde ich aus dem Schiller-Theater lieber ein Campus-Theater machen. Hier gibt es die ganzen Universitäten rundum.

Sasha Waltz gehört, so die derzeitige Außenwirkung, an die Staatsoper. Wie ist das jetzt mit der Aufteilung von Regisseuren an den drei Häusern?

Flimm: Da sprechen wir uns ab. Dietmar hat jetzt aber auch den Christoph Loy, den Claus Guth und den Philipp Stölzl, das sind drei meiner Lieblinge. Aber es ist besser, wenn gute Regisseure an beiden Häusern inszenieren. Schlechte Regisseure wären ärgerlicher. Überschneidungen sind natürlich nie auszuschließen. Aber es sollte nicht jede Saison so sein.

Herr Schwarz, sehen Sie das auch so?

Schwarz: Ich sehe das eigentlich theoretisch anders.

Flimm: Nein, das hast du mir nie gesagt.

Schwarz: Doch, das sage ich dir immer wieder. Aber mittlerweile glaube ich, die Welt geht nicht unter, wenn Regisseure in verschiedenen Spielzeiten an unterschiedlichen Häusern etwas machen.

Herr Schwarz, sehen Sie das mit Sasha Waltz ähnlich?

Schwarz: Ich kann da auch nichts anderes sagen als das, was Herr Flimm gesagt hat. Die Stadt muss eine elegante Lösung finden. Wir können nur einzelne Produktionen geben, aber in die Stiftung kann man sie nicht eingliedern.

Kosky: Andreas Homoki hat sein Ballett schweren Herzens aufgeben müssen.

Flimm: Ja, er musste sparen.

Kosky: Na ja, seien wir mal ehrlich. Die Berliner Kulturpolitik wollte sparen und hat die Kompagnien zusammengelegt. Homoki hatte keine Wahl. Aber ich glaube ebenfalls, dass an ein Opernhaus auch ein Ballett gehört. Ich bemerke das in Produktionen wie "Kiss me Kate" oder demnächst beim "Ball im Savoy". Die Energie der Tänzer ist wichtig. Wenn ich die Million hätte für eine zeitgenössische Tanztruppe, so zehn, zwölf Tänzer, dann würde ich es machen.

Schwarz: Die würden den "Ball im Savoy" wieder nicht machen wollen.

Kosky: Das ist eine andere Frage.

Flimm: Aber es gibt hübsche Mädchen und Jungen. Und dann kommen die alten Damen und Herren aus ihren Büros, wo sie den ganzen Tag rummüffeln, in die Kantine und blühen auf. Das macht etwas aus. Das ist die Energie, von der du sprichst. Und tanzen können die ziemlich gut.

Tarifanpassung ist kein besonders lustiges Wort. Aber Sie haben ab 2015 das gemeinsame Problem, dass die Haustarife des nichtkünstlerischen Personals dem Landesniveau angepasst werden müssen.

Schwarz: Im Juni wird im Senat darüber entschieden, im Herbst kommt es ins Abgeordnetenhaus.

Kosky: Wir können im Moment nicht viel sagen, wir sind hoffnungsvoll. Wir haben mit Politikern gesprochen und alles gesagt, was wichtig ist.

Flimm: Für uns geht es um fünf Millionen.

Schwarz: Insgesamt in der Stiftung um 16 Millionen Euro.

Was ist denn das Schreckensszenario?

Schwarz: Ich kann nur sagen, wenn ich diese fünf Millionen Euro aus unserem Etat nehmen müsste, könnte ich keine Neuinszenierung mehr machen. Und Oper ist kein Museum. Das wäre unser Horrorszenario, eine Zeit lang keine neuen Produktionen machen zu können, und wäre künstlerisch ein Desaster. Man müsste Leute entlassen, was nicht zu verantworten wäre. Der Chor hatte mal 110 Mitglieder, jetzt sind es 80. Wir haben inzwischen am Haus 55 nicht besetzte Stellen.

Flimm: Dafür mache ich dir die "Fledermaus" umsonst.

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Die drei Opernhäuser im Überblick
  • Staatsoper im Schiller Theater

    Gesamtbudget: 58 Millionen Euro

    Mitarbeiter: 530

    Vorstellungen: 296

    Auslastung: 88,7 Prozent

  • Deutsche Oper

    Gesamtbudget: 50 Millionen Euro

    Mitarbeiter: 500

    Vorstellungen: 177

    Auslastung: 80,8 Prozent

  • Komische Oper

    Gesamtbudget: 37 Millionen Euro

    Mitarbeiter: 425

    Vorstellungen: 226

    Auslastung: 74,0 Prozent

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