27.04.13

Oper

"Die Kraft kommt aus dem Orchestergraben"

Der Berliner Regisseur Philipp Stölzl pendelt zwischen Kinofilmen, Verdi und Wagner. Am Sonntag hat seine Inszenierung von Wagners "Fliegendem Holländer" Premiere im Schiller-Theater. Ein Gespräch.

Von Volker Blech
Foto: AFP

Gut beschäftigt: Philipp Stölzl bereitet für die Wiener Festwochen 2013 Verdis Oper „Il trovatore“ vor. Seine Inszenierung kommt im November nach Berlin ins Schiller-Theater. Dort hat am Sonntag auch Stölzls Wagner-Produktion vom „Fliegenden Holländer“ Premiere
Gut beschäftigt: Philipp Stölzl bereitet für die Wiener Festwochen 2013 Verdis Oper "Il trovatore" vor. Seine Inszenierung kommt im November nach Berlin ins Schiller-Theater. Dort hat am Sonntag auch Stölzls Wagner-Produktion vom "Fliegenden Holländer" Premiere

Der Berliner Regisseur Philipp Stölzl ist ein Tausendsassa geworden. Zunächst hatte er Musikvideos für Rammstein und Madonna gedreht, jetzt hat er gerade seinen Film "Der Medicus" nach Noah Gordons gleichnamigen Bestseller und mit Ben Kingsley in einer Hauptrolle beendet. Zur Zeit inszeniert er in Wien Verdis "Il trovatore", eine Opernproduktion, die am 29. November in Starbesetzung ans Schiller-Theater kommt. Bereits am Sonntag hat in Charlottenburg seine Inszenierung von Wagners "Fliegendem Holländer" Premiere.

Berliner Morgenpost: Was ist denn anders, wenn man mit Stars wie Anna Netrebko oder Placido Domingo probt?

Philipp Stölzl: Das weiß ich noch gar nicht, weil die Beiden die Verdi-Oper ja nur in Berlin singen und deshalb erst später dazu kommen. Ich habe hier in Wien tolle Sänger, aber keine Stars. Aber ich habe natürlich in meinem Leben schon mit einer Menge Stars gearbeitet. Dabei habe ich gelernt, dass alle großen Künstler in der Regel auch unkompliziert sind. Das war bei Madonna, Luciano Pavarotti, Ben Kingsley so, mit denen ich auf der Bühne oder am Set gearbeitet habe. Man ist immer fünf Minuten lang nervös und ehrfürchtig, danach beginnt die Arbeit.

Wer ist im Umgang unkomplizierter: Sänger oder Filmschauspieler?

Jeder Künstler hat seine eigenen Bedürfnisse und Sprache, worauf man sich als Regisseur einzulassen muss. Bei Sängern kommt hinzu, dass ich als Bühnenregisseur nur die Hälfte oder sogar weniger an Arbeit mache. Prägender ist schon die musikalische oder stimmliche Arbeit durch den Dirigenten. Bei Filmschauspielern versucht man, innerhalb dieses riesigen technischen Apparats, buchstäblich zwischen Tausend grellen Lampen, trotzdem einen ehrlichen intimen emotionalen Moment herzustellen. Bei der Opernarbeit muss man schauen, dass man eine Darstellung hinbekommt, die zugleich musikalisch funktioniert.

Was zeichnet einen guten Opernsänger aus?

Sänger sind für mich eine Mischung aus Schauspieler und Hochleistungssportler. Weil sie körperlich unheimlich viel leisten und obendrein immer auf ihre Stimme aufpassen müssen. Jeder gute Sänger ist auch wahnsinnig beherrscht, sich selbst kontrollierend. Sie müssen viel trainieren, bei Filmschauspielern kommt die Kunst oft mehr aus einem intensiven Leben heraus.

Dann sind Sänger zumindest die anständigeren Menschen?

Naja. Die Sänger, mit denen ich jetzt in Wien arbeite, sind ständig auf Reisen. Von der Scala an die Met, weiter nach Hongkong und zwischendurch nach St. Petersburg. Bei so einem Leben muss man höchst diszipliniert sein, um die Leistung halten zu können.

Was waren Ihre absurdesten Erlebnisse mit einem Star?

Zu meinem Beruf gehört auch eine gewisse Diskretion. Und wirklich, bis auf wenige Ausnahmen habe ich nur schöne Begegnungen gehabt.

Wie viele Operninszenierungen und Filme haben Sie bisher gemacht?

Oh, da muss ich selber einmal nachzählen. "Der Medicus", den ich gerade fertig gemacht habe, ist mein fünfter Film. Für einen Film braucht man zwei, drei Jahre, da kommt nicht so viel zusammen. Der Verdi ist jetzt meine zehnte Inszenierung.

Urenkelin Nike Wagner verglich zum Auftakt des Verdi- und Wagner-Jubiläumsjahrs die beiden Komponisten mit Uff-ta-ta und unendlicher Melodie. Das ist natürlich parteiisch.

Den Vergleich kann man stehen lassen. Es ist mein erster Verdi, es ist für mich eine musikalisch fremde Welt. Aber Verdi ist beim genauen Hinhören viel mehr als Uff-ta-ta. Er ist extrem auf Stimmen konzentriert. Bei Wagner spielt das Orchester die Hauptrolle und die Stimmen schmelzen hinein. Die Kraft bei Wagner kommt hauptsächlich aus dem Graben. Und eben auch die unendliche Melodie. Bei Verdi geht es um die menschliche Stimme in all ihrer Schönheit und Emotionalität, die dabei vom Orchester begleitet, unterstützt wird.

Entscheiden Sie sich: Lieber Verdi oder Wagner?

Ich muss mich entscheiden, warum eigentlich?

Regisseure sind doch eher Kopfmenschen, welcher von Beiden steht Ihnen näher?

Gut, ich bin ganz klar auf der Wagner-Seite. Aber der "Troubadour" macht mir wahnsinnig Spaß, weil er so elektrisch und hysterisch ist.

Im Wagner-Jahr wird auch wieder über Genie und Abgründe gesprochen.

Das liegt klar: Als Musiker war er ein Genie, als Mensch unzulänglich. Er hat ganz viele Momente, wo man ihn uncool findet. Angefangen mit seinen antisemitischen Schriften. Aber auch Wagner und Frauen ist ein ungutes Kapitel, das ewige über seine Verhältnisse leben, die Schmarotzerei. Als Mensch kann man ihn nicht richtig umarmen, anders übrigens als Verdi, der sein ganzes Leben lang eine gute Figur machte. Aber Wagners Musik mit ihrer Kraft und ihren Geheimnissen steht einfach für sich.

Halten Sie seine Opernwerk für unumstritten?

Nein, natürlich nicht. Es gibt eine Mischung aus wahrer Größe und Verbasteltheiten bis hin zur unfreiwilligen Komik. Es ist sehr eigen, sehr versponnen. Gegenüber stehen unfassbar reinen Moment der Musik, die einem eine Seelentür öffnen.

Aber Wagner ist auch ein Manipulator?

Absolut. Das wurde ihm immer auch vorgeworfen, dieses Suggestive.

Kann man sich dem als Regisseur entziehen?

Ich habe gar keine Lust, mich dem zu entziehen. Das ist doch der Grund, weshalb man Wagner macht. Bei Wagner funktioniert die Oper weniger analytisch, sondern vor allem sinnlich.

Ist in der Berliner Inszenierung jetzt etwas anders als in Basel?

Nein, aber es ist eine völlig andere Sängerbesetzung zu erleben. Es wird musikalisch etwas anders sein und im Schiller-Theater akustisch etwas anders wirken.

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